Rezension „Bankräuber“: Als die Landesbanken „Wall Street“ spielten

Rezension „Bankräuber“
Als die Landesbanken „Wall Street“ spielten

Leo Müller analysiert in seinem Buch "Bank-Räuber. Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin treiben" die deutsche Seite der Finanzkrise. Haben deutsche Banker, Aufseher und Politiker eine eigene Schld an den Milliardenrisiken? Sein Fazit: Alles muss neu gestaltet werden - von der Finanzpolitik zur Bankenaufsicht.
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DÜSSELDORF. Kann es sein, dass die Finanzkrise Deutschland aus Richtung Amerika einfach nur so überrollt hat? Oder trifft deutsche Banken, Aufseher und Politiker eine eigene Schuld an den Milliardenrisiken, die sich im deutschen Finanzsystem auftaten? Der Buchautor Leo Müller hat dazu eine dezidierte Meinung: Deutsche Bankmanager haben unverantwortliche Risiken verschwiegen, die Bankenaufsicht BaFin und die Bundesbank wollten davon nichts wissen, und die Politik hat die dazu nötigen laschen Rahmenbedingungen durchgesetzt.

Müller schildert ausführlich, welche Fehler die Bankenkrise in Deutschland weitaus kostspieliger gemacht haben als in anderen Ländern - insbesondere teurer als in Müllers Heimatland, der Schweiz.

Ausgangspunkt seiner Ermittlungen gegen die Politik ist ein Krisentreffen in Berlin im Februar 2003. Damals ging es um die Schieflage der Hypo-Vereinsbank. Spätestens damals hätten Politiker, Aufseher und beteiligte Bankmanager erkennen müssen, welche Risiken in den Bankbilanzen verborgen sein können.

Dazu kommt als deutscher Sonderfaktor für Müller das verantwortungslose Handeln von Landesbanken. Detailliert beschreibt er, wie sie riesige Finanzanlagen in Schrottkredite über Gesellschaften, die außerhalb der Bilanz stehen, abwickelten. Landesinstitute spielten so "Wall Street", schreibt er. Dazu warf die deutsche Politik in Brüssel ihr Gewicht in die Waagschale, um die Staatshaftung für die Banken möglichst lange aufrechtzuerhalten. Die Folge daraus war, dass die riskanten Gesellschaften der Landesbanken stets Bestnoten von den Ratingagenturen erhielten - weil ja letztlich der Staat haften musste.

Müller kritisiert etwa den früheren Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der nach der Lehman-Pleite die USA als Verursacher der Krise ausmachte. Auch die für ihre Banken verantwortlichen Landespolitiker schilt er heftig, von den Bankenaufsehern und der Bundesbank hält er wenig.

Indiz für Versagen auf breiter Front sind kriminelle Machenschaften, wie sie etwa der US-Fondsbetrüger Bernard "Bernie" Madoff über Jahre begehen konnte. Immer wieder verweist Müller, der auch Dozent am Studiengang für Wirtschafts-Kriminalistik in Luzern ist, auf historische Vergleichsfälle. Schon Anfang des Jahrhunderts hätten ähnliche Betrügereien Schwächen des Finanzsystems bloßgelegt. Der Schluss, zu dem Müller kommt, ist entmutigend: "Die Antwort auf diese tiefe Krise des deutschen Bankenplatzes kann nur lauten: Alles muss von Grund auf neu gestaltet werden - eine neue Finanzpolitik, eine neue Bankenaufsicht und vor allem neue Banken", schreibt der Schweizer Journalist.

Seine detaillierte Beschreibung der vielen Ungeheuerlichkeiten und der Milliardenrisiken, die letztlich auf die Steuerzahler zurückfallen, lassen kaum einen anderen Schluss zu. Die mannigfaltigen Probleme zeigt Müller anschaulich auf, Rückschlüsse muss der Leser ziehen.

Leo Müller: Bank-Räuber. Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin treiben. Econ, Berlin 2010, 384 Seiten, 19,95 Euro

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  • 8. Was haben die Vertreter der politischen Parteien eigentlich die ganze Zeit in den Verwaltungsräten der Landesbanken getrieben? Von Kaffeetrinken einmal abgesehen.

  • bei den Landesbanken habe ich mir schon immer einige Fragen gestellt?

    1. Welches Geschäftsmodell verfolgen die deutschen Landesbanken?

    2. Warum müssen die dtd. Landesbanken ein Großteil ihres Eigenkapitals in Amerika mit AbS-Papieren verspekulieren?

    3. Warum gibt es in Dtd. so viele Landesbanken?

    4. Wie können Politiker, die keine wirtschaftliche oder bankenspezifische Ausbildung haben sich als Aufseher der großen Landesbanken aufspielen?

    5. Warum haftet ein Landesbankenvorstand u. ein Landesbankenverwaltungsrat nicht mit seinem persönlichen Vermögen anteilig für Verluste?

    6. Warum dürfen die diversen Landesbanken in den gleichen - nicht unbedingt notwendigen u. riskanten Geschäftsbereichen weiterhin die gleichen Risikogeschäfte abwickeln?

    7. Warum verpflichtet die EU die Landesbanken nicht schneller ihre bilanzssumme abzubauen.

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