Schuldenkrise
Die Wut der Mini-Banken

Kleine Finanzhäuser leiden unter neuen Regulierungsvorgaben stärker als große. Betroffene Banken beschweren sich, sie hätten ihre Angebote bereits einschränken müssen. Eine Spurensuche in der deutschen Provinz.
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FrankfurtStruvenhütten ist weit weg von Frankfurt. 427,33 Kilometer Luftlinie, um genau zu sein. Mit dem Zug dauert es etwa fünf Stunden in die Ebenen Schleswig-Holsteins, die letzten Meter mit dem Bus nicht mitgerechnet. In Struvenhütten gibt es keine riesigen Bankentürme und keine Probleme mit Kapitalerhöhungen; auch keine Protestler, auf deren Kapuzen-Pullis in bunten Lettern „Occupy Holstein“ steht. Stattdessen gibt es dort Kühe, sauber gefegte Gehwege – und Heinz-Egon Behn. Einen Mann mit Schnauzbart und gemusterter Krawatte. Mit seinem norddeutschen Dialekt klingt selbst das Wörtchen Krise, als sei es das Allerschönste.

Behn ist Chef der örtlichen Raiffeisenbank, der kleinsten, die es in Deutschland gibt. Zusammen mit Wolfgang Mohr ist er verantwortlich für sechs Mitarbeiter, die Putzfrau mitgezählt. Etwa 1000 Kunden hat die Bank, ihre Bilanzsumme beträgt 14 Millionen Euro. Die Zentrale ist gleichzeitig Filiale. Geldautomaten oder Kontoauszugsdrucker suchen die Kunden dagegen vergebens. In Struvenhütten scheint die Finanzwelt vor vielen Jahren stehengeblieben und deshalb noch in Ordnung zu sein. Doch der Schein trügt. Die Euro-Krise, die auch eine Krise der Finanzindustrie ist, ist längst im Land zwischen Nord- und Ostsee angelangt.

Die vielen Vorgaben der Regulierungsbehörden würden vor allem die kleinen Institute treffen, sagt Behn. Vorgaben, von Aufsehern ersonnen, um Krisen und Fehler in Zukunft zu vermeiden. Neue Anforderungen an das Eigenkapital der Kreditinstitute beispielsweise, Basel III genannt. Oder der Beipackzettel für Anlageprodukte; eingeführt, um die Kundschaft vor schlechten Beratern zu schützen. Er kostet Zeit – und vor allem Geld. Ob er tatsächlich hilft, ist dagegen umstritten.

Der Beipackzettel führe dazu, dass man als kleine Raiffeisenbank bestimmte Dinge wie das Aktiengeschäft nicht mehr anbiete, sagt Behn. Weil Aufwand und Risiko, bei Fehlern verklagt zu werden, einfach zu groß geworden seien. Beschweren will sich Behn darüber nicht. Dass die kleinen Geldhäuser für den Unsinn, den die großen Finanzkonzerne in den vergangenen Jahren verzapft haben, mitbüßen, das sagt er nicht. „Nur auf andere Institute zu zeigen, führt zu keiner Lösung.“

Kommentare zu " Schuldenkrise: Die Wut der Mini-Banken"

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  • Die Erfahrung lehrt aber das Sie leider falsch liegen. Das ist ja gerade das Problem das sich die Deutschen gefühlt 50x solange mit dem Kauf eines Wäschetrockners und 50x solange mit dem Kauf eines Autos beschäftigen wie mit ihrer Kapitallebensversicherung etc. - wobei dann die LehmansZertis für bis zu 90Jährige rauskamen. Aufgrund der Dimension des Problems müßte der Staat eher noch härter und wirkungsvoller weite Teile der Bevölkerung schützen - ja mag sein, wenn auch nur vor sich selbst.

  • Wen wundert es? Die kleinen Banken geben ja auch am wenigsten aus für ihre Lobbyarbeit.

    Stellen Sie sich doch nur einmal vor, die Kanzlerin wolle für jeden Bankvorstandsvorsitzenden die private Geburtstagsfeier ausrichten. Wo käme sie da hin, wenn sie große und kleine Banken gleich behandeln wolle?

    Da liegt der Fall „Wulff“; vollkommen anders. Der soll „Geld genommen haben“, während die Kanzlerin gegeben hat und niemand hat offenen Auges daran Anstoß genommen.
    Was haben wir überhaupt für eine „Führungselite“ die nur noch die „Kleinen zu fressen“ scheint!

    Da sollen Polizisten im Beisein von Staatsbeamten erschossen worden sein,

    da soll eine Partei verboten werden, die man mit Staatsgeld fördert,

    da sollen Politiker mit Beraterverträgen während und nach ihrer Dienstzeit „zu tiefer Dankbarkeit“ erzogen werden, deren Honorare in keinem Verhältnis zur erbrachten Leistung stehen,

    da sollen Abgeordnete sogar ihre Offenlegungspflicht und damit ihre Auskunftspflicht verweigern ohne dass der Staat seine Zahlungen einstellt.

    Wenn dies man alles unaufgeregt so betrachtet, dann ist der im Artikel angeprangerte „Raubzug“ nicht mehr als bedauerlich und lässt uns alle vor dem nächsten Cup fürchten. Ja, geht’s noch?

  • Ich finde es merkwürdig, daß ein Mensch tadellos in ein Autogeschäft gehen kann, um sich für 100 T€ ein Auto zu kaufen. Er muß kein Gesprächsprotokoll ausfüllen, seine Vermögensverhältnisse nicht offenlegen,seine Risiko-bereitschaft nicht einstufen lassen, der Autoverkäufer braucht keine Sachkundeprüfung und muß keinen Risiko-katalog vorlegen. Und der Kunde käme auch nicht auf die Idee, später bei einem Unfall oder steigenden Spritpreisen den Autoverkäufer zu verklagen, er habe ihn nicht auf das Risiko hingewiesen, mit dem Auto einen Unfall zu bauen oder höhere Nebenkosten tragen zu müssen. Das alles ist nämlich der Fall, wenn derselbe Mensch - sagen wir - 5 T€ oder noch weniger anlegen will. Da geht die Politik plötzlich von einem völlig schwachsinnigen Kleinkind aus. Und reguliert wie verrückt. Das wird für alle Beteiligten teuer!

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