Nach dem Rückzug der Familie ist die Bank ein Übernahmekandidat geworden: Julius Bär droht am Streit um die richtige Strategie zu zerbrechen

Nach dem Rückzug der Familie ist die Bank ein Übernahmekandidat geworden
Julius Bär droht am Streit um die richtige Strategie zu zerbrechen

Die Schweizer Privatbank Julius Bär wird mehr und mehr als Übernahmekandidat gehandelt. Zwei Wochen nachdem die Familie Bär beschlossen hat, eine Einheitsaktie einzuführen und damit die eigenen Stimmrechte von derzeit 52 Prozent auf 18 Prozent zu begrenzen, wächst in Zürich die Befürchtung, dass bald eines der größten Schweizer Finanzinstitute in fremde, womöglich nicht eidgenössische Hände übergehen könnte.

ZÜRICH. Der Börsenkurs der Bär-Akte, der seit den ersten Gerüchten über einen bevorstehenden Rückzug der Familie von 330 auf mehr als 400 Schweizer Franken gestiegen ist, sei nur durch Übernahmephantasien zu erklären, heißt es von Analysten. Mitarbeiter fürchten, dass „Aktionäre jetzt Kasse machen. Dann ist die Bank am Ende.“ Von Insidern ist zu hören, dass nur eine Verbindung mit einem anderen Institut helfen könne, die Kosten zu drücken. Innerhalb von anderthalb Jahren werde Julius Bär in seiner jetzigen Form wohl nicht mehr existieren. Namentlich zitieren will sich mit Rücksicht auf die angesehene Familie jedoch niemand.

„Als Familienunternehmen sind wir seit über 110 Jahren erfolgreich. Daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern.“ So steht es noch im jüngsten Geschäftsbericht. Dass dieser Satz jedoch nicht mehr gilt – dafür haben die Familienmitglieder selbst gesorgt, indem sie ihre Mehrheit am Unternehmen aufgeben haben. Der Grund: Auseinandersetzungen innerhalb der Familie über die richtige Strategie für die Bank. Sie gipfelten in der Mitteilung vom vergangenen Monat. Danach muss Michael Bär – am Schweizer Finanzzentrum Zürich „Mike“ genannt – wegen „unterschiedlicher Auffassungen hinsichtlich der Umsetzung der Private-Banking-Strategie“ seinen Posten räumen. Der Bär-Spross besitzt rund vier Prozent der Aktien und könnte jetzt zu den ersten Verkäufern gehören. Die Entscheidung, ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen, ist vom Verwaltungsratschef Raymond Bär, Cousin von Mike, abgesegnet worden. Er reagierte damit auf die schlechte Entwicklung im Aufgabenbereich von Mike Bär: Während andere Institute per saldo Neueinlagen verzeichneten, stagniert bei Julius Bär die Höhe des betreuten Vermögens von privaten Kunden bei rund 60 Mrd. Franken (knapp 40 Mrd. Euro). Darüber, wie mehr Zuwachs zu erzielen sei, herrschte jahrelang Ratlosigkeit. Vor zwei Monaten schließlich kam dann die Entscheidung, das US-Geschäft mit betuchten Privatkunden an die Schweizer Großbank UBS zu verkaufen.

Dafür ging Julius Bär in Deutschland in die Offensive und kündigte an, dort seine bisher ruhende Banklizenz zu aktivieren.Das Vorhaben wird mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag verschlingen. Das zeigt das Problem der Schweizer: Julius Bär ist mit einem betreuten Vermögen von 135 Mrd. Franken und seinen 1 800 Mitarbeitern weder genügend groß, um risikoreiche Experimente zu wagen, noch klein genug, um nur Nischen zu besetzen. Allein die Kosten der institutseigenen IT-Ausstattung sind immens.

Gegen eine Übernahme spricht allerdings, dass der Preis derzeit hoch ist, weil Übernahmeohantasien den Kurs der Aktie bereits stark nach oben getrieben haben. Dagegen spricht auch, dass kein Interessent, der die Bank kauft, damit rechnen kann, dass alle Kunden den Wechsel akzeptieren und dem Hause treu bleiben. Schon gar nicht, wenn sich eine Großbank das feine Schweizer Privatinstitut einverleiben sollte.

Für eine Übernahme spricht hingegen, dass 135 Mrd. betreutes Vermögen eine hübsche Summe sind, ein Reingewinn von 211 Mill. Franken nicht zu verachten und Julius Bär ein klangvoller Name ist. Die Zeit zum Handeln drängt, bevor die Bank unter den Spekulationen leidet: Die Schweizer Börse und die nationale Bankenaufsicht haben bereits Untersuchung wegen Insiderhandels und Verletzung der Ad-hoc-Publizität angestrengt, weil sie vor der Veröffentlichung der neuen Eigentümerstruktur auffällige Handelsvolumen bei Julius-Bär-Aktien entdeckt haben.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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