Versicherer Ancora Kein Kies mehr mit dem Kiez

Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat die Untersuchungen im Fall des Zusammenbruchs der Hamburger Ancora Versicherung-AG ausgeweitet. Sie ermittelt jetzt auch gegen den ehemaligen Vertriebsvorstand Nicolas Hübener. Die Geschichte des Unternehmens ist so schillernd wie ihre Kundschaft. Wie die Kleinfirma Kies mit dem Kiez machte und nun vor der Pleite steht.
  • Rita Lansch und Gregory Lipinsky
Reeperbahn in Hamburg: 'Schillernde Ancora-Kundschaft.' Foto: dpa

Reeperbahn in Hamburg: 'Schillernde Ancora-Kundschaft.' Foto: dpa

DÜSSELDORF/HAMBURG. Die Zeit ist stehen geblieben. Die alte Stechuhr im Eingang des vierstöckigen Patrizierhauses in der Nachbarschaft der Hamburger Börse tickt schon lange nicht mehr. Einige vergilbte Karteikarten stecken noch. Eine Galionsfigur am Treppenabsatz zeigt dem Besucher den Weg zu den Büros. Die Zentrale einer der kleinsten, wenn auch nicht feinsten Versicherungsgesellschaften hat schon wesentlich bessere Zeiten gesehen. Denn der Ancora-Versicherungs-AG droht das Aus durch Überschuldung.

Die Geschichte des Unternehmens ist so schillernd wie ihre Kundschaft, um die große Anbieter einen ebenso großen Bogen machen: Speditionen, Spielhallen, Diskotheken und Bordelle. Nur fünf Mitarbeiter betreuen die rund 17 000 Versicherten und einen Jahresumsatz von zuletzt rund 15 Millionen Euro.

Abseits des Milieus fristet der hanseatische Versicherer eher ein Schattendasein, bis die Finanzaufsicht eingreift und im Februar den Vorstand entmachtet, einen Sonderbeauftragten einsetzt und Mitte August schließlich die Insolvenz beantragt. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Strafanzeige wegen Untreue und Bilanzmanipulation gegen die Ex-Vorstände Klaus Weihtag und Nicolas Hübener gestellt hat (Aktenzeichen 5603 – Js 198/06).

Vom Ziehsohn zum Verräter

Für den über 80-jährigen Haupteigner und kaltgestellten Firmenchef Weihtag bricht eine Welt zusammen. „Das ist ein Trauerspiel“, stöhnt der alte Herr verbittert. Für den Zusammenbruch seines Lebenswerks hat er gleich mehrere Schuldige ausgemacht: die BaFin sowie seinen abtrünnigen Kollegen Hübener, ein entfernter Spross der Maklerdynastie Jauch & Hübener. Ihn hatte Weihtag ursprünglich als seinen Nachfolger auserkoren, ihm sogar 20 Prozent an der Ancora vermacht. Längst scheint er das zu bereuen. Weihtag sieht in dem etwa halb so alten Hübener inzwischen einen Verräter, der mit der BaFin gemeinsame Sache mache. Hübener bestreitet das gar nicht. Im Gegenteil, er habe die Unregelmäßigkeiten aufgedeckt, sagt er dem Handelsblatt, und „den Vorgang Mitte November 2005 der BaFin gemeldet sowie mein Amt als Vorstand niedergelegt“ und gekündigt“.

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