Regulierung
Europas Banken profitieren von US-Regeln

Durch neue Regulierungsgesetze scheint die Machtverteilung zwischen Europa und den USA empfindlich gestört. Viele Regeln spielen den europäischen Geldhäusern in die Karten. Das lassen die US-Bänker nicht ohne Protest über sich ergehen.

LondonHartgesottene Wall-Street-Banker ist eigentlich selten zum Klagen zu Mute. Aber dieses Mal ist der Frust nicht zu überhören: „Wenn sich nicht sehr schnell etwas ändert, werden wir Marktanteile an die Europäer verlieren. Und es gibt kaum etwas, das wir dagegen tun können“, jammert ein hochrangiger Londoner Manager einer großen amerikanischen Investmentbank. Der Grund für die ungewohnte Larmoyanz: Regulierer und Politiker haben die Machtbalance zwischen den Geldhäusern auf dem alten und dem neuen Kontinent empfindlich verschoben.

Eigentlich hatten die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in der Aufbruchstimmung nach der Finanzkrise versprochen, dafür zu sorgen, dass künftig für die Finanzbranche rund um den Globus die gleichen strengen Regeln gelten. „Doch das war gestern, und heute sieht die Realität ganz anders aus“, klagt der amerikanische Investmentbanker.

Der Mann hat durchaus einige gute Argumente auf seiner Seite, immerhin fanden die Analysten der US-Großbank JP Morgan genug Stoff, um gleich eine ganze Serie von Researchberichten zum Thema Regulierungsarbitrage zu schreiben. Ihr Fazit: Die Dissonanz der Aufseher sorgt für ein kaum noch entwirrbares Durcheinander, das im Moment tatsächlich den europäischen Geldhäusern in die Karten spielt. Vor allem verführt die Uneinigkeit der Regulierer die Institute aber, nach Schlupflöchern und Schleichwegen zu suchen. Die Versuchung für Banken und Banker wächst, wieder Zuflucht in der Grauzone der Schattenbanken zu suchen – eines der Epizentren des großen Bebens, das die Weltwirtschaft seit 2007 erschüttert. Unter Schattenbanken versteht man all jene Finanzfirmen, die zwar wie Banken Geld leihen und verleihen oder mit Finanzprodukten handeln, aber bei weitem nicht so streng reguliert sind. Zum Reich der Schattenbanken zählen beispielsweise Geldmarktfonds, Zweckgesellschaften, Private-Equity-Firmen und die umstrittenen Hedge-Fonds.

Im Zentrum des transatlantischen Regulierungsstreits steht die sogenannte Volcker-Rule. Benannt nach dem ehemaligen US-Notenbankchef Paul Volcker, zwingen die neuen Vorschriften die amerikanischen Banken, sich weitgehend aus dem lukrativen Handel auf eigene Rechnung zurückzuziehen. Außerdem dürfen die Institute nur noch sehr begrenzt hauseigene Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften betreiben. Aber die Regel geht noch weiter: In Zukunft werden die Regulierer das Engagement der großen Wall-Street-Häuser beim sogenannten Market-Making genau unter die Lupe nehmen. Und das trifft ins Kern des Kapitalmarktgeschäfts, mit dem die Institute im Moment den Löwenanteil ihrer Gewinne machen. Beim Market-Making setzen die Banken eigenes Kapital ein, um Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen, um ihren Kunden einen liquiden Markt bieten zu können.

Im Gegensatz zu ihren Konkurrenten an der Wall Street müssen sich die Europäer keiner Volcker-Rule beugen, und im Moment sieht es auch nicht so aus, als wollten die Aufseher auf dem alten Kontinent ihre Regeln entsprechend nachbessern.

Zwar haben sich auch große europäische Investmentbanken wie die Deutsche Bank nach der Finanzkrise mehr oder minder freiwillig aus dem reinen Eigenhandel zurückgezogen. Aber beim Market-Making wittern die Europäer eine lukrative Chance, die mächtige US-Konkurrenz auf ihrem Heimatmarkt zu attackieren, weil sie freimütiger ihr Kapital einsetzen können.

„Wenn man das geschickt anstellt, ergibt sich eine Möglichkeit, die sich nur einmal in einer Generation auftut“, sagte Douglas Landy, Bankenexperte der Anwaltskanzlei Allen & Overy der Nachrichtenagentur Reuters. Europäische Geldhäuser mit starkem Kapitalmarktgeschäft wie die Deutsche Bank oder Barclays würden bereits versuchen in die Bresche zu stoßen, die die Volcker-Rule gerissen hat.

Seite 1:

Europas Banken profitieren von US-Regeln

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%