Neue Schätzung
Schäden kosten Versicherer mehr als „Jahrhundertflut“

Die Überschwemmungen führen bei den deutschen Versicherern wohl zu Kosten von mehr als 1,8 Milliarden Euro. Das wäre mehr als im Jahr 2002. Allein die Allianz muss mit 350 Millionen Euro Schaden rechnen.
  • 5

FrankfurtDie Kosten des Hochwassers in Deutschland stellen nach ersten Schätzungen der deutschen Versicherer die "Jahrhundert-Flut" an Elbe und Oder vor elf Jahren in den Schatten. "Wir müssen davon ausgehen, dass der Schaden durchaus höher sein kann als bei der Elbe-Flut 2002", sagte der Präsident des Branchenverbandes GDV, Alexander Erdland, der Nachrichtenagentur Reuters am Montag vor einem Treffen mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Das größte Anliegen der Branche sei derzeit, die Kunden möglichst schnell zu entschädigen.

Das Hochwasser 2002 hatte die Branche 1,8 Milliarden Euro gekostet, die volkswirtschaftlichen Schäden waren aber deutlich höher. Denn nur ein Drittel aller deutschen Haushalte ist gegen Naturgefahren versichert, bei den Industriefirmen ist es die weit überwiegende Mehrheit. Die Versicherer setzen daher auf mehr Aufklärung: "Wir brauchen ein höheres Risikobewusstsein in der Bevölkerung, aber auch bei den politisch Verantwortlichen, gegen die Urgewalt Wasser", sagte Erdland. "Die umfassende Risikoaufklärung muss eine der obersten Maximen sein." Neben einem besseren Versicherungsschutz gehörten hierzu vorsorgliche bauliche Maßnahmen.

Zu viele Bürger verließen sich darauf, dass Bund, Land oder Gemeinden im Katastrophenfall einsprängen, sagte Erdland, der im Hauptberuf Vorstandschef der Stuttgarter W&W-Konzerns ist. Auch die zu W&W gehörende Württembergische Versicherung geht inzwischen davon aus, dass sie das Hochwasser mehr kosten wird als die 44 Millionen Euro, die sie 2002 zahlen musste. Sie rechne mit einem Schadenaufkommen von gut 50 Millionen Euro. Die Hochwasserschutz-Maßnahmen hätten zwar vielerorts gegriffen, doch seien diesmal auch andere Landstriche betroffen. Auch die gestiegenen Preise in der Bauwirtschaft sorgten für Mehrkosten.

Die Allianz erklärte, für eine vorläufige Schadenbilanz sei es zu früh: "Es regnet schon wieder, und wir versuchen immer noch, in die betroffenen Gebiete vorzudringen." JP-Morgan-Analyst Michael Huttner veranschlagt für den Marktführer 350 Millionen Euro Schaden in Deutschland. Das wäre mehr als die 330 Millionen Euro von 2002. Die Münchener Rück, die als weltgrößter Rückversicherer Überblick über die gesamte Branche hat, erklärte, es werde noch Wochen dauern, bis verlässliche Schätzungen vorlägen.

Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) will die Versicherungsquote durch weitere Werbekampagnen mit den Bundesländern erhöhen. In Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Bayern, Rheinland-Pfalz und Sachsen hätten diese teilweise zu einer spürbaren Zunahme des Versicherungsschutzes geführt. Eine Pflichtversicherung gegen Hochwasser lehnen die Versicherer ab. Bei dem Treffen mit Rösler am Abend wollen Erdland und der GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth auch vorschlagen, das Informationssystem zu Hochwasser-gefährdeten Zonen im Internet auszubauen. Für die Öffentlichkeit sind die Karten bisher nur für Sachsen und Niedersachsen abrufbar. Zudem müsse mehr über Starkregen und Hagel geforscht werden.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Neue Schätzung : Schäden kosten Versicherer mehr als „Jahrhundertflut“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Deswegen würde auch eine staatliche Pflichtversicherung Sinn machen. Darin könnte dann der Staat Geld nachschießen, wenn es zu einer Hochwasserkatastrophe wie jetzt kommt.

  • Zitat groeschel "...Es kann nicht sein, dass Bewohner keine Vorsorge treffen und sich nur auf den Staat verlassen. ..."
    Sie verdrehen die Tatsachen komplett! Es ist keine bezahlbare Versicherung zu finden in ihrer Klasse 4. Die Bewohner verlassen sich auch nicht auf den Staat, da der Staat ebenso wenig eine Vorsorge traf und vorsieht! Da gibt es nichts. Die freiwilligen Spenden vom Staat und so weiter gehen an die Eigentümer der Immobilien, da haben Sie recht. Also Firmen und Vermieter. Eigenheimbesitzer sind nicht sehr verbreitet, Sie können die aber gern an der Stelle fragen, was die bekommen.

  • Potentielle Hochwassergebiete sind in Gefährdungsklassen von 1 bis 4 eingeteilt. In der höchsten Klasse 4 rechnet man alle 10 Jahre mit einem Hochwasser, in der Klasse 3 sind es alle 10 bis 50 Jahre. Entsprechend werden sie Versicherungsprämien kalkuliert, wobei auch individuelle Risikoprüfungen für besonders gefährdete Gebiete gemacht werden (Quelle: VDI-Nachrichten Nr. 23 S. 3). Eigentümer von besonders gefährdeten Gebäuden am Flussufer müssen sich des Risikos bewusst sein, denn Hochwasser gabt es auch in der Vergangenheit. Für diese Gebiete der Klasse 4 sollte man eine Pflichtversicherung von Staatlicher Seite einrichten. Früher gab es die Hamburger Feuerkasse die auch eine Pflichtversicherung war. Es kann nicht sein, dass Bewohner keine Vorsorge treffen und sich nur auf den Staat verlassen. Zumindest sollte man dieses Thema diskutieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%