Riskantes Geschäft
Indische Kleinbanker leben gefährlich

Rund 530 Millionen Inder haben kein eigenes Bank-Konto. Kleine Dorf-Banker sollen dieses Problem lösen, brauchen aber oft Polizeischutz, um überhaupt zur Arbeit zu kommen. Die Zahl der Raubüberfälle steigt.
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DelhiZeyaul Haque, Betreiber eines Kiosks in einer ländlichen Region Ostindiens, genießt den Respekt, der ihm als Dorf-Banker entgegengebracht wird. Er hat 10.000 Kunden, die zuvor keinen Zugang zu Konto und Geldabhebungen hatten. Aber die Sache hat auch einen Nachteil: Die Polizei muss Haque und seine Taschen voller Geld zur Arbeit begleiten. Und der Schutz ist nur vorübergehend.

„Ich habe mir eine Pistole gekauft“, sagte der 31-Jährige in einem Interview mit Bloomberg News. Er übernahm das Geschäft, nachdem sein Bruder im April wegen 500.000 Rupien (6130 Euro) überfallen und erschossen wurde. Die Täter waren ein Kunde und Komplizen auf Motorrädern. Sie hatten vorher seine tägliche Route zur nächsten Filiale der State Bank of India ausspioniert. „Dies ist ein gefährliches Geschäft. Ich verlor meinen Bruder, aber was kann ich sonst tun?“

Das eigene Leben zu riskieren, um Finanzdienstleistungen in die ländlichen Regionen von Indien zu bringen, gehört für Banker wie Haque zum Beruf. Fast 200.000 über das ganze Land verteilte Ladenbesitzer, Händler und Kleinunternehmer tragen dazu bei, die laut Weltbank schätzungsweise 65 Prozent der erwachsenen Inder ohne Konto zu erreichen. Das sind rund 530 Millionen Menschen - mehr als in der gesamten Europäischen Union leben. Zum Vergleich: In China haben nur 36 Prozent der Bürger kein Konto.

Seitdem das 2006 ins Leben gerufene Programm vor drei Jahren beschleunigt wurde, haben mehr als 100 Millionen Inder Zugang zum Bankensystem gewonnen. Das zeigen Daten der Reserve Bank of India.

Lange hatten sich die Banken vor der kapitalintensiven Aufgabe gedrückt, Zweigstellen aufzumachen, die zu weit von den größten indischen Städten entfernt sind. Doch die Möglichkeit, die Aufgabe Subunternehmern anzuvertrauen, veranlasste Banken wie SBI, Axis Bank Ltd. und Bank of Baroda dazu, Tausende von kleinen Läden im Land als Außenstellen zu gewinnen.

Die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen außerhalb der Städte könnte für die Banken bis zum kommenden Jahr Erlöse von 21 Milliarden Dollar (knapp 16 Milliarden Euro) bringen, das geht aus einer Studie von McKinsey & Co. hervor. Dem Papier zufolge dürfte es der Regierung zudem gelingen, 22,4 Milliarden Rupien pro Jahr zu sparen, indem sie Unterstützungsgelder für Bildung und Gesundheit direkt auf die Konten von Empfängern überweist. Letztlich lassen sich Korruption und Zwischenhändler- Ineffizienzen des derzeitigen Systems abbauen, hieß es.

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