Skandal-Versicherung
Verbraucherschützer kritisieren Ergo

Ergo-Vertreter haben betriebliche Altersvorsorgeverträge zum Nachteil der Kunden abgeschlossen. Der Bund der Versicherten reagiert empört. Es ist nicht das erste Mal, dass unlautere Praktiken ans Licht kommen.
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DüsseldorfDer Bund der Versicherten und der Bundesverband der Verbraucherzentralen haben schockiert auf die neuen Enthüllungen bei der Ergo Versicherung reagiert. „Es ist unbegreiflich für mich, dass der Konzern offensichtlich glaubte, diese Dinge für immer unter der Decke halten zu können“, sagte Thorsten Rudnik, Vorstandsmitglied beim Bund der Versicherten dem Handelsblatt (Donnerstagausgabe). „Es wird nicht lange dauern, bis man wieder sagt: Die Dinge waren uns bekannt. Und es ist schlimm, dass man jahrelang nichts dagegen getan hat.“

Nach Informationen des Handelsblatts haben Ergo-Vertreter betriebliche Altersvorsorgeverträge zum Nachteil der Kunden abgeschlossen. Obwohl Ergo mit Unternehmen Rahmenverträge mit Sonderkonditionen für die Versicherten vereinbart hatte, verkauften ihre Vertreter Einzelpolicen. Dafür konnten sie höhere Provisionen einstreichen. Welche Summe sich die Vertreter auf diese Weise verschafften, ist unklar. Ergo teilte mit, eine eingerichtete Task-Force prüfe die Fälle.

Verbraucherschützer sehen in dem aktuellen Vorfall ein Versagen der internen und externen Aufsicht. „Das muss doch jemandem bei Ergo aufgefallen sein, dass massenhaft Verträge mit falschen Konditionen geschlossen wurden“, sagte Versicherungsexperte Lars Gatschke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Der Verbraucherschützer fordert eine Abschaffung des geltenden Provisionssystem: „Es muss eine Deckelung der Provisionen geben. Mit der gängigen Praxis werden doch die Anreize völlig falsch gesetzt.“

Marktführer Allianz teilte mit, bei ihm gelte dieses Prinzip bereits. „Die Provision für den Vermittler im Altersvorsorge-Geschäft ist immer fix“, sagte Unternehmenssprecher Udo Rössler. Die Allianz könne deshalb ähnliche Vorkommnisse wie bei Ergo für sich ausschließen.

Ergo hatte am Mittwoch bestätigt, dass es nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen 160 Unternehmen gibt, bei deren Mitarbeitern Verträge geschlossen wurden, die nicht der Größe des Unternehmens entsprachen. Hierfür könne es jedoch gute Gründe geben. Die Prüfung dauere an

Unklar ist, wie viele Versicherte geschädigt sind. Ein Unternehmenssprecher sagte, man prüfe, ob die Beratung zum Nachteil des Kunden gewesen sei. Da Ergo auch Unternehmen mit mehreren zehntausend Mitarbeitern unter Vertrag hat, sind potenziell Hunderttausende von Versicherten betroffen.

 

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

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  • Mitschuld tragen auch die Personalabteilungen der Firmen, die solche schwachen Lebensversicherer überhaupt ins Unternehmen lassen. Wer sich auskennt weiß, dass die beiden Lebensversicherer des Ergo-Konzerns insbesondere die Victoria-Lebensversicherer zu den schwächsten Gesellschaften bezüglich Überschussbeteiligungen, stille Reserven, Kosten usw. gehören und schon seit Jahren in der Nähe der "Roten Laterne" rangieren.
    Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Versicherer manchmal das Drohpotential über die Sparte Geschäftsversicherungen nutzen und dass wohl auch illegale Zahlungen an die Entscheider geflossen sein sollen. Ein Personalchef sollte zur Verantwortung gezogen werden, wenn er den Mitarbeitern keinen Zugang zu den Topanbietern gewährt.

  • Der nächste Ergo-Skandal und wieder ist nicht klar, wie viele Kunden es betrifft und wieder wusste keiner der Verantwortlichen davon. Das Problem hinter diesem Skandal: Das ganze staatlich gedeckte Provisionssystem ist mehr als überholungsbedürftig. Die Beratungen erfolgen meist provisions- und nicht verbraucherorientiert. So wird klassisch am Kunden vorbei beraten und letztendlich entscheidet die hinter dem Produkt stehende Provision über die jeweiligen Empfehlungen an den Kunden. Abhilfe würde hier die Honorarberatung schaffen: dabei wird die Beratung an sich, nicht aber der Abschluss vergütet. Zwar meinen Experten, dass dabei die Beratungen künstlich in die Länge gezogen werden könnten, doch das haben die Verbraucher ja in der Hand. Außerdem sollten sich alle, die den Abschluss einer langlaufenden Versicherung o.ä. vorhaben, sich selbst mit der Materie auseinandersetzen. Denn nur bei Unwissenheit im Finanzsektor ist es auch möglich, den Kunden Verträge unterzujubeln, die sie nicht verstehen geschweige denn brauchen.

  • Du hast die private Krankenversicherung vergessen. Und eine seriöse Lebensversicherung braucht man auch.

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