Schlechte Rahmenbedingungen sind für die Ertragsprobleme verantwortlich Deutsche Banker sind besser als ihr Ruf

Der Ruf deutscher Bankmanager hat in den vergangenen Jahren gelitten. Angesichts der massiven Ertragsprobleme – im letzten Jahr schrieben drei der vier privaten Großbanken rote Zahlen – halten ihnen Kritiker gerne die Erfolge der ausländischen Konkurrenz mit ihren Milliardengewinnen als leuchtendes Vorbild vor. Zu Unrecht, meint die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) mit Blick auf das Privatkundengeschäft (Retailbanking).
  • Christian Potthoff

FRANKFURT/M. Nicht etwa falsche Geschäftsmodelle, sondern strukturelle Unterschiede der Bankenmärkte erklärten „über 70 % des Ertragsrückstands“ der heimischen Institute, sagt BCG-Geschäftsführer Claus Michalk, verantwortlich für das Retailbanking. Für die Banken heißt das: Eine simple Ausrichtung an ausländischen „Vorbildern“ würde nicht viel bringen. „Ausländische Anbieter einfach zu kopieren ist kein zielführender Weg“, sagt Michalk.

Gleich drei Schlüsselfaktoren verhageln den deutschen Banken im Vergleich mit Spanien, Italien und Großbritannien die Bilanz: die sehr geringe Nettozinsspanne, die hohen Arbeitskosten und das Finanzvermögen der Haushalte, das deutlich niedriger liegt als etwa in England. Alle drei Punkte sind für die Branche von immenser Bedeutung. Die Zinsspanne ist der wichtigste Erfolgsmaßstab im klassischen Kredit- und Einlagengeschäft, das Finanzvermögen ist für die Provisionseinnahmen entscheidend, und die Personalkosten sind der größte Kostenblock der Institute.

Wären diese Nachteile beseitigt, wären die deutschen Geldhäuser nach Berechnungen von BCG mit einer Aufwandsquote von rund 60 % fast so effizient wie die besten Konkurrenten. Tatsächlich habe die Aufwandsquote im Privatkundengeschäft großer deutscher Banken und Sparkassen 2001 im Schnitt aber bei 94 % gelegen – das heißt, für jeden Euro Umsatz entstehen Kosten von 94 Cent. Europäische Spitzenbanken liegen bei einer Quote von etwas über 50 %.

Dass die Zinsspanne im Ausland um 15 % bis 50 % höher liegt als hier zu Lande, führt BCG auf den starken Wettbewerb vor allem im Einlagengeschäft zurück. Tatsächlich ist die deutsche Bankenvielfalt mit über 2 000 Banken, Sparkassen und Genossenschaften in Europa beispiellos. In eine ähnliche Kerbe schlagen auch die Wortführer der privaten Großbanken: Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller oder Rolf-E. Breuer, Chef des Bundesverbandes deutscher Banken, machen als Hauptschuldige der Ertragsschwäche die öffentlich-rechtlichen Sparkassen aus.

Bei den Personalkosten liegt Deutschland dagegen vorne. In Italien liegen die Arbeitskosten im Kreditgewerbe einschließlich der Sozialabgaben laut BCG gerade einmal bei 71 % des deutschen Niveaus, in Spanien sogar nur bei 54 %. Da die iberischen Großbanken BBVA und SCH in ihrem Heimatland außerdem noch einen hohen Marktanteil von rund 20 % haben – die Deutsche Bank kommt auf etwas über 5 % – scheint es wenig verwunderlich, dass sie gemeinsam mit den britischen Instituten europaweit zu den rentabelsten Retailbanken zählen.

Dass die heimischen Bankmanager darüber hinaus auch Fehler gemacht haben, bestreitet in Frankfurter Finanzkreisen niemand. So wurde der harte Sparkurs, den die Branche derzeit steuert, viel zu spät eingeschlagen. Dennoch könnte die Studie erklären, warum die deutschen Großbanken trotz ihres niedrigen Börsenwertes bisher nicht von internationalen Branchenriesen geschluckt worden sind: Schließlich müssten diese mit den gleichen Problemen wie die deutschen Banken fertig werden. Einige ausländische Bankenmanager, wie Citigroup-Europachef Win Bischoff, haben dies bei früheren Gelegenheiten auch schon eingeräumt: „Warum sollten wir in der Lage sein, die Rendite einer deutschen Bank auf das von uns angestrebte Niveau zu heben, wenn exzellente deutsche Manager dies nicht schaffen?"

Anders sieht das allerdings Reiner Hoock, Geschäftsführer von Booz Allen Hamilton. Er hält Übernahmen deutscher Banken durchaus für möglich. Der Zeitpunkt sei sogar günstig, weil sich die Rahmenbedingungen 2005 durch den Wegfall der staatlichen Garantien für Sparkassen, Gewährträgerhaftung und Anstaltslast, verbesserten.

Auch könnten heimische Banken durchaus vom Ausland lernen. „Die Citibank und ING-Tochter Diba zeigen, dass man erfolgreiche Strategien aus dem Ausland in Deutschland implantieren kann“, sagt Hoock. Die Diba ist seit dem Einstieg der niederländischen ING die wachstumsstärkste Privatkundenbank in Deutschland und schickt sich an, bei der Kundenzahl die Commerzbank zu überholen.

Ertragskrise

Diagnose: Die deutschen Banken erzielen im Privatkundengeschäft weit weniger Gewinn als ihre ausländischen Konkurrenten. Drei der vier großen Privatbanken schrieben 2002 sogar rote Zahlen.

Ursachen: Nach Ansicht von Boston Consulting leidet die Branche unter strukturellen Problemen. Dazu zählen die hohen Lohnkosten und der scharfe Wettbewerb. Andere Experten führen die Ertragskrise auch auf Fehler des Managements zurück. Die Banken hätten das Privatkundengeschäft zu lange zu Gunsten des Großkundengeschäfts vernachlässigt.

Therapie: Bisher setzten die Banken vor allem auf Kostensenkungen und Stellenabbau. Was fehlt, sind Strategien zur Steigerung der Einnahmen.

Quelle: Handelsblatt

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