Manager vor Gericht
Die Angst der Banker vor dem Staatsanwalt

Nach dem Prozess gegen Middelhoff wächst die Angst in den Vorstandsetagen. Die Gerichte fassen Top-Manager längst nicht mehr mit Samthandschuhen an. Die Spitzenkräfte suchen nach Wegen, sich abzusichern.
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FrankfurtUli Hoeneß sitzt als Steuersünder im Knast, Thomas Middelhoff wegen umstrittener Reisen ebenfalls. Viele Banker dagegen bleiben trotz Milliardenschäden in der Finanzkrise auf freiem Fuß. 2014 endeten mehrere spektakuläre Prozesse gegen deutsche Finanzmanager ohne Verurteilungen. Das sorgt bei Steuerzahlern für Empörung, schließlich musste der Staat eine ganze Reihe von Geldhäusern nach Fehlspekulationen vor dem Aus retten.

Doch der Eindruck, dass die deutsche Justiz Banker generell mit Samthandschuhen anfasst, täuscht. Das zeigen etwa die Ermittlungen gegen Hoeneß' Schweizer Finanzberater, der mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, und der Fall des Ex-BayernLB-Vorstands Gerhard Gribkowsky, der wegen dunkler Geschäfte mit Formel-1-Chef Bernie Ecclestone zu achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Hinter den Katastrophen der Finanzkrise allerdings steckt nur selten kriminelle Energie, wie Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance sagt: „Die meisten Verluste, so schmerzlich sie auch sind, entstanden aufgrund von formal korrekten Entscheidungen.“ Ex-Vorstände der HSH Nordbank wurden deshalb vom Vorwurf der Untreue freigesprochen, Prozesse gegen ehemalige Manager der LBBW und der BayernLB gegen Geldauflagen eingestellt. „Es gab keine Riege von massenhaft kriminellen Bankvorständen“, lautet Hellmichs Fazit. „Von dieser Vorstellung muss man sich verabschieden.“

Dennoch haben die Prozesse, in denen Banker oft monatelang auf der Anklagebank sitzen, eine abschreckende Wirkung. Denn Zweifel an der Ehrlichkeit sind Gift für die Karriere, selbst wenn sie sich im Nachhinein als unbegründet erweisen. „Das kommt einem Berufsverbot gleich“, erbitterte sich im BayernLB-Verfahren einer der Ex-Vorstände über die Anklage, von der schließlich nach Überzeugung des Gerichts kaum etwas übrig blieb. „Das größte Kapital, das Sie als Banker haben, ist Ihre Integrität.“

Deshalb versuchen Spitzenmanager heute öfter denn je, sich vor größeren Entscheidungen abzusichern. „Vorstände holen sich im Zweifel lieber ein 'Angst-Gutachten' mehr, damit sie auf der sicheren Seite sind“, erzählt ein hochrangiger Banker. Das treffe für Großbanken genauso zu wie für Sparkassen. „Das heutige Managementverhalten der Banker kann man getrost als hoch risikoavers und extrem vorsichtig bezeichnen“, sagt auch HypoVereinsbank-Chef Theodor Weimer.

Dass viele Bosse Entscheidungen heute sorgfältiger prüfen als vor der Finanzkrise, sehen Aufseher und Experten positiv. Doch die Vorsicht hat auch eine Kehrseite: „Das führt dazu, dass sich Vorstände vor strategischen Entscheidungen drücken, um keine Risiken mehr einzugehen“, gibt selbst ein Anwalt zu bedenken, der an den Mandaten mehrerer deutscher Top-Manager gut verdient.

Bei einigen Beobachtern wächst die Sorge darüber, dass in der Wirtschaft immer öfter Rechtsberater den Ton angeben. „Es ist erschütternd anzusehen, wie selbst Spitzenkräfte hasenfüßig werden“, kritisiert etwa die „Süddeutsche Zeitung“.

Kommentare zu " Manager vor Gericht: Die Angst der Banker vor dem Staatsanwalt"

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  • @ krauss:

    Das geht nicht angesichts des Schuldprinzips, der persönlichen Vorwerfbarkeit.
    Allerdings kann man es schon jetzt halten wie die Amerikaner.
    Dort zahlt das Unternehmen (ins Gefängnis kann es nicht gehen) nach intensiver Verhandlung mit den Vorständen - zum Teil ganz erhebliche Summen.

  • Im deutschen Strafrecht können wir nur Personen anklagen, keine Unternehmen“

    Dann sollte man vielleicht DAS aus der Finanzkrise lernen und schnellstmöglich ändern.

  • Wenn ich mir die Zitat des Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance anschaue dann wird klar warum es passierte und es wieder passieren wird.

    Zitat 1: „Die meisten Verluste, so schmerzlich sie auch sind, entstanden aufgrund von formal korrekten Entscheidungen.“ Thema verfehlt, 6, setzen. Die Entscheidung muss inhaltlich korrekt sein. Auch in der Mathematik kann eine Berechnung formal richtig aber inhaltlich kompletter Humbug sein, dann stürzt ein Haus real doch ein.

    Zitat 2: „Es gab keine Riege von massenhaft kriminellen Bankvorständen“ Was meint er mit 'kriminell'? Das Absicht dahinter steckt? Wenn jemand mit massiv überhöhter Geschwindkeit eine Geschwindkeitsbegrenzung überschreitet und erwischt wird ist er krminiell und deshalb seinen Führerschein los, egal ob mit Absicht, Fahrlässig oder billigend. Und in dieser Hinsicht sind die Bankvorstände kriminell, wenn sie mit überzogenen Renditezielen fernab der Realität kriminelle Handlungen von Angestellten oder anderen Erfüllungsgehilfen in Kauf nehmen.

    Wenn Manager jetzt Angst vor evtl. juristischen Konsequenzen gestehen sie doch letztlich zwei Dinge ein: erstens ihre Unfähigkeit oder Unwillen bei ihren Handlungen alle Konsequenzen zu beachten, und zweitens, eine andere Entscheidung/Meinung nicht zu treffen, wenn sie richtiger ist, aber aufwändig, unbequem und dem Vorstand kurzfritig keine 'Show-Effekte' bringt. Es geht also um Macht und Rücksichtslosigkeit. Und da setzt das Gesetz der Macht Grenzen und fordert Rücksicht.

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