Reaktion der Banken
„Das Geld quillt schon aus allen Ritzen“

Die Bankenverbände wettern in aller Deutlichkeit gegen die jüngste Zinssenkung der EZB. Sie warnen vor den Risiken der Strafzinsen auf ihre Einlagen – und erwarten wenig Impulse durch das billige Geld.
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Düsseldorf/FrankfurtSo wenig Zins war nie - mit ihrer jüngsten Entscheidung hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen auf ein Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt. Für Einlagen sind ab sofort sogar Strafzinsen fällig. Die Geldpolitik von Mario Draghi sorgt bei den Bankenverbänden für Entrüstung. Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), fürchtet weitreichende Folgen: „Die Zentralbank erzeugt zunehmend gefährliche Nebenwirkungen. Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört.“

Die niedrigen Zinsen treibe die Anleger in riskantere Anlageformen und mache die Finanzmärkte auch nicht stabiler. „Im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten. Gleichzeitig belasten die dauerhaft niedrigen Zinsen zunehmend das Geschäft der realwirtschaftlich orientierten und stabilen Kreditinstitute“, so Fahrenschon. Die daraus entstehenden Gefahren müsse die Zentralbank stärker berücksichtigen.

Für Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), ist die Leitzinssenkung „eine Placebopolitik auf Kosten der Sparer“. Statt den Krisenstaaten zu helfen, sei die Entscheidung ein schlechtes Signal für die deutschen Sparer und gefährde die Altersvorsorge in Deutschland. Die Verzinsung der Ersparnisse werden künftig noch schmaler ausfallen.

Welche direkten Folgen sich aus der EZB-Entscheidung ableiten, ist für Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, „mehr als ungewiss“. Es mangele nicht an Liquidität zur Kreditvergabe, sondern an erfolgversprechenden Anlageobjekten. Überschuldete Unternehmen und damit verbundenen hohe Kreditrisiken würden in Krisenländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern. Banken würden daher eher einen niedrigen, negativen Einlagezins in Kauf nehmen, als höhere Risiken einzugehen.

Die Gefahr einer Deflation in den Südländern sieht Kemmer nicht. Immerhin sei die Arbeitslosigkeit im Euro-Raum seit Ende letzten Jahres gesunken. Eine langanhaltende Niedrigzinspolitik sei darum keine Option. „Investoren, Unternehmen, Konsumenten und der Staat dürfen sich nicht zu stark an das extrem billige Geld gewöhnen.“ Auf Dauer sei die Geldpolitik kein geeignetes Instrument, um die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Eurostaaten zu stärken.

Beim Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) geht man sogar davon aus, dass Draghis Feuer aus allen Rohren keinerlei Wirkung zeigen wird. „Die weitere Zinssenkung und der negative Einlagenzins sind zwar ein historischer Schritt, der aber zumindest als effektlos in die Geschichtsbücher eingehen wird“, erklärt VÖB-Hauptgeschäftsführerin Liane Buchholz. Der Markt habe die Entscheidung bereits vorweg genommen und in die Euro-Wechselkurse zum Dollar eingepreist. Die vermeint positiven Effekte würden in sich zusammenfallen. Die negativen Folgen würden Privatkunden, Unternehmen und Banken in Deutschland „viele Jahre leiden“ lassen.

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  • Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, Böses muß gebären. Die böse Tat ist der Kuhhandel zwischen Mitterrand und Kohl am Ende der achtziger Jahre: Gibst du mir die Währungsunion, stimme ich deiner deutschen Einheit zu. Die Währungsunion, ein zwangsweiser Zusammenschluss Europas zu einem Leviathan, der die alte Idee des Nationalismus durch eine neue, demokratische Identität ersetzen sollte. Und was ist daraus geworden? Nachdem die ganze Sache immer schiefer läuft, ob nun Deflation oder Inflation: Auf jeden Fall eine voraussehbare Währungsreform: Die Politik hat schon längst die Flinte ins Korn geworfen und die Angelegenheit der von Rockefeller ins Leben gerufenen Group of Thirty" - G 30 - übergeben und deren Repräsentant Draghi wirkt schon emsig. Die wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung seit 2000 zeigt schon allzu deutlich: Die Gewinner werden nicht die Menschen in Europa sein, sondern der internationale neoliberale Kapitalismus, der sich angesichts der öffentlichen Schuldenstände bald wieder in einen Imperialismus wandeln muß, um nötigen Dampf abzulassen.

  • Geld quillt und unserer Politiker wollen trotzdem die steuern erhöhen! Gibt es mehr Menschenverachtung bzw. Deutschenhass?????

  • Mich stört der Begriff "Wirtschaftsexperte" in diesem Zusammenhang. Denn gerade die Ökonomen haben die letzten 15 Jahren lauthals gewarnt vor den absehbaren Verherrungen, die eine einheitliche Währung für so unterschiedliche Volkswirtschaften mit ihren unterschiedlichen Produktivitäts-Niveaus, Steuer-/Finanzregelungen etc. mit sich bringen wird. Und sie schimpfen heute ebenso über die nicht legitimisierte EZB-Politik (Eingriffe in europäische Haushaltspoltik usw), anstatt die Grundregeln wieder in den Mittelpunkt zu rücken.

    Dass "Finanzexperten" (wie Draghi) jetzt die Märkte weiter mit Geld fluten, ist nicht "Ökonomie", sondern "Politik". Und ganz typisch: der Erfolg hält sich sehr in Grenzen, die Mittel sind schnell aufgebraucht und wirkungslos, aber an anderer Stelle treten neue, große Verherrungen auf...

    Mich ärgert am meisten an diesem EURO und an der EU, dass die Politik zuerst gegen die Gesetze und Prinzipien der "Ökonomie" verstößt, und dann den Ökonomen die Schuld gibt oder behauptet, das Desaster läge an der "Marktwirtschaft" oder am "Kapitalismus" o.ä., man müsse also NOCH mehr staatlich regeln oder eingreifen...

    Das alles ist ein einziges Lügengebilde - und hat mit "Ökonomie" nix, aber auch garnix mehr zu tun.

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