Skandal-Versicherung
Ergo trickste bei Betriebsrenten

Erneut kommen unlautere Praktiken der Versicherung ans Licht: Die Vertreter haben Mitarbeitern von Unternehmen günstige Sondertarife vorenthalten, um saftige Provisionen zu kassieren.
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DüsseldorfVertreter der Ergo-Versicherung haben offenbar betriebliche Rentenversicherungen zu Ungunsten der Kunden abgeschlossen.  Ergo bot zunächst  - wie allgemein üblich - deutschen Unternehmen  Rahmenverträge mit günstigen Konditionen für die Mitarbeiter einer Firma an. Die Unternehmen informierten daraufhin ihre Mitarbeiter über das vermeintliche Sonderangebot. Doch in den Einzelgesprächen mit den Beschäftigten der Firmen boten die Ergo-Vertreter in zahlreichen Fällen keineswegs die attraktiven Sondertarife an, sondern die üblichen Versicherungspolicen mit den deutlich ungünstigeren Konditionen.

„Der Rahmenvertrag war wie ein trojanisches Pferd", sagt ein langjähriger Generalvertreter der Ergo dem Handelsblatt. „Wenn der Vertreter erstmal durch die Tür war, hat er die ausgehandelten Konditionen einfach ignoriert.“ Die Gründe für dieses Verhalten liegen im Provisionssystem von Ergo: „Weil ein Vertreter für einen Vertrag im Großunternehmen vielleicht 150 Euro Provision bekam. Und für einen Einzelvertrag kassierte er bis zu 1000 Euro.“

„Unsere Task-Force hat dieses Problem vor einigen Wochen identifiziert“, bestätigte Ergo-Sprecher Alexander Becker dem Handelsblatt: Ergo habe mehr als 20.000 solcher Kollektivverträge mit Unternehmen. Die bisherigen Untersuchungen hätten ergeben, dass es bei 160 Unternehmen Auffälligkeiten gegeben habe.

Die Zahl der betroffenen Versicherungsnehmer ist unbekannt. Da aber Ergo auch Unternehmen mit 50.000 Mitarbeitern und mehr mit solchen Kollektivverträgen versichert hat, sind womöglich Hunderttausende von Betriebsrenten betroffen. Insgesamt nahm Ergo allein 2010 auf diesem Geschäftsfeld 1,1 Milliarden Euro ein.

Der Versicherung muss das Fehlverhalten ihrer Vertreter seit Jahren bekannt sein. So meldete sich eine Geschäftsstelle in Bremen schon 2007 bei der Zentrale, um auf zu Ungunsten der Kunden ausgestellte Policen hinzuweisen. Beim Bremer Gebäudetechnik-Anbieter Cordes & Graefe, einem Unternehmen mit 14.000 Mitarbeitern, schrieben Ergo-Vertreter Verträge, als gäbe es gar keinen Rahmenvertrag, sondern als hätten sie den Mitarbeitern Einzelverträge verkauft.

Einzelne Vertreter rechtfertigten ihr Tun gegenüber dem Handelsblatt mit den zu niedrig angesetzten Provisionen bei Großunternehmen. Um die Aufträge abzuarbeiten wurden Vertreter teils aus weiter Entfernung geholt – sie mussten ihre Kosten selbst zahlen. „Mit 150 Euro pro Vertrag kommt man da nicht hin“, sagte ein Vertreter. „Also hat man sich geholfen. Und weil die Zentrale jeden Vertrag gesehen hat, war doch klar: So lange es der Kunde nicht merkt, ist alles okay.“

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

Kommentare zu " Skandal-Versicherung: Ergo trickste bei Betriebsrenten"

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  • wer weis, wie viele Kunden beim Bund der Steuerzahler, die ja eng mit der HM verbandelt sind, und so als Türöffner dienten, über den Tisch gezogen wurden.

  • Die Praxis ist seit Jahren bekannt und wird von den Versicherern selbst (intern)gedeckt. Die Versicherer haben bei Kapitalversicherungen alle ein Rentenwahlrecht. Das bedeuted, dass der Kunde zum Vertragsende OHNE erneute Abschlusskosten die Rente wählen darf. Die Vertreter müssen zu den Kunden gehen und sollen sie beraten, damit das Geld "im Haus" bleibt. Alle Menschen proklamieren für sich Gerechtigkeit - nur wenn sie Vertreter oder deren Chefs (Vertriebsorga) sind, werden sie zu Betrügern. Mit genau den beiden Hauptargumenten: 1. Der Kunde merkt es nicht 2. "Ich" (Vertreter) habe ja Kosten. Wenn der Kunde sonst für 250.000 € eine Monatsrente von 1.000 € nach dem "U"-Tarif bekommt, so bekommt der für das gleiche Geld nach dem Tarif mit Provisionskalkulation, meist "E" oder "K" genannt, nur 960€ monatlich und der Vertreter bis zu 10.000 € !!! Die Kunden sollen auf die Tarifbezeichnung achten (unbedingt eintragen lassen). Er soll sich sozusagen kein "X" für ein "U" vormachen lassen. "K" oder "E" schreibt der Betrüger, "U" der faire Vertreter. Und wehe, Sie sind der im Unternehmen der das anprangert. Von da an dürfen Sie sich - als Führungskraft allemal - einen neuen Job suchen. Im Ernstfall hat der Vorstand natürlich von nichts gewußt und gibt sich empört...
    Buzemann

  • ...nicht alle Vertreter kann man über einen Kamm scheeren. Auch ist das nicht nur bei der Ergo so. Die allermeisten Vertreter machen ein sauberes Geschäft, da sie ja ihre Kunden über viele Jahre betreuen wollen.
    Auch die Ergo hat ihren Reibach gemacht, da auch sie die höheren Prämien kassiert hat. Für diese ist es ein leichtes , wenn eine Betriebsrente abgeschlossen ist, zu überprüfen, ob schon ein Rahmenvertrag mit dem Unternehmen besteht, oder nicht.

    Dem Vertrete ist ein "kleiner" Abschluss lieber, als KEINER.

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