Verbandspräsident Schareck stößt mit Vorschlägen zur Lebensversicherung auf geteiltes Echo: Versicherer möchten Schutz herabsetzen

Verbandspräsident Schareck stößt mit Vorschlägen zur Lebensversicherung auf geteiltes Echo
Versicherer möchten Schutz herabsetzen

Die deutschen Lebensversicherer denken über eine Aufweichung ihrer Zinsgarantien nach. „Ich will eine Diskussion darüber anstoßen, wie wir bei Rentenpolicen langfristig unsere zum Teil über mehr als 50 Jahre laufenden Garantien mit der ständig steigenden Lebenserwartung in Einklang bringen können“, sagte Bernhard Schareck, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), gegenüber dem Handelsblatt.

DÜSSELDORF. Schareck hatte im Interview mit der „Financial Times Deutschland“ einen „Adjustierungsmechanismus“ gefordert, mit dem bei lang laufenden Verträgen Abstriche von gegebenen Zusagen möglich sein sollten. In der Branche stößt er damit auf geteiltes Echo

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Die Lebensversicherer denken seit der Kapitalmarktkrise vor fünf Jahren über ihr Geschäftsmodell nach. Wegen niedriger Zinsen und des damaligen Verfalls der Aktienkurse haben manche Gesellschaften ernste Schwierigkeiten bekommen. Die Mannheimer Leben musste gar geschlossen werden; die Familienfürsorge konnte noch übernommen werden. Das Grundproblem liegt darin, dass die den Kunden gegebenen Garantieverzinsungen – im Schnitt 3,5 Prozent auf das Sparkapital – für die Versicherer selbst immer schwieriger zu erwirtschaften sind

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Bei Rentenpolicen kommt hinzu, dass die Versicherer die monatlichen Renten bis ans Lebensende des Kunden zahlen müssen, also jahrzehntelang. Einmal zugesagt, darf die Höhe der so genannten Garantierente über die gesamte Zeitdauer nicht unterschritten werden. Bisher haben die Versicherer damit recht wenig Erfahrung. Denn die Kunden entschieden sich ganz überwiegend dafür, statt der Rente eine einmalige Kapitalabfindung zu beziehen. Dies ist im Zuge der Rentenreform jedoch steuerlich unattraktiv geworden. Ganz klar im Fokus stehen nun lebenslange Renten. Die Folge: „Wir wachsen in eine völlig neue Welt der Förderprodukte mit Langlebigkeitsrisiko hinein“, sagte Schareck. Darum sorgen sich vor allem Versicherungsmathematiker. Niemand vermag derzeit etwa abzuschätzen, wie sich die Langlebigkeit durch die moderne Gentechnik verändert.

Demgegenüber scheint der Marktführer Allianz Leben nicht an den Grundfesten seines Produkts rütteln zu wollen. Allianz-Leben-Chef Gerhard Rupprecht: „Die Leistungsgarantien sind ein Wesensmerkmal der Lebensversicherung. Wie die einzelnen Garantien ausgestaltet werden, ist Sache der einzelnen Unternehmen und ihrer individuellen Produktgestaltung.“ Verständnis für die „langfristigen Überlegungen Scharecks“ zeigt dagegen Karl Panzer, Chef des Lebensversicherers LV1871: „Man muss sich fragen, ob wir für 60 bis 80 Jahre laufende Garantien in Zukunft nicht mehr Flexibilität brauchen.“

Die Flexibilität könnte nach Informationen des Handelsblatts so aussehen, dass entweder von vornherein nur für einen überschaubaren Zeitraum Garantien gegeben werden, etwa alle zehn oder zwanzig Jahre. Diskutiert wird aber auch, dem Kunden in der Rentenversicherung nicht die Rechnungsgrundlagen zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses zuzusagen, sondern nur die, die zum Zeitpunkt der beginnenden Verrentungsphase bestehen werden. Der Kunde wüsste daher bei Vertragsabschluss noch nicht, mit welchem Garantiezins und welcher statistischen Lebenserwartung seine Rente später berechnet würde. Schareck will hierüber mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ins Gespräch kommen. Von der BaFin war hierzu keine Stellungnahme zu erhalten.

Schareck will sich am Donnerstag in München auf der Handelsblatt-Tagung „Assekuranz im Aufbruch“ zu dem Thema äußern. Er betont, dass es nur um langfristige Überlegungen gehe. Auch der GDV beruhigt die Kunden, „Die Branche steht zu ihren Garantien“, stellte Günter Bost, Geschäftsführer Lebensversicherungen im GDV, klar und: „Garantien gehören zu unserem Profil. Davon leben wir.“

Dieser Meinung ist auch Wolfgang Scholl von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Er fordert: „Bevor durch gesetzgeberische Maßnahmen die von den Lebensversicherern den Kunden zugesagte Garantien herabgesetzt werden, sollten die Unternehmen für Kalkulationsirrtümer mit Eigenkapital haften. Dann werden sie endlich vorsichtiger.“

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