Muhammad Yunus „Ein Börsengang sendet die falsche Botschaft“

Für seine Idee der Mikrokredite ist Muhammad Yunus mit Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Doch die Kleinstkredite für Arme geraten mittlerweile in die Kritik. Mit Wucherzinsen treiben die Banken ihre Kreditnehmer in die Überschuldung. Der Nobelpreisträger wehrt sich im Handelsblatt-Interview gegen die Vorwürfe.
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Muhammad Yunus wehrt sich gegen die Vorwürfe gegen seine Mikrokredite. Quelle: Reuters

Muhammad Yunus wehrt sich gegen die Vorwürfe gegen seine Mikrokredite.

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Handelsblatt: Herr Professor Yunus, es gibt immer mehr Klagen über Wucherzinsen für Mikrokredite. Verliert Ihre Idee von der Hilfe für die Armen die Glaubwürdigkeit?

Muhammad Yunus: Seitdem es die Mikrokredite gibt, ist an ihnen immer wieder Kritik geübt worden. Neuerdings aber zeigt sich ein ernstes Problem: Gewisse Leute versuchen, mit Mikrokrediten Geld zu verdienen. Sie geben damit der Idee die falsche Richtung. Mikrokredite wurden entwickelt, um Menschen aus der Armut zu helfen. Die Kontroverse entzündet sich an dem Börsengang des indischen Mikrokreditinstituts SKS. Verbraucherorganisationen beschuldigen SKS, zu hohe Zinsen zu verlangen.

Stimmt der Vorwurf?

Ich habe dem Gründer von SKS, Vikram Akula, in einer Diskussion gesagt: Der Börsengang bedeutet, dass Du den Investoren erzählst, was für eine wunderbare Gelegenheit sich ihnen da bietet, mit armen Leuten Geld zu machen. Das ist die falsche Botschaft. Mikrokredite sollten soziales Unternehmertum sein. Sie dürfen nicht in den Ruf lukrativer Renditen für Kapitalanleger kommen.

Die Befürworter des Börsengangs argumentieren, Mikrofinanzinstitute brauchen das Geld vom Kapitalmarkt, damit ihre Kredite noch mehr Arme erreichen.

Ich halte dieses Argument für falsch. Schauen Sie sich die Grameen Bank an. Sie geht nicht an die Börse, sie sucht keine institutionellen Investoren. Trotzdem kann sie ein hohes und stetiges Wachstum finanzieren.

Auch gegen die Grameen Bank gibt es Vorwürfe, sie verlange überhöhte Zinsen und treibe Kunden in die Überschuldung.

Das ist unwahr. Einige Leute erfinden Geschichten, wie es ihnen passt. Die Grameen Bank verlangt zwanzig Prozent Zinsen mit einer abnehmenden Rate. Normale Geschäftsbanken in Bangladesch fordern 13 Prozent. Und was viele nicht wissen: Die Grameen Bank gehört den Kunden, die bei ihr Kredite aufnehmen. An sie gehen alle Überschüsse als Dividenden.

Befürworten Sie eine gesetzliche Höchstgrenze für die Zinsen wie jetzt in Indien verhängt?

Es wäre besser, der Mikrokreditsektor würde das Problem selber lösen. Aber wenn es freiwillig nicht geht, dann bin ich für ein gesetzliches Limit. Die Zinsen sollten die Formel Refinanzierungskosten plus zehn Prozent nicht überschreiten. Statt Eingriffen des Staates ad hoc sollte darüber eine Regulierungsbehörde wachen.

Wie lässt sich die Überschuldung durch mehrere Mikrokredite verschiedener Anbieter lösen?

Auch das ist eine Aufgabe für den Regulierer. Die Technologie, um die relevanten Informationen online über Computer bereitzustellen, ist grundsätzlich da. Es muss nur gemacht werden. Bangladesch hat jetzt eine Regulierungsbehörde geschaffen, was ich immer gefordert habe.

Sehen Sie die Gefahr, dass eine Kreditblase im Mikrofinanzsektor entsteht, weil ungeprüft zu viele Darlehen vergeben werden?

Bisher sehe ich diese Gefahr nicht. Sie wäre schlecht für beide Seiten, Gläubiger und Schuldner. Ich halte eine solche Entwicklung für unwahrscheinlich, weil die Mikrokreditinstitutionen darunter am meisten leiden würden. Sie haben keine Handhabe gegen ihre Schuldnerinnen, wenn die Darlehen nicht zurückzahlen. Sie können sie nicht zwingen, nicht ins Gefängnis stecken, gar nichts. Denn es gibt keinen rechtsgültigen Vertrag. So funktioniert nun einmal das Mikrokreditgeschäft. Die Institute müssen ihre Kunden deshalb sorgfältig auswählen und sich auf das Urteil und nötigenfalls den Druck der Schuldnergruppen in den Dörfern verlassen.

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