Nach Schrumpfkur Wirtschaft fürchtet neue Kreditklemme

Die höheren Eigenkapitalforderung der Politik bergen Risiken für die Bankhäuser. Wo sie frisches Geld beschaffen sollen, weiß niemand. Es droht eine Kreditklemme. Flugzeugbauer Airbus warnt - Zulieferer sind in Gefahr.
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Das Frankfurter Finanzviertel: Die Geldhäuser stehen vor großen Herausforderungen. Quelle: dpa

Das Frankfurter Finanzviertel: Die Geldhäuser stehen vor großen Herausforderungen.

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Zürich/London/FrankfurtEigentlich hatten die EU-Politiker nur Gutes im Sinn, als sie den Banken befahlen, bis zum kommenden Sommer ihre Kapitalpuffer im Schnellverfahren massiv aufzustocken. Ursprünglich sahen die neuen, unter dem Stichwort Basel III bekannten Eigenkapitalvorschriften eine Übergangsfrist bis 2019 vor, doch jetzt müssen die Institute bereits im Juli 2012 eine harte Kernkapitalquote von neun Prozent vorweisen, um gegen die Schocks der Euro-Krise gewappnet zu sein.

Doch wo soll das Kapital herkommen? Sollte sich die Schuldenkrise nicht schnell entspannen, werde es den meisten Instituten schwerfallen, die Lücke mit eigenen Gewinnen aufzufüllen, warnen die Analysten der britischen Bank Barclays. Gleichzeitig ist das Misstrauen der Investoren gegenüber der Finanzbranche so groß, dass viele Institute keine Chance sehen, neues Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen. Wenn der Staat nicht wieder einspringen soll, bleibt den Banken nur eine Chance: Sie müssen ihre Bilanzen radikal kürzen.

Doch diese Notoperation könnte äußerst schädliche Nebenwirkungen haben. Experten warnen vor einer Kreditklemme in Europa. Außerdem könnte ein großer Teil der Risiken, die aus den Bilanzen der Institute verschwinden, ins Zwielicht der Schattenbanken abwandern.

Tatsächlich warnen bereits die ersten Unternehmen vor einer beginnenden Kreditklemme. Der europäische Flugzeugbauer Airbus etwa ist mit Blick auf seine kleinen Zulieferer besorgt über die Kreditbewilligungen der Banken. „Die momentane Kreditvergabepraxis der Banken ist bedenklich“, sagte Airbus-Chef Thomas Enders der „Börsen-Zeitung“. Einige Banken scheuten Flugzeugfinanzierungen, doch viele kleine Zulieferer seien finanziell nicht so robust aufgestellt. „Der Ausfall nur eines von ihnen kann Einfluss auf unsere ganze Produktionslinie haben“, erklärte der Manager. Airbus will daher „neue Finanzierungsquellen“ erschließen. Dabei hat die EADS-Tochter vor allem die Kapitalmärkte in China und Japan im Blick.

Die Barclays-Experten gehen davon aus, dass die Geldhäuser im schlimmsten Fall ihre Bilanzen kollektiv um bis zu drei Billionen Euro kürzen müssen, das entspräche zehn Prozent aller europäischen Bankaktiva. Selbst im besten Fall, wenn ein großer Teil des Kapitalbedarfs durch eigene Gewinne gedeckt werden könnte, müssten die Institute noch 500 Milliarden Euro aus ihren Büchern bekommen. Deshalb fürchtet Barclays-Volkswirt Julian Callow eine Kreditklemme in Europa, die die ohnehin fragile Konjunktur weiter schwächen würde: „Es ist wahrscheinlich, dass sich das Kreditangebot in der Euro-Zone, vor allem in den südeuropäischen Ländern verknappt“, warnt Callow.

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12 Kommentare zu "Nach Schrumpfkur: Wirtschaft fürchtet neue Kreditklemme"

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  • Diese Sorge der Industrie teile ich bei geschicktem Taktieren nicht.

    Wenn die deutsche Industrie sich zusammenschließt und gemeinsam eine Bank gründet, kann sie sich m.E. vor Einlagen nicht erwehren.

    Die Bürger haben von den etablierten Banken ohnehin die Nase voll und der Politik trauen sie nicht mehr zu, den Laden managen zu können. Es ist nicht mehr das Problem was "getan" wird, sondern wer es "tut".

    "Time is over."

    Wollten wir eine handlungsfähige Regierung, dann würden Neuwahlen stattfinden. Wenn 70 % unserer wahlberechtigten Bürger gegen den Rettungsschirm sind, dieser aber mit überwältigender Mehrheit der vier Parteien "der großen Koalition" befürwortet wird, dann stimmt etwas mit unserem Demokratieverständnis nicht.

