Österreicher lieben altes Geld Schillinge im Schuh

Kaum ein anderes Euro-Volk hängt so sehr an seiner vergangenen Währung wie die Österreicher. Auch heute noch, bald fünf Jahre nach Einführung der gemeinsamen europäischen Währung, liegt drei Prozent des Schilling-Bargelds, noch immer unter Matratzen oder vergessenen Kaffeekassen. Warum ist der Schilling nicht totzukriegen?

WIEN. Sie geht etwas gebeugt, die alte Dame, die sich eben durch das mächtige Tor der Österreichischen Nationalbank in Wiens Innenstadt schiebt. In einem Beutel schleppt sie ein überdimensioniertes Portemonnaie mit sich herum, eines von der Sorte, wie es die Kellner im fünf Minuten entfernten Café Landtmann zücken, wenn es ans Zahlen geht. Die Geldbörse ist voller Münzen. Schillinge. „San di no woas wert?“, fragt sie vorsichtig. Der Angestellte hinter dem Sicherheitsglas nickt und tauscht um. Für knapp 14 Schillinge gibt es einen Euro.

Auch heute noch, bald fünf Jahre nach Einführung der gemeinsamen europäischen Währung, hängen die Österreicher an ihrem alten Geld. Drei Prozent des Schilling-Bargelds, das bis zum Jahr 2001 im Umlauf war, liegt noch immer unter Matratzen, in verstaubten Büchern, Gurkengläsern oder vergessenen Kaffeekassen. Kaum ein anderes Euro-Volk hängt so sehr an seiner vergangenen Währung wie die Österreicher. Was für Wien gilt, von dem die Reiseführer schreiben, das es deswegen so lebendig sei, weil es schon hundert Mal totgesagt wurde, gilt für den Schilling erst recht. Kaum eine Bilanzpräsentation vergeht, in der nicht der Chef am Ende die Resultate noch mal in Schilling und Groschen vorrechnet.

Stefan Augustin, Abteilungsleiter bei der Österreichischen Nationalbank, hat eine ganze Anekdotensammlung in der Schublade, in denen von den unmöglichsten Fundorten verloren geglaubter Schilling-Schätze berichtet wird. Zusammengetragen hat Augustin sie bei den alljährlichen Euro-Touren, zu denen die Banker per Bus die Marktplätze zwischen St. Pölten und Bregenz abklappern.

Da gibt es Geschichten wie die von der Bregenzerin, die unter den Einlagen ihrer Wanderschuhe Schillinge findet. Der Betrag reicht, um die Wirtshaus-Rechnung bei der nächsten Wanderung zu bestreiten. Oder die von der Linzerin, die, so wie es Tradition ist, über Jahre hinweg Groschen für den Kauf ihrer Hochzeitsschuhe gesammelt hat. Jetzt, mit 33, wird ihr die Sache zu heikel. „Nachher heirate ich erst, wenn die Groschen nichts mehr wert sind“, lautet ihre Befürchtung, die zum Euro-Umtausch führt. Oder da ist die Geschichte von dem findigen Händler, der in seinem Laden einen Schilling-Tag veranstaltet: Alle Kunden dürfen noch einmal mit der alten Währung bezahlen. Das Geschäft brummt, 40 000 Schillinge wechselt der Herr um ins aktuelle Geld.

Warum ist der Schilling nicht totzukriegen? Augustin zuckt mit den Schultern. „Wir haben unterschätzt, wie lange die Umstellung im Kopf dauert“, sagt er. Dazu kommt die „Teuro“-Debatte, die in Österreich noch immer nicht verstummt ist. Ob bei der Melange im Kaffeehaus oder beim Einkauf auf der Kärtnerstraße – überall klagt der Wiener über zu hohe Preise und rechnet sich vor, was ihn seine jüngste Erwerbung in Schilling gekostet hätte. Dass er dabei der Einfachheit halber den Europreis mal 14 nimmt und nicht, wie es korrekt wäre mal 13,76, und dass er den aktuellen Wert mit jenem Preis vergleicht, den er noch von vor fünf Jahren im Kopf hat, entgeht ihm meist. Von „gefühlter Inflation“ spricht Augustin.

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