Selbstmord im Londoner Finanzzentrum: Die City frisst ihre Kinder

Selbstmord im Londoner Finanzzentrum
Die City frisst ihre Kinder

Im Londoner Finanzzentrum gehts es nicht nur um das Fressen und gefressen werden bei Firmen, manchmal kommt es auch für Einzelpersonen auf das Überleben an. Der Fall des Selbstmords des Anwalts Matthew Courtney zeigt die erbarmungslose Härte des Geschäfts.

Sah Matthew Courtney keinen anderen Ausweg mehr? Vergangene Woche stürzte sich der junge Anwalt vom siebten Stockwerk des Londoner Museums Tate Modern in den Tod. Für die britischen Boulevardzeitungen war sofort klar: Courtney beging Selbstmord, weil er mit seinem Job nicht mehr zurechtkam. Der 27-jährige Anwalt wollte sterben, weil ihm seine Aufgaben bei der Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer zwangen, sieben Tage die Woche 16 Stunden lang zu arbeiten – nichts ungewöhnliches für aufstrebende Juristen oder Banker in London.

Freshfields zählt zum so genannten Magic Circle der mächtigsten Finanzkanzleien in der City. Wer hier seine Karriere startet, der hat den Aufstieg in die Elite bereits geschafft. Und wer durchhält und es bis zum Partner bringt, dem winken Gehälter von bis zu einer Million Pfund. Doch der Weg bis dahin ist lang und entbehrungsreich. Courtney schien alles für diesen Weg mitzubringen: Talent, Ehrgeiz, eine Ausbildung am Christ Church College von Oxford, so sah es zumindest bis zu jenem Abend in der Tate Gallery aus.

In diesen Tagen werden in London die Bonuszahlungen für 2006 verteilt. Neun Milliarden Pfund schütten die Unternehmen an ihre Angestellten aus – so viel wie nie zuvor. Und wie immer wird der „Letter Day“, so heißt der Bonustag im Bankerjargon, von Diskussionen über Moral und Unmoral des schnellen Reichtums begleitet. Peter Hain, Nordirland-Minister der Labour-Regierung fordert, dass zwei Drittel der Banker-Boni an die Armen dieser Welt gehen sollten. Natürlich holte sich Hain mit seinem populistischen Appell eine heftige Abfuhr in der City. So weit entspricht alles den lange eingeübten Ritualen. Doch in diesem Jahr ist etwas anders. Der Tod des jungen Anwalts ist zwar noch ungeklärt, aber er hat die Finanzszene nachdenklich gemacht. Auf den Bürofluren, in Internetforen und in den Medien diskutieren Anwälte und Banker, ob die City ihre Kinder frisst. Ob Boni und Karriere, tatsächlich den Preis wert sind, der dafür fällig wird?

„Jeder, der sich auf dieses Geschäft einlässt, kennt die Regeln. Wer den Druck nicht aushält, kann aussteigen“, schreibt ein Anwalt im Internetforum „Rollonfriday“. Doch bei weitem nicht alle sehen die Sache so simpel. Ein Kollege antwortet: „Wer kündigt, räumt ein, dass er versagt hat, das ist alles andere als leicht.“ Tatsächlich funktioniert die Geldbranche nach einfachen Gesetzen: up or out, heißt das wichtigste. Wer den nächsten Karriereschritt nicht schafft, muss gehen. Ganz an die Spitze schaffen es nur die wenigsten. Gerade am Anfang der Laufbahn wird von den Einsteigern voller Einsatz und ständige Erreichbarkeit auch am Wochenende verlangt. Ein Investmentbanker erinnert sich an seine Zeit als junger Analyst im Übernahmegeschäft: „Nächtelang wurden Präsentationen vorbereitet, für Deals die niemals zu Stande kamen.“ Einmal sei er um drei Uhr nachts unter seinem Schreibtisch eingeschlafen, um fünf Uhr morgens weckte ihn die Putzfrau, dann ging es kurz unter die Büro-Dusche, und der neue Arbeitstag begann.

„Die meisten machen sich ganz falsche Vorstellungen von unserer Branche“, klagt ein anderer Banker und macht eine simple Rechnung auf: „4 000 Spitzenkräfte bekommen in diesem Jahr einen Bonus von über einer Million Pfund. Das sind mindestens vier Milliarden. Für die restlichen 340 000 Angestellten in der City bleiben fünf Milliarden, das macht pro Kopf nicht einmal 15 000 Pfund. Davon lebt es sich nicht besonders glamourös.“

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