Reise für Mitarbeiter
„Es kann nicht sein, dass uns die Wüstenrot zum Puff kutschiert“

Eine Incentive-Reise der Wüstenrot nach Rio de Janeiro wurde den hohen moralischen Ansprüchen des Traditionskonzerns nicht gerecht. Die Bausparkasse bemüht sich um Aufklärung - und stößt auf schlüpfrige Details.
  • 39

DüsseldorfEs war kurz nach Mitternacht, als der weiße Reisebus mit den besten Wüstenrot-Vertretern des Jahres vor das Barbarella an der Copacabana rollte. Monatelang hatte die Führung des Finanzdienstleisters ihre Verkaufstruppe angestachelt. Wer sich richtig ins Zeug legte, sollte etwas erleben, was er so schnell nicht wieder vergessen würde. In der Nacht zum 30. April 2010 war es dann so weit.

"Die Bustüren gingen auf und etwa die halbe Gruppe stieg aus, inklusive Bereichsleiter und Direktoren", berichtet ein Teilnehmer. "Ich habe nur gedacht: Das kann ja wohl nicht sein, dass uns die Wüstenrot hier zum Puff kutschiert." Wüstenrot, gegründet 1921, ist die älteste Bausparkasse Deutschlands. Die große Tradition wird sorgsam gepflegt.

"Das Ansehen und der Ruf eines Unternehmens sind genauso erheblich für den wirtschaftlichen Erfolg wie die Qualität seiner Produkte", heißt es im Verhaltenskodex von Wüstenrot. "Um eine maximale Professionalität und Integrität zu erreichen, sind Sie gehalten, Ihr Auftreten einer ständigen Eigenkontrolle zu unterziehen. Das Auftreten ist Ihr Aushängeschild und wirkt sich somit auch auf das Ansehen des Unternehmens aus, das Sie repräsentieren."

So weit der Anspruch. In der Praxis jedoch benahmen sich einige Führungskräfte wie Rockstars auf Tournee. "Auf den Hotelfluren war ein munteres Treiben", erzählt ein Teilnehmer der Rio-Reise. "Die brasilianische Polizei griff einen unserer Direktoren nachts im Beisein einer Prostituierten am Strand auf."

Das Handelsblatt fragte bei Wüstenrot nach, wie die Bausparkasse dieses Führungsverhalten erklärt. Der Konzern schaltete umgehend die Revision ein. Dabei stellte sich zunächst Erleichterung ein. Teilnehmer der Reise erzählten der Zentrale, sie seien zwar im Barbarella gewesen. Es handele sich dabei aber lediglich um ein Tanzlokal.

Seite 1:

„Es kann nicht sein, dass uns die Wüstenrot zum Puff kutschiert“

Seite 2:

Wüstenrot will Konsequenzen ziehen

Seite 3:

„Ihr Engagement zahlt sich aus“

Seite 4:

Falsche Anreize

Kommentare zu " Reise für Mitarbeiter: „Es kann nicht sein, dass uns die Wüstenrot zum Puff kutschiert“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ich finde es ziemlich erschreckend, wie wahnsinnig geschockt alle darüber sind, wenn mal ein paar gute Verkäufer sich am Jahresende mit einem Puffbesuch belohnen. Wozu gibt es diese "Häuser"?!
    Jeder soll machen was er für richtig hält. Und ein paar Wüstenrot-Mitarbeiter Lust auf Beischlaf mit brasilianischen Prostituierten haben, dann sollen sie das tun.
    Es gibt schlimmere Dinge, die wirklich unsere Aufmerksamkeit verdient haben!

  • Kultur, schreibt Sigmund Freund, ist die Sublimierung der Urtriebe des Menschen, der Destruktion und Sexualität und die Verhaltensweisen, nicht nur hier, zeigen, daß die Masse der Menschen seit mehr als 2000 Jahren trotz einzelner zivilisatorischer und geistiger Höhepunkte kaum kulturelle Fortschritte aufzuweisen haben. Das hier beschriebene Verhalten kann also nur jemanden erstaunen, der die Entwicklung der Menscheitskultur nicht kennt. Ökonomische Auswirkungen hat dieses Verhalten auch nicht, denn ich kann mir nur wenige Bereiche unseres Lebens vorstellen, die nach anderen Wertvorstellungen existieren.

  • Das "Handelsblatt" ist unter seiner neuen Chefredaktion tief gesunken. Sein Chefinquisitor Sönke Iwersen wird Wirtschaftsjournalist des Jahres dafür, dass er sich auf "SUN"-Niveau begibt und von Erpressern instrumentalisieren lässt.

    Ich habe das HB seit meinem Wirtschaftsstudium vor 20 Jahren fest jeden Tag mit Gewinn gelesen. Jetzt stößt es mich häufig nur noch ab. Vor allem die einseitig-negative skandalheischende Berichterstattung über die Wirtschaft finde ich einer Wirtschaftszeitung unwürdig. Das Abo ist seit einem Jahre gekündigt. Bleibt nur noch Börsenzeitung und FAZ.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%