Niedergang der Westfalenbank: Beerdigung auf Raten

Niedergang der Westfalenbank
Beerdigung auf Raten

Einst war die Westfalenbank die Hausbank stolzer Ruhrgebietskonzerne, heute scheint der Niedergang des traditionsreichen Instituts nicht mehr aufzuhalten. Ohnmächtig müssen die verbliebenen Mitarbeiter und Kunden zusehen, wie die neuen Besitzer den Ausverkauf der Bank betreiben.

BOCHUM. Das erste Kapitel hatte mit den Preußen zu tun, das letzte schreiben die Bayern. Die Westfalenbank in Bochum, schon lange nicht mehr Herrin im eigenen Haus, ist bald Geschichte. Die verbliebenen Mitarbeiter und Kunden müssen zusehen, wie die Hypo-Vereinsbank (HVB), mittlerweile selbst geschluckt von der italienischen Unicredito, den Ausverkauf der Bank betreibt. Von einem „Tod auf Raten“ spricht ein langjähriger Mitarbeiter der Westfalenbank traurig. Übrig ist fast nur noch das schwer verkäufliche Firmenkreditporfolio. So geschieht am Ende gerade das, was die Gründer der Westfalenbank hatten verhindern wollen: Eine Großbank entscheidet über das Institut.

Schließlich entsteht die Westfalenbank 1921 als Antwort einiger Ruhrgebietsunternehmen auf die so genannten Berliner Großbanken, die sich immer mehr unabhängige Geldinstitute einverleiben. Vor diesem Hintergrund beschließt eine Gruppe um die Bergbau-Aktiengesellschaft Lothringen, die Essener Steinkohlenbergwerke und die Maschinenfabrik Henschel die Gründung einer Bank. Dazu kaufen sie die Harzer Bank in Osterode und verpflanzen sie nach Bochum. Otto Gehres, selbst einst Bergmann, wird erster Generaldirektor. Ihre Heimat findet die Bank in einem kleinen umgebauten Hotel. Unten zieht die Bank ein, oben die Konzernzentrale, die Henschel-Lothringen-Essener Steinkohle-Vereinigung. Als Mantra gilt der Grundsatz der Unabhängigkeit.

Wenig später rücken französische Truppen im Ruhrgebiet ein. Über Freunde erfährt Gehres, dass die Besatzer die Wertpapierdepots der örtlichen Banken als Pfand für ausstehenden Reparationsleistungen beschlagnahmen wollen. Gehres handelt schnell: Über Nacht eröffnet er eine Filiale in Hannover. In einer Kolonne von sechs Autos bringen Bankmitarbieter die Effekten in fünfzig Paketen von Bochum nach Hannover. Sie umfassen einen großen Teil des Konzernvermögens und stellten unwiederbringliche Sachwerte in der Zeit der hohen Geldentwertung dar. Die Bank hat die erste Krise gemeistert.

Ihre goldene Zeiten erlebt die Bank dann in den 50er-Jahren. Während des Nachkriegsbooms bildet das Ruhrgebiet das wirtschaftliche Rückgrat in Deutschland. Davon profitieren die Bochumer, die für etliche Konzerne als Hausbank agieren. Doch die Freude währt nur gut ein Jahrzehnt. Ab den 60er-Jahren beginnt die Krise im Ruhrgebiet. Niemand hatte eine Absatzkrise für die deutsche Steinkohle erwartet. Neben den strukturellen hat die Bank hausgemachte Probleme. So verhebt sie sich mit Immobilien in Kanada. Zudem erkennt das Institut nicht rechtzeitig die Zeichen der Zeit. So tritt der Albtraum der Unternehmensgründer ein: Die Bank verliert ihre Eigentständigkeit, nachdem BASF durch den Kauf der Wintershall AG plötzlich Mehrheitsaktionär der Westfalenbank wird. Doch der Chemiekonzern hat kein Interesse am Bankgeschäft und verkauft seine Beteiligung an die Bayrische Hypotheken- und Wechselbank, die später in der HVB aufgeht.

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