  • Eher nicht. Sie kommen ja noch nicht einmal darauf, dass in Zeiten guter Konjunktur die Schulden getilgt werden müssten, die man zu Zeiten der Rezession gemacht hat.

  • Wenn Kreditinstitute keine Kredite mehr vergeben und nicht mehr in Anleihen investieren, bleiben nur noch Zockerbuden übrig. Das kommt dabei raus, wenn auf politischer Ebene alles unendlich lange zerredet wird und 27 Einzelmeinungen in Europa ausdiskutiert werden müssen. Dringend Zeit für eine europäische Wirtschaftsregierung !

  • Richtig! Ob die Politiker vielleicht selbst darauf kommen?

  • Na da haben wir ja schon die ersten Konsequenzen durch die von der EBA geforderten Eigenkapitalquoten. Wie sagte Einstein so richtig: "Es gibt nur zwei dinge, die unendlich sind: Das All und die menschliche Dummheit. Wobei ich mir bei dem All nicht so sicher bin".

  • @ Anonymer Benutzer: Interessierter
    "Völlig partei- und ideologiefrei und wirklich schlüssig, warum es keine Rückkehr zur Deutschen Mark und der EWG geben kann?"

    Das ist kaum möglich. Da die Einführung des Euros selbst ja auch nur aufgrund einer Ideologie und gegen alle wissenschaftliche Fakten und Warnungen eingeführt wurde. Die jetzigen Problemen wurde seinerzeit ja von vielen führenden Wirtschaftswissenschaftlern vorrausgesagt. Darum kann die Antwort auch nicht ideologiefrei sein.

    Darum lautet meine Version der Antwort: Es kann nicht sein was nicht sein darf!
    Vernunft ist hier jedenfals nicht am Werk!

  • Banken müssen den Unternehmern Geld verleihen, damit diese unternehmen können.
    Wenn die EBA den Industriefinanzierern strengere Eigenkapitalvorschriften in kürzester Zeit aufbrummt wird es eine Rezession und auch wieder mehr Arbeitslose geben.

  • aus mehreren Gründen...
    Vermutlich jeder Anleger würde sein Geld in DM anlegen wollen, d.h. Kapitalflucht aus den anderen Währungen=massive Aufwertung der DM=k.o. für den Export (Deutschland ist sehr exportorientiert), Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland und hohe Arbeitslosigkeit. Die Schweizer spüren das ansatzweise und gehn schon in die Knie...Anleger ziehn ihr Geld von anderen Banken ab (s.Griechenland u.Irland) was wiederum diese Banken in Nöte bringt=Kettenreaktion auf die stabilen Banken=ebenfalls Belastung für die Dt.Wirtschaft.
    Zu guter Letzt will sich wahrscheinlich kein Politiker das Scheitern des Euro auf die Fahne schreiben. Die DM wäre zwar nichts neues, hatten wir ja schon :-D aber eine Umkehr zurück wäre ein ganz andere Situation. Zudem kann bereits jetzt niemand Folgen der aktuellen Lage einschätzen - geschweige denn mit der DM. Solange Deutschland nicht im Rahmen des EFSF zahlen muss (o.k. Wunschgedanke) ist Dt.mehr denn je unangefochten Nr.1 in Europa - wirtschaftlich und politisch - und unsere Oberen werden auch das vermutlich nicht gerne aufgeben...

  • Banken können nicht unendlich viel Geld bei der EZB leihen, dafür brauchen die nämlich Eigenkapital (im Verhältnis 50:1). Wenn man sich allerdings Geld vom Privatmensch leiht, dann muss man als Bank kein Eigenkapital haben … bzw, der Sparer müsste bei der Bank erstmal nach Sicherheiten für die Einlage fragen – tut er aber nicht. Der Sparer versteht auch meistens nicht, dass es sich nicht um ein Guthaben bei der Bank handelt, sondern um Schulden der Bank an den Sparer.
    Die Bank kann nämlich das Geld vom Sparer verwenden um eigene Verbindlichkeiten zu bedienen. Die Banken wissen das und leihen sich daher gegenseitig kein Geld mehr.
    (Quelle/Zitat: Bank)
    http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2011/11/33333/

  • Wer der Wirtschaftsexperten, Konsernlenkern, Spitzenmanagern und Ökonomen erklärt mir hier völlig partei- und ideologiefrei und wirklich schlüssig, warum es keine Rückkehr zur Deutschen Mark und der EWG geben kann?
    Ich würde es gerne verstehen, da es mir persönlich zu DM-Zeiten wesentlich besser ging, vielen Dank.

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