Sparer-Aufruhr in Afghanistan: „Bald kommen sie mit Kalaschnikows“

Sparer-Aufruhr in Afghanistan
„Bald kommen sie mit Kalaschnikows“

Aufgebrachte Sparer stürmen Afghanistans größte Privatbank. Nach Fehlspekulationen mit Immobilien in Dubai wächst die Angst vor einer Schieflage.
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BERLIN. Drogen, ausländische Soldaten und täglich ein Anschlag. Da mutet der Menschenauflauf vor der Kabul Bank bizarr an. "Nur 1 000 Dollar! Sie geben mir nicht mehr. Aber ich will mein ganzes Geld. Ich habe kein Vertrauen mehr", schreit Mahmud Wahidullah in die Kameras. Seit 8.30 Uhr hatte der 27 Jahre alte Chef einer Baufirma vor der Filiale der Kabul Bank im Herzen der afghanischen Hauptstadt angestanden. "Wir haben kein Geld. Komm morgen wieder", hätten die Schaltermitarbeiter ihm gesagt, als er das Firmenvermögen von seinem Konto abheben wollte - 50 000 Dollar.

Andere Kunden gehen ganz leer aus. Die Schlangen vor der Kabul Bank, dem größten Geldhaus des vom Krieg gegen die Taliban zerrissenen Afghanistan, werden täglich länger. "Noch kommen die Lehrer, die Gehaltskonten hier haben, mit Büchern im Arm und stellen sich friedlich an. Aber wenn die Soldaten kommen und ihr Geld wollen, kommen sie mit Kalaschnikows in den Händen", warnt ein Wartender.

Die Panik, das Ersparte zu verlieren, treibt viele Afghanen an die Schalter, seit bekannt wurde, dass die Kabul Bank 160 Mio. Dollar durch Immobilienspekulationen in Dubai verloren haben soll.

Deshalb wurden jetzt die beiden größten Aktionäre der Kabul Bank, Sherkan Farnud als Chairman und Chalilullah Ferozi als CEO, abgelöst. Und der Chef der afghanischen Zentralbank, Abdul Wadir Fitrat, ruft auf einer Pressekonferenz verzweifelt: "Die Bank ist solvent, sie ist solvent." Die Notenbank werde alles tun, um das mit 1,3 Mrd. Dollar Spareinlagen und 700 Mio. Dollar vergebenen Krediten größte Institut am Leben zu halten.

"Die Kabul Bank hat kein Problem mit Bargeld", ruft Fitrat in die Kameras. Und schiebt nach: "So Allah will." Vor allem Mahmud Karzai, Bruder von Staatspräsident Hamid Karzai und drittgrößter Aktionär der Privatbank, will die Probleme schnell in den Griff bekommen. Fällt die Kabul Bank, entlädt sich der Protest gegen den vom Westen gestützten Staatschef.

Bisher haben erst fünf Prozent der Afghanen ein Konto. Hit der 17 privaten Banken, die nach dem Sieg der Sowjets 1979 existieren, sind Qismat-Konten: Dort gibt es, ganz islamisch, keine Zinsen, aber dafür Verlosungen von Autos, Häusern und Bargeld. Die westlichen Staaten und Hilfsorganisationen lassen ihre Gelder übrigens über die Standard Chartered Bank in Kabul laufen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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