Unicredit
Eine Frage der Sensibilität

Italiens Großbank Unicredit hat im Geschäft mit Börsenkandidaten eine Nische erkannt. Speziell Mittelständler und Familienunternehmen in Deutschland und Italien wollen die Banker beraten. Das braucht Einfühlungsvermögen.
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Deutsche und Italiener mögen sich in Vielerlei unterscheiden, ob in der Mentalität, der Kleidung oder dem Essen. In einem haben beide Länder indes sehr viel gemeinsam. Diesseits wie jenseits des Brenners ist die Wirtschaft durch eine hohe Zahl an familiengeführten Mittelständlern geprägt. Sie haben ihre Anfänge häufig nach dem zweiten Weltkrieg, wurden in der Regel über zwei bis drei Generationen aufgebaut und stehen nun vor dem nächsten Generationswechsel.
Und damit vielmals vor dem gleichen Problem: Die einstige Gründerfamilie ist mittlerweile kräftig angewachsen. Gleichzeitig ist das Interesse bei vielen Mitgliedern gesunken. Ein Börsengang, ein vor Jahren noch undenkbares Szenario, wird immer öfter zumindest in Erwägung gezogen.

„Die Nachfolgeregelung ist für diese Unternehmen ein zentrales Thema“, weiß Olivier Khayat. Der 53-jährige Franzose mit einer langen Vergangenheit bei Societe Generale ist seit dem vergangenen Jahr einer von zwei Chefs des Corporate Investment Banking bei der Unicredit in Mailand. Und erkennt speziell in Deutschland, Österreich und Italien wegen der vielen Familienunternehmen hohes Potenzial für sein Haus. Lange Jahre hatte die Bank beim Thema Börsengang eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Die großen angelsächsischen Häuser und in Deutschland speziell die Deutsche Bank bestimmten den Markt. Das hat sich spätestens seit diesem Jahr geändert.

Anfang Oktober etwa zeigte sich dieser Wandel. Gima, schnell wachsender Hersteller von Verpackungsmaschinen für die Tabakindustrie und Tochter des bereits gelisteten Verpackungsriesen IMA, ging an die Mailänder Börse. Dahinter steckt unter anderem die Familie Vacchi, zu deren Besitz ein ganzes Geflecht an Maschinenbauern weltweit gehört. Gima hatte man erst im Jahr 2010 übernommen, dass jetzt ein Teil davon per Börsengang an Investoren ging, gilt als deutliche Veränderung der Unternehmensphilosophie.
Wobei bei den beratenden Banken bei diesem Thema weiterhin Sensibilität gefragt ist. Insider berichten von Patriarchen, die bei der Entscheidungsfindung die eine Hälfte der Woche in die eine und die andere Hälfte in die andere Richtung denken. Diese Prozesse dauerten oft Jahre und würden erst beschleunigt, je weiter das Alter fortschreitet.

Das schnelle Geld ist für Investmentbanker da erst mal nicht drin. Eher geht es daran, das Feld kontinuierlich zu bestellen, um dann im richtigen Moment die Ernte einzufahren. „Ein Börsengang kann eine Option sein“, gibt sich Khayat deshalb vorsichtig. Je nach Situation könne es aber noch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten geben. Es werde also niemand in eine Richtung gedrängt, eher sorgsam abgewogen, was die beste Option sei.

Daneben verspricht sich die Bank in einen anderen Bereich große Chancen. „Besonders im mittleren Marktsegment sehen wir für die Unicredit großes Potenzial“, sagt Michael Diederich, der Statthalter für das Investmentbanking in Deutschland. Im Frühjahr gehörte sein Haus zum Konsortium bei den Börsengängen der Restaurant-Kette Vapiano und bei Delivery Hero, einer Bestellplattform für Essen. Im Oktober erwartet er noch einige Börsengänge. Um jedoch auch einzuschränken, dass die Pipeline zwar voll ist, es aber fraglich sei, ob alle auch kommen.
Externe Rückschläge von Konjunktur und Politik brauchen die Verantwortlichen dabei nach aktuellem Stand im Vergleich zu den Vorjahren nicht zu befürchten. „Mit all ihren aktuellen Maßnahmen nimmt die EZB die Volatilität aus dem Markt“, ist sich Diederich sicher. Auch wenn man sich dem Wendepunkt im geldpolitischen Zyklus annähern dürfte.

Im Bereich der großen Weltpolitik, die ebenfalls stets großen Einfluss auf das Klima bei Börsengängen hat, ergibt sich sogar eine vermeintlich paradoxe Situation. „Es gab noch nie so viele geopolitische Unsicherheiten bei gleichzeitig so großer Stabilität am Markt“, fügt sein Kollege Olivier Khayat hinzu.

Gute Zeiten also für Verkäufer, geht der Markt doch mehr und mehr in Richtung höherer Bewertungen. Schlecht jedoch – zumindest vorerst- für die Käufer dieser Aktien. Als Anfang Oktober der italienische Reifenhersteller Pirelli an die Börse ging, war das zwar die bisher größte Emission in diesem Jahr in Europa. Auch die Investmentbanker der Unicredit waren daran beteiligt. Tolle Kursgewinne waren bisher jedoch noch nicht zu erwarten. Die Aktie notiert nur knapp über ihrem Ausgabepreis von 6,50 Euro.

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