Skandal um Ergo
Sex-Spur führt zu AWD-Gründer

Himmelbetten und Huren: Der Skandal um die Sexparty beim Versicherungskonzern Ergo könnte strafrechtliche Folgen haben. Im besonderen Fokus steht der Gründer des Finanzdienstleisters AWD.
  • 17

Düsseldorf.Der Mann, der 2007 die hundert besten Vertreter der Hamburg-Mannheimer Versicherung zu einer Sex-Orgie nach Budapest einlud, ist derselbe Mann, der jahrelang der umstrittenen Finanzdienstleister AWD führte: Max K. (Name geändert). Dem Handelsblatt sagte K., er sei sich keiner Schuld bewusst und habe von den zahlreichen Prostituierten an dem Abend erst aus der Zeitung erfahren.

Max K. gründete 1988 den AWD und leitete ihn mit Carsten Maschmeyer. 1999 ging K. zur Hamburg-Mannheimer, die heute zur Ergo-Versicherungsgruppe gehört. Er bestätigte gegenüber dem Handelsblatt, dass er als Vertriebsdirektor zu der Reise nach Budapest einlud und auch selbst teilnahm. Höhepunkt der dreitägigen Tour im Juni 2007 war die Veranstaltung in der historischen Gellert-Therme - ein Fest für alle Sinne. Es gab Livemusik, ein Sternekoch tischte auf, Feuerspucker, Schwertschlucker und Akrobaten zeigten ihr Können. Als Krönung warteten mehrere Dutzend Prostituierte auf die Versicherungsvertreter. Außerdem hatte jemand große Himmelbetten in der Therme aufgestellt.

„Jeder konnte mit einer der Damen auf eines der Betten gehen und tun, was er wollte“, erinnert sich ein Teilnehmer. „Die Damen wurden nach jedem solcher Treffen mit einem Stempel auf ihrem Unterarm abgestempelt. So wurde festgehalten, welche Dame wie oft frequentiert wurde.“

Die Veranstaltung ist mittlerweile Gegenstand einer intensiven Untersuchung. Die Versicherung will den Fall komplett aufklären und schließt auch Strafanzeigen nicht aus. „Wir prüfen derzeit, welche Möglichkeiten bestehen, gegen die damals Verantwortlichen vorzugehen“, sagte eine Ergo-Sprecherin. „Dazu gehört auch die Prüfung der strafrechtlichen Seite.“

K. sieht diese Prüfung gelassen. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagte er dem Handelsblatt. Er selbst habe sich den ganzen Abend im Bereich der Discothek aufgehalten. Er wisse daher nicht, was seine Vertreter auf dem Gelände der Therme gemacht hätten. Die Frage, wer, wenn nicht er, die Anweisung gab, Prostituierte einzuladen und Himmelbetten aufzustellen, beantwortete K. nicht. Er sagte, er habe die Hamburg-Mannheimer 2008 aus freien Stücken verlassen. Seitdem arbeitet K. für den AWD-Konkurrenten Formaxx. Derzeit leitet er dort den Berliner Vertrieb.

Nach Angaben des Formaxx-Vorstand Eugen Bucher gibt es in seinem Unternehmen keine Sexreisen für Mitarbeiter. Auch ein AWD-Sprecher schloss solche Belohnungsausflüge beim Finanzdienstleister kategorisch aus.

Sowohl der AWD als auch die Hamburg-Mannheimer zeichnen sich durch ihren Strukturvertrieb aus. Dabei werden die Produkte, ob nun Versicherungen oder andere Geldanlagen, über ein großes Netz von selbstständigen Vertretern verkauft. Der Vertrieb ist dabei stark hierarchisch organisiert. Bei der Hamburg-Mannheimer erfand K. den Top-Five-Club für die besten Vertreter. Er ist für regelmäßige, bombastische Bonusreisen bekannt. Der Sex-Ausflug nach Budapest war ebenfalls eine Top-Five-Veranstaltung.

Dabei trugen die Prostituierten nach Angaben von Beteiligten farbige Bänder an den Handgelenken, um zu kennzeichnen, für welche Zwecke und für welche Vertreter sie vorgesehen waren. Die Organisatoren hatten das Gelände in eine Art Freiluftbordell verwandelt. Frauen mit weißen Bändchen waren den allerbesten Vertretern und den Führungskräften vorbehalten.

Die Ergo-Gruppe prüft nun, ob es weitere Vorfälle dieser Art gab. Beim Handelsblatt meldeten sich mehrere ehemalige Vertreter, die von ähnlichen Eskapaden bei der Hamburg-Mannheimer berichteten. Prostituierte, insbesondere aus Hamburg, seien auch bei Führungskräftetagungen Stammgäste gewesen. Nach den Beschreibungen hat diese Praxis bei der Hamburg-Mannheimer eine jahrzehntelange Tradition.

