Nach Zinsskandal Großbank Barclays hat neuen Chef gefunden

Wenige Wochen nach dem Rücktritt von Bob Diamond hat Barclays einen neuen Chef. Antony Jenkins rückt an die Spitze. Er war für das Privatkundengeschäft zuständig. Das in Verruf geratene Investment-Banking kennt er nicht.
Update: 30.08.2012 - 10:32 Uhr 1 Kommentar
Antony Jenkins, neuer Chef der britischen Großbank Barclays. Quelle: Reuters

Antony Jenkins, neuer Chef der britischen Großbank Barclays.

(Foto: Reuters)

LondonDie von einem Zinsskandal erschütterte britische Großbank Barclays hat einen neuen Chef. Der bislang für das Privatkundengeschäft zuständige Antony Jenkins werde die Bank künftig führen, teilte Barclays am Donnerstag mit. Er folgt damit Bob Diamond nach, der im Juli im Zuge des Libor-Manipulationsskandal zurückgetreten war. „Antony hat sich durch seine bisherige Laufbahn und seine Vertrautheit mit dem Barclays-Portfolio für diese Aufgabe empfohlen“, erklärte Aufsichtsratschef Marcus Agius.

Diamond war zurückgetreten, nachdem bekanntgeworden war, dass Händler von Barclays in den Jahren 2005 bis 2009 den Libor-Referenzzinssatz, eine weltweit relevante Richtschnur, mit zu niedrigen Zinsmeldungen manipuliert hatten. An den Manipulationen sollen auch andere Banken beteiligt gewesen sein.

Die Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien hatten Barclays als erste Bank unter die Lupe genommen. Die Briten müssen 290 Millionen Pfund Strafe zahlen. Auch Agius hatte wegen des Skandals seinen Rücktritt angekündigt, bleibt aber im Amt, bis David Walker im November seine Nachfolge antritt.

Jenkins erklärte, der Ruf von Barclays müsse wieder hergestellt werden. Das werde eine Weile dauern. „Wir haben in den vergangenen Jahren ernsthafte Fehler gemacht und konnten mit den Erwartungen unserer Anteilseigner nicht mithalten“, hieß es in einer Mitteilung. Er sei aber sehr stolz darauf, der Bank vorstehen zu dürfen, bei der er vor fast 30 Jahren seine Karriere begonnen habe. Am Morgen sank die Barclays-Aktie um rund 1,6 Prozent.

Am späten Mittwochabend hatte die Bank zudem bestätigt, dass die Behörden in Großbritannien Geschäfte zwischen Barclays und Investoren im Emirat Katar untersuchen. Die Bank hatte auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 in der Region Milliarden beschafft, um zu vermeiden, vom Staat gerettet werden zu müssen. Zudem ist Barclays Teil einer Untersuchung der britischen Finanzaufsicht, weil kleinere Unternehmen falsch beraten worden sein sollen.

Die wichtigsten Antworten zur Libor-Affäre
Euro-Logo vor der Europäischen Zentralbank (EZB)
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1. Worum geht es beim Libor- und Euribor-Zinssatz - und wie wird er errechnet?

Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Seit 1986 befragt der BBA in London ansässige Banken, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen würden. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Zahlen wird dann ein Mittelwert gebildet. Der daraus resultierende Satz für Laufzeiten von bis zu einem Jahr und für die gängigsten Währungen ist der wichtigste Indikator für die Liquiditätslage am Interbankenmarkt. Damit war der Libor eines der Krisenbarometer während der Finanzkrise: je höher der Satz, desto größer das Misstrauen des Marktes gegenüber einer Bank.

huGO-BildID: 26559607 A teller displays 100 US dollar notes at a moneychanger in Jakarta on May 30 , 2012. The Indonesian central bank will set an a
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Der Libor dient aber auch als Referenz für Finanzprodukte - von der komplexen Übernahmefinanzierung bis zur einfachen Hypothek. Am Libor hängen Finanzprodukte im geschätzten Wert von 350 bis 550 Billionen Dollar. Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor (Euro InterBank Offered Rate) für den Euro. Er wurde 1999 mit Einführung des Euros ins Leben gerufen. 43 Banken melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Kurs ähnlich wie beim Libor berechnet wird.

A police officer stands on duty as protestors from the Move Your Money group stick up posters on a branch of Barclays Bank in Westminster central London
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2. Welches Interesse hatten Banken und Regierungen, den Wert zu manipulieren?

Zwei Vorwürfe stehen im Raum: Zum einen sollen sich die Händler einer Reihe von Banken von 2005 bis 2007 durch die Manipulation des Euribor bereichert haben. Ihnen wird vorgeworfen, eine Art Kartell gebildet zu haben, um die Sätze in eine Richtung zu lenken, die den Wert ihrer eigenen Derivatepositionen steigerte. Eines der Kartelle soll von der britischen Großbank Barclays (Bild: Protest vor einer Londoner Filiale) organisiert worden sein, ein anderes von der Schweizer UBS. „Heute bräuchten wir einen ziemlich niedrigen Satz bei den Dreimonats-Laufzeiten, sonst kostet uns das ein Vermögen“, heißt es in der E-Mail eines beschuldigten Barclays-Händlers. In diese Manipulationen ist auch die Deutsche Bank verwickelt.

