Niedrigzinsen bereiten Sorgen
Die Sparkassen werden nervös

Vor dem Sparkassentag in Düsseldorf ist die Stimmung angespannt. Fallende Gewinne, Stellenabbau und Streit mit den Eigentümern bestimmen die Gespräche vor dem Branchentreffen. Vor allem aber gelten die Sorgen der EZB.

FrankfurtMehr als 2500 Teilnehmer werden in der kommenden Woche zum Sparkassentag nach Düsseldorf strömen. Unter den 50 Rednern sind Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vize-Kanzler Sigmar Gabriel und EU-Kommissar Günther Oettinger. Die alle drei Jahre stattfindende Veranstaltung sei „das größte Branchentreffen der Finanzwirtschaft in Europa“, verkünden die Sparkassen stolz. Doch hinter den Kulissen ist die Stimmung angespannt. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank setzt den Instituten immer stärker zu. Und der Druck steigt, sich zu größeren Einheiten zusammenzuschließen. „Das macht die Leute nervös“, sagt ein hochrangiger Sparkassen-Funktionär.

Obendrein drücken der Streit mit der EU-Kommission über eine Europa-weite Einlagensicherung und drohende Belastungen durch die kriselnde HSH Nordbank auf die Stimmung. „Das ist eine Frage, die uns in der Gruppe beschäftigen muss in den nächsten ein, zwei Jahren – und zwar intensiv“, sagt Baden-Württembergs Sparkassen-Präsident Peter Schneider. Er weist darauf hin, dass die gut 400 Sparkassen die Niedrigzinsphase bisher besser überstanden haben als von vielen Experten erwartet.

„Die These, dass wir am stärksten in die Bredouille geraten, ist nachweislich nicht richtig.“ Bundesweit blieb der Überschuss der Institute im vergangenen Jahr konstant bei zwei Milliarden Euro. Die kleinen, dezentral organisierten Sparkassen könnten auf Veränderungen schneller reagieren als Großbanken – und stünden deshalb besser da als Häuser wie die Deutsche Bank, betont Schneider. „Zurzeit sehen sie in Deutschland große Tanker mit Schlagseite.“

Doch auch auf die Sparkassen kommen härtere Zeiten zu. Da höher verzinste Anlagen und Kredite peu a peu auslaufen, stellen sie sich in den kommenden Jahren auf rückläufige Gewinne ein. Viele Sparkassen-Chefs müssen deshalb unpopuläre Entscheidungen treffen: Sie streichen Stellen und schließen Filialen, verlangen von Privatkunden mehr Gebühren und verhandeln mit Unternehmen über Strafzinsen für hohe Einlagen. Zudem müssen sie ihren Eigentümern – den Kommunen – erklären, dass sie ihr Eigenkapital stärken und deshalb weniger Gewinn ausschütten wollen. Ausgerechnet in Düsseldorf – der Gastgeber-Stadt des Sparkassentags – tobt deshalb seit Monaten ein Streit zwischen dem Oberbürgermeister und dem örtlichen Sparkassen-Chef.

Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon fordert, der gesamte öffentlich-rechtliche Finanzsektor müsse angesichts der Rahmenbedingungen seine Strukturen überprüfen. „Derzeit ist der Anpassungsdruck wegen der historisch niedrigen Zinsen und des Regulierungs-Tsunamis besonders groß.“ Viele Sparkassen und Landesbausparkassen sondierten mit ihren Nachbarn mögliche Fusionen, erzählt ein anderer Sparkassen-Funktionär. „Es buhlt jeder.“

Auch bei den öffentlichen Versicherern, wo Zusammenschlüsse komplizierter sind, gebe es Bewegung. Bausparkassen und Versicherer stehen wegen rekordniedriger Zinsen besonders unter Druck, weil sie ihren Kunden relativ hohe Guthabenzinsen versprochen haben. Durch Verschmelzungen könnten sie sparen und Risiken breiter streuen. „Der betriebswirtschaftliche Druck führt zu Veränderungsbereitschaft“, sagt ein Spitzenmanager.

Langfristig könnten auf die Sparkassen auch Veränderungen am gemeinsamen Haftungsverbund mit den Landesbanken und Landesbausparkassen zukommen, auf dessen Neuordnung sich die Institute 2015 erst nach langem Streit geeinigt hatten. Die EU-Kommission will im nächsten Jahr einen einheitlichen Schutz von Bankeinlagen in Europa einführen. Die Sparkassen lehnen das ab – wie andere deutsche Banken und die Bundesregierung auch.

Hinter vorgehaltener Hand räumen hochrangige Sparkassen-Funktionäre allerdings ein, dass sich eine EU-weite Einlagensicherung auf lange Sicht wohl nicht verhindern lasse. In den Verhandlungen müsse es deshalb darum gehen, dass der Haftungsverbund parallel zum europäischen System weiterbestehen könne. „Es gibt Gestaltungsmöglichkeiten, beide Dinge miteinander zu verbinden“, sagt auch Alexander Hendricks, der bei der Ratingagentur Moody's das Team für Bankenratings in Deutschland, der Schweiz und Österreich leitet. „Denkbar ist etwa, dass der bisher befüllte Fonds im Haftungsverbund als zusätzlicher Puffer verbleibt. Zukünftige Zahlungen würden in einen europäischen Fonds fließen.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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