Julius Reiter
„Es gibt einen Trend zu 'Geiz ist geil'“

Junge Akademiker misstrauen ihren Bankern und sind nicht bereit, für eine Finanzberatung zu zahlen. Welche Gefahren dieses Verhalten für die Finanzbranche hat und was sich ändern muss, erklärt Julius Reiter im Interview.
  • 0

Julius Reiter ist Professor für Wirtschaftsrecht an der FOM-Hochschule und Fachanwalt für Bank und Kapitalmarktrecht bei der Kanzlei Baum Reiter & Collegen. Vor kurzem hat er eine repräsentative Studie vorgestellt, wie junge Akademiker mit überdurchschnittlichem Einkommen ihr Geld anlegen. Das Ergebnis: Sie misstrauen ihren Bankern.

Herr Reiter, was halten Sie für besser: Honorarberatung oder Provisionen?

Honorarberatung.

Warum?

Ich halte es für besser, ein transparentes offenes Honorar zu zahlen als eine verdeckte Provision. Die meisten Verbraucher leben mit der Fehlvorstellung, dass Beratung kostenlos ist. Sie zahlen den Berater aber in Wirklichkeit jetzt schon durch verdeckte Provisionen.

Was ist daran schlecht?

Provisionen im Finanzbereich fördern Falschberatung. Der Interessenkonflikt zwischen Provisions- und Kundeninteresse kann aus meiner Sicht nur durch eine Trennung von Verkauf und Beratung gelöst werden. Ich wage die These, dass vermutlich die meisten Anleger bei ehrlicher Bestandsaufnahme zu der Erkenntnis kommen, dass sie mehr Vermögen hätten, wenn sie ihrem Finanzberater nie begegnet wären.

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile der Honorarberatung?

Kunde und Berater verfolgen gleichgerichtete Interessen. Der Honorarberater verfolgt im Interesse des Kunden das Ziel, dessen Vermögen zu mehren. Der Provisionsberater denkt dagegen abschlussorientiert: Er verfolgt das Ziel, den Kunden zum Abschluss eines Geschäfts zu bewegen, weil er dann eine Provision verdient.

Und die Nachteile bei Honorarberatung?

Honorarberatung für Vermögen unter 30.000 Euro lohnt sich wohl nicht. Aber: Brauchen Menschen mit wenig Geld wirklich eine Bankberatung für komplizierte Finanzprodukte? Oder sollten sie nicht lieber einfache Produkte abschließen? Wer die höchsten Festgeldzinsen finden möchte, braucht heute ebenso wenig einen Bankberater wie derjenige, der einen ETF auf den Dax kauft.

Seite 1:

„Es gibt einen Trend zu 'Geiz ist geil'“

Seite 2:

„Kulturwandel und Aufklärungsarbeit nötig“

Kommentare zu " Julius Reiter: „Es gibt einen Trend zu 'Geiz ist geil'“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%