Über 100 Millionen Euro
Sparkassen wollen Paydirekt anschieben

Der Online-Bezahldienst der deutschen Banken, Paydirekt, ist kein Erfolg. Die Sparkassen dringen jetzt auf einen Umbau des Geschäftsmodells. Die Geburtsfehler des Dienstes können jedoch nur langsam behoben werden.
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Berlin/FrankfurtDie Sparkassen wollen Paydirekt anschieben. Wie das Handelsblatt erfuhr, beschlossen die obersten Vertreter der Finanzgruppe, insgesamt 107 Millionen Euro in den Online-Bezahldienst zu investieren. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte berichtet, dass dafür Voraussetzung sei, dass auch die privaten Banken und Genossenschaftsbanken sich mit ähnlichen Summen engagierten. Außerdem fordern die öffentlich-rechtlichen Institute einen Umbau der Paydirekt-Geschäftsführung.

Erst zu Beginn der Woche hatte der amtierende Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), Georg Fahrenschon, mit Blick auf das gemeinsame Online-Bezahlverfahren eingeräumt: „Paydirekt ist bisher kein Erfolg, wir müssen bitteres Lehrgeld zahlen.“ Er ergänzte: „Das betrifft die ganze deutsche Kreditwirtschaft – und das tut besonders weh.“ Fahrenschon steht aktuell selbst im Kreuzfeuer aufgrund verspätet abgegebener Steuererklärungen; ihm droht eine Strafe oder eine Bußgeldzahlung.

Vor Bekanntwerden der Vorwürfe hatte Fahrenschon zum Thema Paydirekt gesagt, man sei davon ausgegangen, den Zahlungsverkehr traditionell zu beherrschen. „Jetzt haben wir gelernt: Dieses Geschäftsmodell funktioniert anders, als wir bisher vermutet haben“, räumte der Sparkassen-Präsident ein.

Mit Paydirekt wollte die deutsche Kreditwirtschaft dem US-Online-Zahlungsanbieter Paypal Paroli bieten. Doch zwei Jahre nach Gründung fällt das Fazit bitter aus. Rund 1500 Händler haben das Verfahren eingebunden, dazu zählt auch Rakuten, der wiederum 7000 kleinere Webshops umfasst. Doch in der gesamten Liste der Paydirekt-Partner sind mit dem Onlineversand Otto, der am heutigen Freitag live geschaltet wurde, und dem Computerhändler Alternate erst zwei richtig große Spieler. Knapp 1,5 Millionen Nutzer haben sich bisher für Paydirekt registriert. Zum Vergleich: Der Platzhirsch Paypal hat rund 50.000 Internetshops eingebunden und knapp 19 Millionen Nutzer in Deutschland.

Ein Ausstieg aus dem strategisch wichtigen Zahlungsverkehr ist trotz Fahrenschons Kritik nicht geplant. Der Verzicht sei keine Alternative, „wenn man künftig die Girokontoverbindung und die damit verbundenen Verträge halten will“, meinte der oberste Sparkassen-Chef. Er plädiert für einen Umbau des Geschäftsmodells – ohne jedoch ins Detail zu gehen.

Dass Paydirekt so schwer am Markt Fuß fasst, überrascht Zahlungsexperten nicht. So gingen die Macher durch einen mühsamen Lernprozess und sind gerade erst dabei, einige Geburtsfehler der App zu beheben. Ungünstig ist etwa, dass die teilnehmenden Banken ihre Kontakte zu den Unternehmen partout nicht aus der Hand geben wollen.

So sollen die Firmenkundenbetreuer Paydirekt mitverkaufen, sind jedoch technisch gar nicht umfassend informiert. Inzwischen schickt Paydirekt eigene Vertriebsleute zu den großen Kunden: Prompt konnten die Abschlüsse gesteigert werden.

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Kundenregistrierung bleibt eine Herausforderung

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  • @Herr Leo Löwenstein10.11.2017, 13:32 Uhr

    Auf den ersten Blick haben sie natürlich grundsätzlich recht. Da ist aber auch der Knackpunkt. Ja, und eben, BEI GLEICHER LEISTUNG. Diese ist aber von vorne bin hinten bei dem vaterländischen Produkt eben nicht gegeben. Und wird auch nie gegeben sein. Hierzu folgende Gründe und zugleich Gesetze der Moderne. Wir haben kein Anbietermarkt mehr sonder ein Käufermarkt. Sie können also nicht mehr einfach so etwas klonen (und das auch nocht total mies wie eben Paydirekt) und hoffen dass es dann automatisch angenommen wird. Der Kunde braucht das Zeug schlicht und einfach nicht. Oder kennen sie ein zweites Google, Amazon oder eBay, oder eben PayPal? Alternativen haben sie nur in einem Fall wenn sie zur gleichen Zeit gestartet waren und kulturell und räumlich von dem US Anbieter abgetrennt waren. Sonst passiert am Ende in einem "Markt-Raum" nach ein paar Jahren eine Bereinigung. Die letzte große war zb Yahoo welches eben gegenüber Google sich nicht behaupten konnte.

    Ein positives Beispiel aus Deutschland wie es eben geht aber eben nur so funktioniert ist MyTaxi.

    Und mal ein Satz zur Wertschöpfung. PayPal hat über die letzten Jahre, mittlerweile mehr als 10 wenn ich mich nicht irre, hier in Deutschland für ein unglaublich starkes exponenzielles Mehrwertwachstum gesorgt. Da sind die Transaktionsgebühren die dann ja zwar Teil der Wertschöpfungskette sind aber eben nach Irland gehen ein kleiner Tropen auf einem sehr heissen Stein.

    Und zum Datenschutz. Was nützt mir unser Datenschutz wenn unsere Unternehmen lahme Enten in dem Verwerten eben dieser Daten sind? Die Datenanalyse und die kreative (bitte unterstreichen) Wertschöpfung aus diesen sind der Entscheidende Wettbewerbsvorteil heute. Der notorische und dauerhafte Verweis auf den deutschen Datenschutz ist nur eine Sebsttäuschung, eine schöne Ausrede, und meistens ohne Belang weil eben das echte Problem nicht im Datenschutz liegt sondern in den Tag für Tag vergebenen Chancen

  • Neben dem Generieren von Einnahmequellen bietet PayDirekt für die Sparkassen noch den charmanten Vorteil, sich im Zweifelsfall darauf berufen zu können, dass laut AGB keinem Dritten Kontozugang zu ermöglichen ist, was aber durch Drittanbieter, die bislang Sofortzahlung verlangen, zum Kundennachteil im Schadenfall sein dürfte.

    Als Kunde muss man sich darauf einstellen, von seiner Sparkasse auf diese Bestimmung verwiesen zu werden.

  • „Ungünstig ist etwa, dass die teilnehmenden Banken ihre Kontakte zu den Unternehmen partout nicht aus der Hand geben wollen. (…) Um Paydirekt einzubinden, muss ein Online-Shop sich mit sieben sogenannten Banken-Konzentratoren einigen und die Konditionen aushandeln. Das nimmt Monate in Anspruch, manchmal sogar Jahre. Die Shops können sich zwar auch an …“

    Die Shops müssen gar nichts. Und dass der Preis für etwas umso höher steigt, je mehr daran mitverdienen wollen, ist doch eigentlich 'ne Binse, oder?

    Und wenn zu den immer noch wenigen Shops auch noch komplizierte Registrierungsprozesse und sonstige „Hürden“ kommen, das alles in Kombination mit einem anfänglichen „Minimalangebot“, wird Paydirekt für den Kunden – um den geht es ja schließlich – auch nicht gerade attraktiver.

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