Umschuldung: Deutsche Banken fürchten den „Hair-Cut“

Umschuldung
Deutsche Banken fürchten den „Hair-Cut“

Wenn es noch ein paar Wochen so weitergeht, könnte der Begriff „Hair-Cut“ zum Kandidaten für das Unwort des Jahres werden. Gemeint ist der Teilverzicht von Gläubigern bei der radikalen Umschuldung Griechenlands. Den deutschen Banken, die milliardenschwer engagiert sind, drohen empfindliche Rückschläge.
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HB/hgn/pk FRANKFURT. Das Undenkbare ist plötzlich denkbar: eine Umschuldung der griechischen Verbindlichkeiten – als einen Teilverzicht der Gläubiger. Im Fachjargon wird das „Hair-Cut“ genannt. Da klingt ein üppiges Maß an Radilkalität mit. Kein Wunder also, dass der Begriff an den Finanzmärkten als Sündenfall gilt.

Den deutschen Banken drohen im Falle einer Beteiligung von Gläubigern am griechischen Rettungspaket massive Schockwellen. Denn die Branche hat griechische Engagements in zweistelliger Milliardenhöhe in den Büchern. Würde der Wert hellenischer Staatsanleihen über einen so genannten Hair-Cut herabgesetzt, wären Milliardenlasten die Folge – und staatliche Hilfen unumgänglich.

„Sollte es tatsächlich zu einem nennenswerten Hair-Cut kommen, wäre das gerade für die Commerzbank und die Postbank ein herber Rückschlag“, sagt Merck-Finck-Analyst Konrad Becker. „Alle Bemühungen, 2010 Gewinne zu schreiben, wären dann wohl obsolet.“ Kräftig getroffen werden würde auch die Hypo Real Estate (HRE) – eine Kapitalerhöhung sei dann kaum zu umgehen. Ein anderer Experte sprach von erheblichen Auswirkungen auf einzelne Institute: „Wenn das passiert, werden wieder einige beim Bankenrettungsfonds anklopfen müssen.“

Der Hair-Cut ist – obwohl von vielen Experten und auch Politikern gefordert – im Falle Griechenlands bislang eher eine theoretische Option. Bei den Staatspleiten von Russland und Argentinien vor rund zehn Jahren mussten Anleihegläubiger aber durchaus auf etwa 70 bis 80 Prozent ihres Investments verzichten.

Am stärksten betroffen wäre der mittlerweile vollständig verstaatlichte Immobilien- und Staatsfinanzierer HRE, der nach eigenen Angaben griechische Staatsanleihen im Wert von 7,9 Mrd. Euro hält. Schon eine Wertherabsetzung um die Hälfte würde zu Verlusten von knapp vier Mrd. Euro führen. Die teilverstaatlichte Commerzbank ist mit gut drei Mrd. Euro engagiert. Ein Verlust von 1,5 Mrd. Euro im Zuge eines Hair-Cuts wäre zwar womöglich noch zu schultern. Zugleich würde aber der durch die Milliarden-Geldspritze des Bundes entstandene Eigenkapital-Puffer erheblich schrumpfen.

Damit würde der Hair-Cut hierzulande vor allem jene Häuser treffen, die ohnehin schon staatlich gestützt werden mussten. „Es wird für die Regierung am Ende vermutlich billiger sein, Griechenland direkt zu helfen, als eine zweite Bankenkrise bewältigen zu müssen“, resümiert Analyst Becker.

Kritisch könnte ein Heranziehen der Gläubiger zudem für die Postbank sein, die mit knapp 1,3 Mrd. Euro investiert ist. Landesbanken sind – so weit bekannt – meist „nur“ im dreistelligen Millionenbereich engagiert. Offiziell äußern will sich kein Institut. Für andere große Häuser wie die Allianz, die Münchener Rück oder die Deutsche Bank wäre eine Einbeziehung des Finanzsektors in das griechische Rettungspaket hingegen vermutlich zu verkraften.

Doch das Problem könnte deutlich größer werden. Denn Branchenkenner gehen davon aus, dass auch gewöhnliche Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken in griechischen Staatsanleihen engagiert sind. Sie könnten bei einer Wertherabsetzung ebenfalls unter Druck kommen. „Das Zeug hat jeder“, sagt ein Banker.

Hinzu kommt der Signaleffekt: Würde bei Griechenland ein Hair-Cut durchgeführt, gäbe es automatisch einen Präzedenzfall für andere hochverschuldete Euro-Staaten. Würden diese dem Beispiel folgen, könnten noch weit umfangreichere Belastungen folgen.

Griechenland-Engagement deutscher Banken

Hypo Real Estate: 7,9 Mrd Euro
Commerzbank: mindestens 3,1 Mrd Euro
Munich Re: rund 2,2 Mrd Euro
Postbank: knapp 1,3 Mrd Euro
Allianz: 0,9 Mrd Euro
Deutsche Bank:„relativ gering“ laut Bankchef Josef Ackermann

Landesbanken sind ebenfalls in größerem Stil in Griechenland engagiert. Finanzkreisen zufolge ist etwa die BayernLB mit weniger als 300 Millionen Euro dabei und die WestLB mit gut einer Milliarde Euro. Alle deutschen Banken sind nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit rund 43 Milliarden Dollar drittgrößter Gläubiger Griechenlands nach französischen (75 Milliarden) und Schweizer Instituten (64 Milliarden). Schweizer Großbanken beschreiben ihr Griechenland-Engagement als „nicht materiell“.

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  • Db: "relativ gering"

    => weil an HRE, Landesbanken und Kundenfonds der DWS verschoben...?

  • Na toll,
    ein weiterer korrupter Staat (Griechenland ist doch nicht das einzige, das seine bilanzen frisiert hat) schlüpft unter den Mantel der EU, schöpft Fördergelder ab und zuckt dann einfach mit den Schultern. Okay, Deutschlands Verschuldung ist viel größer, da gilt Griechenland als Peanuts. Mich ärgert nur maßlos, daß sich immer wieder dieselben Cliquen im Schutze politischer Unfähigkeiten und Korruption immens bereichern können, während die sog. Volkswirtschaften für deren Fehler einstehen müssen. Also, mein Auftrag an unsere Regierung war das nicht!

  • Haircut...ist doch schoen. General Motors, Argentinien etc. hat sich so den Schulden entledigt, warum nicht Griechenland...und warum nicht Otto Normalverbraucher. Waere doch mal etwas anderes. Wenn ich zuviel ausgegeben habe biete ich meiner bank einfach einen Haircut an. Toll!

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