Nach Urteil
Versicherer verteidigen Provisionen

Die Branche fürchtet nach einem verbraucherfreundlichen Gerichtsurteil ein "Wettrennen um die billigste Beratung". Bei der Frage, wer nach einer Fehlberatung zu haften hat, gibt es unterschiedliche Meinungen.
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BerlinDie Versicherungsbranche sieht ihre Provisionen in Gefahr und wehrt sich gegen ein Gerichtsurteil, das zu geringeren Einnahmen führen könnte. "Gute Beratung ist nicht umsonst", sagte der Präsident des Versichererverbandes GDV, Rolf-Peter Hoenen, in Berlin.

Stein des Anstoßes ist ein Gerichtsurteil des Verwaltungsgerichts Frankfurt zum sogenannten Provisionsabgabeverbot. Diese Regelung aus dem Jahr 1934 verbietet es Vermittlern, einen Teil ihrer Provisionen den Kunden zurückzuerstatten. Das Gericht urteilte, das Verbot sei zu unbestimmt. Geklagt hatte ein Finanzvertrieb, der den Kunden günstigere Angebote machen wollte. Das Urteil fiel in erster Instanz und ist noch nicht rechtskräftig.

"Das Provisionsabgabeverbot muss bleiben - weil es absolut zeitgemäß ist", sagte GDV-Chef Hoenen. Es ginge gerade vor dem Hintergrund der Finanzkrise darum, eine qualitativ hochwertige Finanzberatung sicherzustellen. "Es wäre naiv zu glauben, dass sich durch ein Wettrennen der Vermittler um die billigste Beratung die Beratungsqualität verbessern würde", sagte Hoenen.

Versöhnlich geben sich die Versicherer hingegen an einer anderen regulatorischen Front, der sogenannten Stornohaftung. Wenn ein Kunde in der privaten Krankenversicherung oder Lebensversicherung in den ersten fünf Jahren nach Vertragsabschuss wieder kündigt, muss der Vermittler künftig einen Teil der Provision zurückzahlen. Eine entsprechende Neuregulierung hatte unlängst der Finanzausschuss des Bundestages beschlossen. Der Gesetzgeber will so verhindern, dass Versicherungsvermittler Kunden immer wieder zu einem Wechsel des Anbieters raten und dabei erneut Provisionen kassieren. "Eine ausreichende Stornohaftung ist aus unserer Sicht das geeignete formale Mittel, um solchen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken", sagte Hoenen.

Viele Versicherungsvermittler sehen die Regulierung allerdings nicht so gelassen. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. „Die ganze Branche wird unter Generalverdacht gestellt“, sagte Michael Heinz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), dem Handelsblatt. Ein Großteil der Vermittler würde nur für einen Anbieter arbeiten und könne gar nicht die Kunden weitervermitteln, so Heinz. Allerdings gebe es natürlich unzufriedene Kunden, die von sich aus kündigen. "Da wird das Risiko zugunsten der Versicherer auf den Vermittler ausgelagert", so Heinz.

Die neuen gesetzlichen Regeln sehen auch vor, dass die Provisionen bei der Vermittlung von privaten Krankenversicherungen künftig gedeckelt werden. „Die Deckelung der Provisionshöhe ist ein unzulässiger Eingriff in die unternehmerische Freiheit“, klagt Heinz. Versicherungsvermittler sollten mit jedem Versicherer selbst aushandeln dürfen, wie hoch die Bezahlung ist. Die Abschlusskosten würden in den Verträgen bereits transparent ausgewiesen. Wenn einem Kunden die Kosten zu hoch sind, könne er selbst entscheiden, zu einem anderen Anbieter zu wechseln.

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  • Wären die Versicherungsmakler, Mehrfachagenten und Ausschließlichkeitsvermittler Banken, käme das Urteil nicht so klar herüber. Wenn dieser Vertrieb den Kunden besser stellen will, so sollte er die Honorarberatung wählen. Dann kann er den Kunden gänzlich ohne Provision völlig unabhängig beraten und erhält nur ein nach seiner Wahl gekürztes Honorar. Aber Bargeld lockt den kunden sicher stärker. - M. E. geht es nicht um den Kundenvorteil, sondern um die Mehr-Kundengewinnung. Das die Beratung durch höhere Stornohaftungszeiten oder geringere Provisionen besser wird wage ich auch zu bezweifeln. Man benötigt mehr Geschäft für die gleiche Provisionshöhe, denn die Kosten eines Maklerunternehmens reduzieren sich nicht. Und wie erreicht man das als der Vermittler, vor dem der Kunde geschützt werden soll?! Durch mehr Ehrlichkeit in der Beratung? Durch Offenlegung oder Abgabe von Provisionen jedenfalls nicht. Der Kunde (und der Vermittler?!) schaut dann womöglich weniger auf Qualität, als auf die "Kohle" die er kurz vor Weihnachten oder in der Urlaubszeit noch aufs Konto bekommt. Und dann storniert er den Vertrag wieder um beim nächsten Vermittler wieder Provision zu erhalten, oder wie!? - Ach ja, und der, der Provision an den Kunden rückerstattet hat bleibt auf der Storno-Rückzahlung an den Versicher sitzen.
    Wie bei Kapitalanlagen die schief gehen haftet der Vermittler, auch wenn der Organisator das schwarze Schaf ist. Den kriegt man halt am leichtesten. Da muss man doch zum Betrüger werden um das System zu überleben.
    Aus meiner Sicht wurde eine völlig falsches Zeichen gesetzt. Liskow-Versicherungsmakler

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