Skandal-Überweisung
Wie die KfW „Deutschlands dümmste Bank“ wurde

Es ist 8.37 Uhr am Morgen des 15. September, als sich das Schicksal der staatlichen Förderbank KfW wendet. Die Geschichte der verhängnisvollen wohl berühmtesten deutschen Überweisung beginnt, die Peer Steinbrück später als "unsäglicher Hammer" und "groteske Fehlhandlung" bezeichnen wird. Bis heute sind die Kosten nicht ganz klar.

FRANKFURT. Auf die elektronischen Systeme in der Zentrale der Bank im Frankfurter Westend ist Verlass. Wie im Juli eingegeben, überweisen die Computer pünktlich an diesem Montagmorgen knapp 320 Mio. Euro. Der Adressat: Die Investmentbank Lehman Brothers. Das Problem: Zu diesem Zeitpunkt steht die Pleite der US-Bank schon fest.

Deshalb kommt die vereinbarte Gegenüberweisung über 500 Mio. Dollar nie bei der KfW an. Sie gehört zu den vielen Forderungen, die Gläubiger ein Jahr später an das für Lehman zuständige Insolvenzgericht in New York stellen werden.

Wenige Minuten nach 8.37 Uhr bemerken die Verantwortlichen der KfW den Schaden. Doch da ist es bereits zu spät. Das Geld ist weg. Eine Welle der Entrüstung überrollt die KfW. In der Überschrift "Deutschlands dümmste Bank" auf der Titelseite der Bild-Zeitung findet sie ihren Höhepunkt. "Eine groteske Fehlhandlung", wettert Finanzminister Peer Steinbrück.

Die Bekanntheit der KfW schnellt von 38 auf 67 Prozent, wird KfW-Vorstandschef Ulrich Schröder ein Jahr später berichten. Und kann rückblickend schon fast humoristisch anfügen: Dafür seien eigentlich viele Werbekampagnen nötig. "Die Kunst besteht jetzt darin, den Bekanntheitsgrad zu halten, aber die Reputation nach oben zu verschieben."

Schröder selbst ist an jenem Septembertag gerade einmal zwei Wochen im Amt, als die Überweisung über den Atlantik geht. Die Milliardenverluste, die die KfW wegen der Rettung der Mittelstandsbank IKB verkraften muss, haben ihn gerade an die KfW-Spitze gespült. Einen "unentschuldbaren Vorgang" nennt Schröder den Patzer und schasst zwei Vorstände. Mit ihnen streitet die KfW vor Gericht noch heute über die Rechtmäßigkeit der Entlassung. Selbst die Staatsanwaltschaft ermittelte zwischenzeitlich gegen den gesamten KfW-Vorstand.

Die gut 4 200 Beschäftigten, die sich wegen der Wohnungs- und Mittelstandsförderung doch eigentlich als Gut-Banker verstehen, sind von der Schmach ihres Instituts bis ins Mark getroffen. Gerade das aber macht es Schröder leichter, die angestaubte Behörde zu modernisieren. Er verändert Geschäftsstrukturen und Vorstandszuständigkeiten.

Ein neuer Risikovorstand von der Commerzbank, ein neuer Bereichsleiter von der BayernLB und eine eigene Abteilung Risikomanagement für Banken sollen dafür sorgen, dass so etwas wie die Lehman-Überweisung nie wieder passieren kann. Insgesamt arbeiten mittlerweile mit über 160 Leuten mehr als 20 Menschen mehr im Risikomanagement und-controlling als zur Zeit der Überweisung. Die KfW berichtet nach interner und externer Fehleranalyse häufiger als zuvor über die Risikolage und verwendet mehr interne Ratings und Frühwarnindikatoren. Die Überwachung von Bankenrisiken findet auch am Wochenende statt, ein Krisenstab ist für den Notfall bestimmt. Denn damals, vor einem Jahr, vertagten sich die Verantwortlichen am Freitagabend einfach auf Montag, 9.30 Uhr.

Wie viel die Überweisungspanne die KfW letztlich gekostet hat, ist noch immer unklar, denn noch steht nicht fest, wie viel die Bank aus der Lehman-Insolvenzmasse wiederbekommt. Zusätzlich hatte die Förderbank am Tag der Pleite Lehman-Wertpapiere in Höhe von 186 Mio. Euro in den Büchern. Wieviel sie bereits abgeschrieben hat, darüber schweigt die KfW. Unklar ist bis heute auch, ob die KfW wirklich die einzige "dumme" Bank war, oder ob ähnliche Überweisungspatzer auch anderen Instituten passiert sind, die ihre Fehltritte im Chaos der Lehman-Pleite nur einfach besser vor der Öffentlichkeit verbergen konnten.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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