Neues Zeitalter klopft an Der langsame Niedergang der großen Ratingagenturen

Die Finanzkrise hat sie viel Geschäft und Reputation gekostet. Jetzt werden die großen Ratingagenturen mit einem Netz von Regeln überzogen, die das Geschäft weiter erschweren. Und die Konkurrenz schläft nicht.
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Gebäude von Fitch in New York: Die Ratingbranche ist von der Finanzkrise geschwächt. Quelle: dpa

Gebäude von Fitch in New York: Die Ratingbranche ist von der Finanzkrise geschwächt.

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FRANKFURT. Die großen Ratingagenturen Moody?s, Standard & Poors (S&P) und Fitch stehen am Anfang einer völlig neuen Ära. Aus einem bisher unregulierten Bereich der Wirtschaft wird ein vollständig regulierter. Die Vorschriften der EU reichen von der Pflicht zur Herausgabe von Informationen bis hin zur Möglichkeit der Aufseher, Sanktionen zu verhängen und sogar eine Ratingagentur zu schließen. Die Regeln treten am 7. Dezember in Kraft.

Damit nicht genug. Der G-20-Gipfel, der heute in Seoul beginnt, könnte schon die nächste Welle der Regulierung für die Ratingagenturen bringen. Der internationale Finanzstabilitätsrat FSB (Financial Stability Board) hat für die Staats- und Regierungschef ein Papier zur Verabschiedung vorbereitet, das die Abhängigkeit der Marktteilnehmer von dem Urteil der Ratingagenturen verringern soll. Das gehe nicht über Nacht, schreibt das FSB. Aber Ziel müsse es sein, dass sich die Marktteilnehmer im Risikomanagement ein eigenes Urteil bilden könnten.

EU denkt an weitere Maßnahmen

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seinem Finanzstabilitätbericht jüngst den Ratingagenturen ein ganzes Kapitel gewidmet. Und erst in der vergangenen Woche hat die EU-Kommission eine Konsultation zum weiteren Vorgehen bei Ratingagenturen veröffentlicht. Brüssel will viele Fragen von den Finanzmarktteilnehmern beantwortet haben. Konsultationsschluss ist der 7. Januar 2011. "Die eingehenden Antworten werden uns bei der Entscheidung darüber helfen, welche weiteren Maßnahmen erforderlich sind", sagte EU-Binnenmarkt- und Dienstleistungskommissar Michel Barnier. Nach den EU-weiten Regeln für eine bessere Aufsicht und erhöhte Transparenz an den Ratingmärkten will die EU jetzt "darüber nachdenken, welche Rolle die Ratings selbst spielen und welche Auswirkungen sie auf die Märkte haben können".

Die Bundesbank unterstützt das FSB und die Kommission in ihrem Bemühen, die Abhängigkeit der Institute von den Ratingagenturen zur reduzieren. "Es ist unstrittig, dass mit Bezugnahmen auf Ratings Probleme verbunden sein können, sei es in privatwirtschaftlichen Kontrakten oder in der Regulierung", sagt Andreas Dombret, der im Bundesbank-Vorstand für die Finanzstabilität zuständig ist.

Die Regulierung trifft die Ratingbranche zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Sie ist von der Finanzkrise ohnehin geschwächt. Rund 40 Prozent ihrer Gewinne hätten die großen Häuser vor der Krise mit strukturierten Produkten gemacht, erklärt Mark Wahrenburg, Wirtschaftsprofessor in Frankfurt, der sich in seinen Forschungsarbeiten intensiv mit Ratings beschäftigt. Diese Gewinne seien in der Krise weggebrochen. Als Einnahmequellen blieben primär die Ratings von Unternehmen und Staaten.

Aber auch dort gibt es Ausfälle. So kündigte im Oktober 2009 der Maschinenbauer Gildemeister die Verträge mit S&P und Moody?s. Die BayernLB, die WestLB und die LBBW verabschiedeten sich von den Ratings durch S&P. Begründet wurde das mit Sparmaßnahmen, dahinter stand aber in Wahrheit Unzufriedenheit. Im Frühjahr hatte S&P die Ratings für viele Landesbanken mit einem Schlag gesenkt. Die portugiesische Banco Espirito Santo kündigte Anfang der Woche ihren Vertrag mit Fitch, nachdem die Agentur das Rating der Bank um drei Stellen abgewertet hatte (siehe "Der Fall Portugal").

Inwieweit kleinere, von Kreditversicherern betriebene Ratingagenturen den großen Konkurrenz machen können, ist noch offen. Aber sie haben das erforderliche Know-how und sind glaubwürdig. Coface hat im Sommer die Zulassung als Ratingagentur in zehn europäischen Ländern beantragt. Auch die niederländische Atradius erwägt, eine Ratingagentur zu gründen. Euler-Hermes hat dagegen diesen Plan inzwischen wieder fallen gelassen.

Mitarbeit: Holger Alich, Anne Grüttner

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4 Kommentare zu "Neues Zeitalter klopft an: Der langsame Niedergang der großen Ratingagenturen"

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  • Für sicheres Rating wissen wir stets zu wenig: Noch nicht einmal 1% dessen, was im Markt an information verarbeitet wird. Also sollten wir es ganz sein lassen.

  • Die Ratingagenturen haben den bogen überspannt. Sie haben sich durch banken bezahlen lassen und im Gegenzug wurden die dubiosen Anleihen der banken auch von ihnen bewerten. Keiner hat mehr durchgeblickt. Hauptsache die Anleihe bekam ein gutes Rating und man konnte den "Schrott" gut verkaufen. Die USA war da Vorreiter und das Ende kennt ja wohl jeder!!!

  • Die Frage ist doch warum es überhaupt private Rating-Agenturen geben darf, die so tun als ob sie objektiv sind, aber von denen, die sie berwerten bezahlt werden?

    Die Form einer unanhängigen Stiftung, die von allen Akteuren gemeinsam finanziert werden muss(!) wäre doch wohl offensichtlich sinnvoller!

  • Daß die Ratings der amerikanischen Agenturen politisch motiviert sind sieht man doch deutlich an der bewertung der USA.

    im übrigen haben sich die Agenturen selbst mit der Schutzbehauptung "abgewertet", ein Rating sei ja eher eine persönliche Meinungsäußerung als eine verbindliche bewertung.

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