File photo of the national flag of Switzerland national flag flying in front of the logo of Swiss bank UBS at the company's headquarters in Zurich
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Zum anderen sollen einige der damals am Libor-Fixing beteiligten Banken in den Krisenjahren 2007 und 2008 systematisch zu niedrige Zinsen gemeldet haben, um die verunsicherten Märkte zu beruhigen und Zweifel an der Solidität der Banken zu zerstreuen. Hier mischten Barclays-Chef Bob Diamond und der Chefinvestmentbanker Jerry del Missier mit. Eine Gesprächsnotiz scheint anzudeuten, dass auch die Bank of England die Vorgänge geduldet haben könnte.

Euro-Münze und Schweizer Franken
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3. Welche Folgen haben die Manipulationen für Sparer und Kreditnehmer?

Der Interbankenzins Libor gilt als wichtige Referenz für viele Finanzprodukte. Der Zinssatz variabler Kredite ist meist an den Geldmarktsatz gekoppelt. Variable Kreditzinsen sind vor allem bei Firmenkrediten üblich. „In Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Österreich sind aber auch die Zinsen für Baukredite häufig an einen Geldmarktsatz gekoppelt“, sagt Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. Die Preise für Derivate, mit denen man sich gegen Zinsänderungs- oder Währungsrisiken absichert, sind ebenfalls oft an den Libor gebunden.

Moody's rating agency downgrades 15 international banks
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„Für Euro-Verträge ist der Euribor der wichtigere Geldmarktsatz. Aber für Währungen wie den Dollar oder den Schweizer Franken ist der Libor sehr bedeutsam“, sagt Meissner. Das heißt, dass Unternehmen aus dem Euro-Raum meistens mit dem Libor zu tun haben, wenn sie sich in Fremdwährungen verschulden oder Zinsrisiken in fremden Währungen absichern. Es gibt Gewinner und Verlierer der Manipulationen: „Wenn der Libor zu niedrig angesetzt wurde, dann ist das ein Vorteil für Kreditnehmer, deren Darlehen an den Geldmarktsatz gekoppelt sind“, sagt Falko Fecht, Professor für Financial Economics an der Frankfurt School of Finance. Dafür erhalten Einleger geringere Sätze, denn die Konditionen für Tagesgeld orientieren sich oft an Geldmarktsätzen. (Bild: Finanzviertel in London)

huGO-BildID: 26953124 (FILES) A file picture taken on August 3, 2009, shows a Barclays Bank branch in central London. Barclays bank is to pay $452 mi
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4. Warum wird der Zinssatz von Privatbanken bestimmt und nicht von Notenbanken?

Der Libor ist nicht als offizieller Referenzsatz entstanden: Er geht auf eine Initiative der privaten Kreditwirtschaft zurück. Erst im Laufe der Zeit, als immer mehr Kredit- und Derivateverträge auf den Wert Bezug nahmen, erreichte er seine heutige Bedeutung. Der Libor und sein Euro-Pendant Euribor sollen zeigen, zu welchem Preis sich Banken Geld leihen. Das wissen aber nur die Banken selbst. „Die meisten Geldmarktgeschäfte werden quasi per Handschlag vereinbart“, erläutert Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. „Es gibt bislang keine zentrale Clearing-Stelle, die diese Transaktionen erfassen könnte.“

  • dpa
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1 Kommentar zu "Nach Zinsskandal: Großbank Barclays hat neuen Chef gefunden"

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  • VOM TUTEN UND VOM BLASEN ...

    Keine Ahnung - , aber ein Gefühl.
    Nehmen wir mal eine Fabrik zur Herstellung von
    Magier-Zylindern und lebenden Kaninchen an!
    Und dazu die fabrikinterne Kenntnis, dass relativ zu jedem produzierten Zylinder kein passendes Kaninchen vorgehalten worden war, da ein nicht mindergroßer Teil derselben durch die Kochtöpfe der Fabrikbeschäftigten von der Bildfläche verschwanden.
    Ob dieser barbarischen Zweckentfremdung von Kaninchen schämte man sich und drohte den Chef der Fabrik zu lynchen, wenn er sie alle in Verruf brächte.
    Zum Glück hatte man in dieser verzwickten Situaton eine Lösung: Der vegetarische Chef der Kaninchenfutter-Administration bekam seine
    H A U S B E R U F U N G.

    Und so rätselt die Welt noch heute,
    warum es bei so vielen Zylindern
    auf der Welt so wenig Kaninchen
    gibt.

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