Ungewünschte Aufmerksamkeit
Ein Werbeplakat schockt Altenpfleger

Ein Plakat der Deutschen Familienversicherung sorgt für Empörung. Dem Unternehmen ist die missverständliche Botschaft peinlich, doch die Entrüstung ist kaum aufzuhalten. Dabei hing die Werbung wohl nur in einer Filiale.
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DüsseldorfEs gehört zum guten Ton im Bundestagswahlkampf, mehr Personal für die Pflegebranche zu fordern und für mehr Anerkennung des Pflegeberufs zu werben. SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück lässt das bei kaum einem Auftritt derzeit aus. Er fordert höhere Löhne für die Beschäftigten in Altenheimen und bei Pflegediensten, denn aufgrund geringer Attraktivität des Berufs gebe es häufig keine Bewerber. Auch die Berufsverbände pochen vehement auf solche Verbesserungen. Eine Petition an Gesundheitsminister Bahr fordert „mehr Respekt, Anerkennung und Würde“, zahlreiche Altenpfleger haben in den vergangenen Monaten für mehr Lohn demonstriert.

Die Deutsche Familienversicherung hat sich daher mit einem Werbeplakat auf dünnes Eis begeben. Seit Sonntag macht das Reklameposter die Runde durchs Netz und erntet in großer Zahl böse Kommentare. Der Tenor reicht von Enttäuschung über Verärgerung bis hin zur blanken Wut und Boykottaufrufen gegen das Versicherungsunternehmen. So schreibt etwa Nutzerin Wenke Rost: „Ich kann mir nicht vorstellen das ihrer Firma die Solidarität der gesamten Pflege und somit die Größe der Berufsgruppe nicht bewusst sein sollte. Ich kann als Krankenschwester nur sagen...Sie kommen als Versicherer für mich und meine Familie nicht mehr in Frage!“

Der Grund? Ein Werbeplakat der Familienversicherung, auf dem steht: „Soll Ihre Tochter Altenpflegerin werden oder freie Berufswahl haben?“ Es klingt wie eine Kampagne gegen den Beruf des Altenpflegers. Zuerst gepostet wurde ein Foto der Werbung auf der Facebook-Seite der Caritas-Berufsfachschule für Altenpflege in Bamberg. Eine ehemalige Schülerin hatte das Plakat im Schaufenster eines Versicherungsmaklers entdeckt, dann verärgert ein Foto geschossen und es in das Soziale Netzwerk eingestellt. Eindrucksvoll zeigt sich daran die virale Macht von Bildern im Netz: Die lokale Facebook-Seite hat 170 Fans, ihr Facebook-Post wurde jedoch 1755 Mal geteilt (Stand 13.8.). Auch auf Twitter macht das Bild die Runde:

Und zieht wütende Kommentare nach sich. So schreibt etwa @fraeuleinoy: „Das ist ein ehrenhafter und schwerer Beruf. Die Leute, die das machen, sollten viel mehr gewürdigt werden.“ Das Foto verbreitet sich rasant, da kaum ein Thema so emotional diskutiert wird wie die Frage der Pflegereform und die Anerkennung der Pfleger. Klaus Buck, stellvertretender Direktor der Berufsfachschule für Altenpflege in Bamberg kontaktierte den Bamberger Versicherungsmakler und veröffentlichte die Kommunikation. Er verlieh der digitalen Lawine noch mehr Schwung.

Allerdings ist er selbst überrascht, dass das Foto so weit verbreitet wurde. Dabei kann er die Aufregung verstehen: „Mir ist schon klar, dass man da auch etwas ganz Anderes hinein interpretieren kann“, sagt Buck. „Aber auf den ersten Blick schockt es und wirkt diskriminierend.“ Vielen Bekannten, Schülern und Kollegen sei es ähnlich gegangen. „So etwas kann wirklich nur jemand schreiben, der keine Ahnung vom Beruf des Altenpflegers hat und nicht weiß, was er damit anrichtet“, so Buck.

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Ein Werbeplakat schockt Altenpfleger

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Plakat hatte eine andere Intention

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  • Sorry, Nachricht sollte an Wolfsfreund, der an @ Merkur schrieb, gemeint sein! Also hallo @ Wolfsfreund! :-)

  • Und was ist so schlimm daran, @ Merkur, in der Familie einen Angehörigen zu pflegen? Ich empfinde das, was Sie schreiben nicht hirnlos, denn gedacht haben sie es so ja, ich empfinde es ziemlich H e r z los! Wollen Sie später in einer Altenpflegeeinrichtung landen, wo sich die Betreiber und sämtliche "Trittbrettfahrer" eine goldene Nase verdienen, das Pflegegeld aber, sei es aus der gesetzlichen Krankenkasse oder einer privaten Familienversicherung, NIE dort ankommt, wo es ankommen sollte? Nämlich beim Patienten, alten Bewohner oder beim Personal, das eh viel zu unterbezahlt ist für diesen oftmals ausgeführten Knochenjob. Nicht nur professionell Pflegende, sondern auch die Angehörigen von 1,4 Millionen zu Pflegenden, die zu Hause gepflegt werden, werden in dieser Gesellschaf so ziemlich allein gelassen, oftmals fallen sie in die Altersarmut. Auch eine private Familienversicherung kann diese Kosten nicht abdecken. Ich spreche aus Erfahrung, da ich über 35 Jahre zwei meiner Angehörigen gepflegt und betreut habe, Sohn und Mutter. Ein pflegender Angehöriger könnte sich zudem eine private Pflegeversicherung niemals leisten ... denken Sie bitte einmal darüber nach, ob Sie in einem Altenpflegeheim, wenn es soweit ist, derart sediert werden möchten, dass Ihnen sämtliche noch verbleibenden Fähigkeiten, die ein menschenwürdiges Altern bedeuten, durch Chemische Gewalt genommen werden. 240.000 alte Menschen werden jhrl. in Heimen ruhig gestellt, weil es am Personal fehlt, nicht, weil es zu wenig Personal gäbe, sondern weil das Personal mittlerweile durch die Gesellschaft derart diskriminiert wird, ebenso, wie der alte Mensch! Und das ist von oben geschürt ... glauben Sie mir! Sie und ich, sind die nächsten Alten! Was geändert werden sollte, ist unser Werteverständnis in dieser Gesellschaft und das gesamte Gesundheitssystem,an dem sich nach wie vor alle bereichern,nur nicht die,die das Geld für eine menschenwürdige Pflege,bitter nötig hätten, zu Pflegende UND das Pflegepersonal!

  • Habe es geschafft dort endlich durchzukommen und meine meinung mitgeteilt und bekomme per mail eine gegendarstellung bzw. erklärung - es haben schon zig pfleger angerufen - und ich empfehle allen pflegern dort anzurufen und gegen einen solchen diskriminierenden, verachtenden und beleidiigenden slogan zu demonstrieren. Die telefonnummer ist ja leicht zu googeln. unsere Berufsverbände fordere ich auf dagegen rechtlich vorzugehen, zivil sowie strafrechtlich. ich habe zumindest meinen beruf selbst gewählt und fühle mich sehr beleidig. und der kampf, boykott und sabottage dieses unternehmens geht nun erst los.

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