Prozess gegen Fabrice Tourre
Naiver Weltverbesserer oder böser Finanzhai?

Seit Montag steht der „Fabelhafte Fab“ vor Gericht: Der Ex-Händler von Goldman soll Investoren betrogen haben. Zum Auftakt stellen ihn seine Anwälte ganz anders dar. Und die Richterin duldet kein Finanz-Kauderwelsch.
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New YorkDass diese Sache hier kompliziert werden würde, war allen Prozessbeteiligten vorher klar. Trotzdem sah sich Richterin Katherine Forrest gleich zu Beginn zu einem Appell gezwungen. „Haben Sie ein Herz“, sagte sie in Richtung der Anwälte. Die Geschworenen sprächen schließlich nicht die Sprache der Wall Street. „Ein synthetischer CDO ist reines Kauderwelsch, solange Sie ihn nicht erklären“, mahnte Forrest.

Ebenso wie die Jury war auch die Richterin am Montag mitten hineingeraten in die Welt der Investmentbanken, Finanzprofis und unverständlichen Finanzprodukte. An einem Gericht in Manhattan begann gestern einer der Aufsehen erregendsten Prozesse im Zusammenhang mit der Finanzkrise: Die Zivilklage der US-Börsenaufsicht SEC gegen den 34-jährigen Fabrice Tourre, Ex-Händler der Investmentbank Goldman Sachs, Spitzname: „Fabelhafter Fab“. Ihm wirft die SEC Betrug vor.

„In diesem Fall geht es um Lügen, Täuschung und Wall-Street-Gier“, sagte ein Anwalt der Behörde in seinem Eröffnungsplädoyer. Das Wort „Gier“ sollte am ersten Prozesstag noch öfters fallen: Die SEC will den Franzosen als Prototyp all dessen darstellen, was an der Wall Street falsch lief. Für seine Anwältin ist Tourre dagegen nur ein Sündenbock. Er habe niemanden täuschen wollen, entgegnete sie am Montag. Das Anwaltsteam wird von Goldman Sachs bezahlt.

In den kommenden drei Wochen müssen sich die neun Geschworenen, die am Montag ausgewählt wurden, nun selbst eine Meinung darüber bilden.

Dazu müssen sie tief eintauchen in die wilde Zeit vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007. Nach Ansicht der SEC soll Tourre damals Investoren irreführende Informationen über ein Anlageprodukt gegeben haben, das er als damals 28-Jähriger für Goldman selbst zusammengestellt hatte: „Abacus 2007-AC1“. Dem Papier – ein so genannter CDO – lag demnach ein Bündel fauler US-Häuserkredite zugrunde. Von vornherein sei es darauf angelegt gewesen, abzustürzen. Und die Investmentbank wettete darauf.

Das tat das Papier dann auch erwartungsgemäß, als im Jahr 2007 der lange boomende Immobilienmarkt drehte und immer mehr Hausbesitzer ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Die Käufer von „Abacus“ waren angeschmiert, während Goldman und der Hedgefonds-Manager John Paulson ein Vermögen verdienten. Paulson soll an der Zusammenstellung von „Abacus“ beteiligt gewesen sein, was Goldman und Tourre den Käufern – darunter die deutsche Bank IKB – verschwiegen hatten. Sie verloren durch den Deal mehr als eine Milliarde Dollar.

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E-Mails: „Frankensteins“ und „Monster“

Kommentare zu " Prozess gegen Fabrice Tourre: Naiver Weltverbesserer oder böser Finanzhai?"

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  • @Freidenker
    Natürlich geht es auch um Gewinn/Profit, aber auch um Verlust, für den bekanntermaßen dann aber nicht die Verantwortlichen aufkommen müssen? Das die Politik überfordert ist, darf nicht dazu führen sie abzuschaffen? Die beste Waffe gegen solche Machenschaften, ist Aufklärung, Aufklärung und noch einmal Aufklärung, was bereits in der Schule beginnen muss!

