Tom Keatinge über Terror-Finanzierung
Grenzenloser Schrecken für 25.000 Euro

Die G20-Staaten wollen die Geldquellen von Terroristen versiegen lassen. Doch für die Angriffe des IS sind nicht viele Mittel nötig. Im Interview spricht ein Finanzierungsexperte auch über die Verantwortung von Banken.

Zwei Jahrzehnte hat Tom Keatinge bei JP Morgan gearbeitet. Vor knapp zwei Jahren wechselte er zu der führenden sicherheitspolitischen Denkfabrik Royal United Services Institute (RUSI) in London. Er ist dort Experte für Terror-Finanzierung und Direktor des Centre for Financial Crime and Security Studies.
Die Terrorangriffe in Paris wirken nicht nur gut organisiert, sondern auch gut finanziert – woher kam Ihrer Ansicht nach das Geld dafür?
Das ist unklar. Wir kennen die genauen Quellen nicht. Wir gehen aber davon aus, dass es eine Kombination aus Finanzierungsquellen war – dass einerseits einige, die daran beteiligt waren und der Organisation IS nahestehen, ihre eigenen Finanzmittel nutzten. Andererseits gab es wohl andere, die beteiligt waren, und Geld von der IS oder IS-Sympathisanten bekamen. Wir reden aber nicht über riesige Summen.

Was würden Sie schätzen, haben die Angriffe gekostet?
Auf Basis dessen, was solche Angriffe in der Vergangenheit kosteten, würde ich von etwa 25.000 Euro ausgehen, die nötig waren für die die Mietautos, um zwischendurch Wohnungen anzumieten etc. Zum Vergleich: Die Terrorangriffe in London am 7. Juli 2005 haben schätzungsweise 10.000 Pfund (derzeit etwa 14.000 Euro) gekostet und die Anschläge in New York im September 2001 etwa 500.000 Dollar (derzeit etwa 470.000 Euro).

Die IS-Dschihadisten in Syrien und dem Irak nehmen nach Schätzungen der US-Regierung alleine durch den Schmuggel von Erdöl fast zwei Millionen Dollar pro Tag ein. Dazu kommen Steuereinnahmen, Lösegelder, Spenden und anderes mehr. Wie bringt die IS das Geld dahin, wo es gebraucht wird?
Die Organisation agiert in einem sehr engen System – abseits der etablierten Banken. Es ist auch davon auszugehen, dass die nationalen Banken sich der Risiken bewusst sind, wenn sie der Organisation IS in Geldangelegenheiten helfen würden. Keine Bank will mit Terrorgruppen zusammenarbeiten. Es sind eher die Geldüberweisungsdienstleister wie Western Union, die Gefahr laufen, dass sie dabei möglicherweise eine deutlich größere Rolle spielen und auch das Hawala-System, also der Geldtransfer über Vertrauensleute ohne die Nutzung von Banken. Freunde, Familie oder Sympathisanten nutzen diese Möglichkeiten im großen Stil, um Geld an IS-Kämpfer zu schicken. Dafür spricht einiges.

Die großen internationalen Banken spielen eine kleinere Rolle?
Sie spielen insoweit eine Rolle, als dass etliche der IS-Kämpfer aus westlichen Staaten ihre Girokonten bei diesen Banken haben. Man könnte daher grundsätzlich die Informationen, die diese Banken über die Kontoinhaber haben, im stärkeren Maße nutzen, um verdächtige Personen und fragwürdige Geldbewegungen aufzuspüren. Das setzt allerdings voraus, dass man den Banken mehr Informationen an die Hand gibt.

Was haben sie da konkret im Sinn?
Bisher ist es so, dass die nationalen Sicherheitsorganisationen die Banken in der Regel erst dann kontaktieren, wenn sie eine verdächtige Person konkret mit Namen kennen. Die Behörden müssten aber eher den Kontakt suchen und die Banken gezielt mit Informationen unterstützen, ihnen sagen, was Ermittlungen ergeben haben, um dann gezielt nach verdächtigen Mustern oder Auffälligkeiten in den Bankdaten zu suchen.

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„Banken könnten mehr aus ihren Daten rausholen“

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