Ergo-Chef Torsten Oletzky sagte in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, die Sexparty in Budapest habe 83.000 Euro gekostet. Das Unternehmen spreche derzeit mit vielen Reiseteilnehmern, um die Einzelheiten zu rekonstruieren. Unabhängig von den Details sei die Veranstaltung jedoch „ein grober Fehler“ und schon damals „ein krasser Verstoß“ gegen die Unternehmensregeln gewesen. Der ganzen Firma sei die Reise heute „unglaublich peinlich“.

Der Autor, der in der Vertriebszeitung der Hamburg-Mannheimer die Budapest-Orgie als „Mordsspaß“ bezeichnete, gibt an, er habe den Artikel auf Geheiß aus der Zentrale verfasst. Auch der schlüpfrige Tonfall sei vorgegeben gewesen. So hieß es in der Juli-Ausgabe 2007:

„Nass sollte es werden. In allen erdenklichen Lebens- und Lachlagen! Ob im Pool, im Bad, innerlich mit jeder Menge Drinks oder nur in den schönsten Träumen – wer diesmal seine Badehose vergessen hatte, der hatte selbst Schuld... Aufnahmegeräte aller Art mussten diesmal zu Hause bleiben. Warum? Weil der Spaß auch nicht mal ganz so breitgetreten werden muss. Ein Schelm, wer Freches dabei denkt!“

Nach Angaben des Autors ist die Führungskraft, die diesen Artikel genehmigte, auch heute noch bei der Hamburg-Mannheimer beschäftigt. Eine Ergo-Sprecherin sagte, die Personalie werde geprüft.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

Kommentare zu " Skandal um Ergo: Sex-Spur führt zu AWD-Gründer"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das ist absolut widerlich. Und da nennt ein Westerwelle das Leben Erwerbsloser spaetroemisch dekadent. Und wieder einmal muessen die Frauen herhalten fuer das feiste, verkommene Leben dieser Herrschaften. Nicht zu vergessen, wir Kunden. Ein Grund fuer mich zu kuendigen.

  • Neue Details zur Sex-Affaire der HMI:

    Zitat:
    Verschiedenen Medien zufolge war die Fahrt nach Budapest, bei der die inzwischen zum Ergo-Konzern gehörende Versicherung 2007 ihre besten 100 Vertreter mit einer Sexparty in der historischen Gellert-Therme belohnt hatte, keine Ausnahme.
    Zitat Ende:
    Man muß seinen "Vertretern" schon etwas bieten!
    Sex and drugs ziehen immer.

    Zitat:
    Laut Aussagen ehemaliger Vertreter im "Handelsblatt" sollen Feiern dieser Art eine "jahrzehntelange Tradition" haben. Der "Bild"-Zeitung liegen nach eigenen Angaben Fotos und Videos von mindestens zwei weiteren Reisen vor, bei dem unter anderem Kokain konsumiert wurde. "Mindestens drei Mal im Jahr verreiste der sogenannte 'Top-5'-Club der besten Vertreter, ließ es krachen. 'Der Club, in dem Außergewöhnliches normal ist', lautete das Motto", schreibt das Blatt.
    Zitat Ende:
    Sodom and Gomorrah

    Zitat:
    Eine für das kommende Wochenende geplante Belohnungsreise für Top-Verkäufer nach Monaco wurde unterdessen von Ergo abgesagt. "Eine solche Reise passt aktuell nicht ins Umfeld", sagte ein Unternehmenssprecher der Nachrichtenagentur dpa.
    Zitat Ende:
    Die HMI hat doch nur gezeigt, wie sie mit den Kundengeldern "wirtschaftet".
    Die überteuerten Prämien werden mit einem "aufwändigen Vertrieb" gerechtfertigt; dazu gehören auch "Lustreisen".

  • Der Gründer des Finanzdienstleisters AWD steht also im Fokus? Aha, der Maschmeyer also - wieder! Nicht ganz! Es handelt sich um einen gewissen Kai Lange, der wohl auch mal bei AWD war, in den frühen Neunzigern. Whow, das ist journalistische Kompetenz auf dem Niveau der Bildzeitung. Recherchieren Sie doch mal, wo Herr Lange zur Schule gegangen ist. Vielleicht auf eine Geschwister-Scholl-Schule. Dann können Sie eine Nachfolgeschlagzeile bringen: Spur im Sex-Skandaal führt zu den Geschwistern Scholl... Echt übel...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%