Referenzzins Libor
Tod einer Legende

Der Libor war die Grundlage für einen der größten Skandale in der Geschichte der Banken. Nun soll der Referenzzins abgeschafft werden. Viele Banken dürften froh darüber sein. Doch eine Alternative fehlt bisher.
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Er war Auslöser umfangreicher Ermittlungen, hat Banker ins Gefängnis gebracht und Banken in Verruf: der Libor. Jahrzehntelang galt der Zinssatz als Richtgröße für die Stabilität der Banken, bis ans Licht kam, dass er manipuliert wurde. Jetzt will die britische Bankenaufsicht FCA dem Zins den Garaus machen. Am Donnerstag kündigte der Vorsitzende der FCA an, die Banken zu ermutigen, in den kommenden Jahren Alternativen zum Libor zu suchen. Noch ist der Zinssatz also nicht tot – aber seine Zeit neigt sich dem Ende zu.

Viele Banken dürften froh sein, dass dieses Kapitel der Finanzgeschichte damit ein für alle Mal beendet wird – zu unschön war die Rolle einiger Banken und Bankmitarbeiter in der Historie des Zinssatzes.

Der Libor ist der Satz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Er diente damit – gerade in der Finanzkrise – als Maßstab dafür, wie stabil eine Bank von anderen Banken eingeschätzt wird. Darüber hinaus basieren weltweit direkt und indirekt Transaktionen an den Finanzmärkten im Wert von 450 Billionen Dollar auf dem Referenzzins. Kalkuliert wird der Libor anhand der Angaben mehrerer Institute zu ihren Zinssätzen für große, unbesicherte Kredite an andere Banken. Doch diese Angaben stimmten nicht immer mit der Wahrheit überein: Wie sich in den vergangenen Jahren herausstellte, hatten einige Banken sich von 2006 bis mindestens 2010 abgesprochen und damit den Libor manipuliert.

Der Libor-Skandal zog weite Kreise, von New York über Frankfurt bis London und Zürich. Rund 20 Institute rund um den Globus standen unter Verdacht. Die Behörden haben wegen der Manipulationen Strafen von rund neun Milliarden Dollar verhängt. Allein die Deutsche Bank zahlte vor knapp zwei Jahren bereits 2,5 Milliarden Dollar. Einige der beteiligten Banker wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, darunter Tom Hayes, ein früherer Angestellter der Großbanken UBS und Citigroup, der zu einer Haftstrafe von über zehn Jahren verurteilt wurde. Noch immer sind nicht alle Fälle abgeschlossen.

Doch es ist nicht die unrühmliche Vergangenheit des Libor, welche die britische Bankenaufsicht dazu brachte, das Ende des Libor einzuläuten. „Wir befürchten kein Fehlverhalten oder haben Anzeichen dafür“, betonte FCA-Chef Andrew Bailey am Donnerstag in London. Es gebe aber mittlerweile zu wenig Geschäfte, die als Grundlage für die Kalkulation des Libor dienen. Der Markt sei nicht mehr ausreichend liquide – und in einem solchen Fall sei selbst der beste Referenzzins sinnlos. Bis Ende 2021 sollen die Banken noch ihre Angaben für den Libor machen und ihn damit am Leben halten, erklärte Bailey. In der Zwischenzeit soll es eine Alternative gesucht werden. 2022 heißt es dann wohl: Rest in peace, Libor.

Korrespondentin des Handelsblatts.
Kerstin Leitel
Handelsblatt / Korrespondentin

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