  • Wie kommt das Handelsblatt nur zu diesem Titel. Was hat Tourres’ Tätigkeit in Ruanda im Jahr 2011 mit dem Jahr 2007 zu tun, außer dass er 2011 sein Image zu verbessern sucht. Sicherlich belegt sein E-Mail-Verkehr mit seiner Freundin bei GS in London auch seine Verliebtheit. Aber die folgenden Passagen zeigen sehr klar eine pervertierte, auf die Katastrophe zusteuernde Finanzindustrie.
    The emails date from the first half of 2007. Fabrice Tourre has since relocated to London.

    23 JANUARY 2007
    “…More and more leverage in the system, the entire system is about to crumble any moment…the only potential survivor the fabulous Fab (as Mitch would kindly call me, even though there is nothing fabulous abt me…) standing in the middle of all these complex, highly levered, exotic trades he created without necessarily understanding all the implications of those monstruosities !!!”

    29 JANUARY 2007
    “When I think that I had some input into the creation of this product (which by the way is a product of pure intellectual masturbation, the type of thing which you invent telling yourself: “Well, what if we created a “thing”, which has no purpose, which is absolutely conceptual and highly theoretical and which nobody knows how to price?”) it sickens the heart to see it shot down in mid-flight…It’s a little like Frankenstein turning against his own inventor ;)”

    7 MARCH 2007
    “… I will give you more details in person on what we spoke about but the summary of the US subprime business situation is that it is not too brilliant…According to Sparks [Daniel Sparks, a former head of the mortgages department at Goldman], that business is totally dead, and the poor little subprime borrowers will not last so long!!!…I do not intend to wait for the complete explosion of the industry and the beginning of distressed trading, I think there might be more interesting things to do in Europe…”

    13 JUNE 2007
    “Just made it to the country of your favorite clients [Belgians]!!! I’m managed to sell a few abac

  • Ich versteh den ganzen Aufruhr nicht. Der einzige Fehler von "Fab" war ja wohl, dass er das Geschäftsmodell der Goldmänner, Deutschbanker etc. per email niedergeschrieben hat. Rein inhaltlich gibt es also nichts Neues.

    "Fab" ist dementsprechend das Bauernopfer zur "Entschuldung" der Investmentbanken. Dafür hat er seine Boni eingesstrichen, da er ja die Ziele der Bank übererreicht hat, und bekommt nun ein horrend teures Anwaltsteam spendiert. Wahrscheinlich hat er noch ein Paar weitere geldwerte Optionen bei den Goldmännern für den Fall, dass er dicht hält.

    Wie @Freidenker schon sehr gut beschrieben hat, sitzen die wahren schuldigen in der Politik, die statt Schaden vom Volk abzuwenden gemeinsame Sache mit den Banken macht. Diese wechselseitige Abhängikeit und Kooperatin von Politik und Banken ist die Wurzel des Übels.

    Ermöglicht wurde dies durch den Typus des egoistischen Karrierepolitiker ("Selbstbediener") und die Haftungsfreiheit politischer Entscheider. mit ihrer billligenden Inkaufnahme von Billionenschäden für die Allgemeinheit werden diese reich und sichern sich darüberhinaus märchenhafte Versorgungsansprüche gegen das ausgeplünderte Volk.

    Noch schlimmer ist die Vorbildfunktion, die dazu führt, dass die Vermeidung von Verantwortung bei gleichzeitiger Generierung hoher Einkommen, auch auf die Wirtschaft übergesprungen ist. Diese Infektion ist nur ein Grund, warum den meisten der Spaß an Arbeit und Leben so richtig vermiest wird.

    Die Lösung kann nur das politische Mandat auf Zeit, die Einführung einer Haftung (Streichung der Pension), und die Wiedereinführung des Parlamentarismus, als Kontrollinstan sein.

    Dies ist leider sehr unwahrscheinlich, da das Volk selbst absolut desinteressiert ist an den Zusammenhängen. Sowohl im Politischen als auch bei den eigenen Bankgeschäften. Insofern haben wir schon heute Gerechtigkeit, da jeder das bekommen wird was er verdient. Wenn es soweit sein wird wird's richtig spannend. Dann geht's wieder rund im Deutschen Land.

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