Versicherer
Chronik des Ergo-Skandals

Als das Handelsblatt 2011 darüber berichtete, wie die Ergo den Vertrieb ankurbelte, behauptete der Versicherer, die Lustreise sei ein Einzelfall gewesen. Das Handelsblatt forschte nach und kam zu einem anderen Ergebnis.
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19. September 2006
Die Vertriebsführung der zur Ergo-Versicherung gehörigen Hamburg-Mannheimer beschließt einen Wettbewerb zur „Revitalisierung des Strukturvertriebsgedankens“. Es soll eine Incentive-Reise für die Mitglieder der Vertriebsorganisation HMI (Hamburg Mannheimer International) stattfinden. Ihr Titel: „Party Total“. Von Beginn an plant die Führung die Buchung von Prostituierten als besonderes Highlight der Veranstaltung.

Oktober 2006
Die Werbeunterlagen für den HMI-Wettbewerb werden gedruckt. Auf einem Flyer heißt es: „Lassen Sie es krachen auf der heißesten Sommerparty des Jahres… Für die Gewinner geht es im Juni 2007 dann so richtig ab.“

22. - 23. Januar 2007
Die Organisatoren unternehmen eine „Check-Reise“ nach Budapest, um die Veranstaltung vorzubereiten. Sie knüpften dabei erste Kontakte ins Rotlicht-Milieu der ungarischen Hauptstadt.

30. April - 1. Mai 2007
Die Organisatoren unternehmen eine zweite Vorbereitungsreise nach Budapest. Dabei entscheiden sie, für die geplante Party-Veranstaltung im Gellert-Bad „ausreichend Mädels“ zu besorgen, wie es in einem Revisionsbericht später hieß.

Mai 2007
Zwei Geschäftsstellenleiter erfahren, dass „eine Anwesenheit von Prostituierten“ auf der Budapest-Party geplant sei. Die fünf Gewinner aus diesen beiden Geschäftsstellen sagen daraufhin ihre Teilnahme ab.

4. Juni 2007
Nach monatelanger Vorbereitung und mehreren Vorbereitungsreisen der Führungskräfte nach Budapest findet in der Gellert-Therme die „Party Total“ statt. Auf dem Gelände werden Himmelbetten aufgestellt. 20 Prostituierte werden eingeladen, mit farbigen Armbändern gekennzeichnet, und nach jedem Liebesdienst am Unterarm abgestempelt. Bewirtet werden die Ergo-Gäste dabei unter anderem vom bekannten Fernsehkoch Stefan Marquard. Für Musik sorgt die Live-Band Soul-Kitchen.

5. Juni 2007
Die Vertreter kehren im Restaurant Hemingway sein. Dort tritt ein Stehgeiger auf. Dieser soll der  Schwager des Budapester Polizeipräsidenten sein, der wiederum für die Verlängerung der Sperrstunde von 24:00 Uhr auf 4:00 Uhr morgens für die Außenveranstaltung im Gellert-Bad zuständig war. Später fahren einige Reiseteilnehmer in ein Bordell.

Juli 2007
In der Mitarbeiterzeitung „HMI Profil“ wird die Reise überschwänglich gefeiert: „Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Oder aber, sie sind so abgefahren, so sagenhaft und unbeschreiblich, dass es sie beinahe gar nicht geben dürfte. Aber seien Sie sicher – es gibt sie eben doch. Und zwar nur hier! Hier in der HMI!“. An anderer Stelle heißt es: „Aus welchem Blickwinkel auch immer man diese Mega-Fete betrachtet: ein Mordsspaß war es auf alle Fälle. Jedenfalls haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch niemanden gefunden, der dabei war und nicht sofort wieder loslegen möchte.“

13. Dezember 2007
Die Führung des Vertriebs beschließt wegen des „großen Erfolgs“ von Budapest eine Wiederholung der Veranstaltung. Doch Ludger Griese, der neue Vertriebschef, zögert, eine Orgie in eigener Verantwortung zu organisieren. Griese ist der Meinung, eine solche Veranstaltung verstoße gegen die Verhaltensregeln im Ergo-Konzern. Aus der Lust-Reise von 2007 zieht er jedoch keine Konsequenzen. Er meldet die Verstöße auch nicht an Vorgesetzte.

31.  Januar 2008
Max K. (Name geändert) scheidet als Vorstand aus dem Unternehmen aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hat ihn das Unternehmen nie wegen der Budapest-Reise belangt. Max K. war seit 1999 Vertriebsdirektor der HMI.

30. Juni – 2. Juli 2008
Obwohl der neue Vorstand nach der Budapest-Orgie eine zweite Reise vermeiden wollte, findet doch eine statt. Dem Vertrieb war bereits eine zweite Tour versprochen worden – und wenn auch 15 der 17 Gewinner des neuen Wettbewerbs mit einem teuren Apple-Computer zufrieden waren, bestanden doch zwei auf einer weiteren Reise. Sie führte nach Ibiza. Was dort genau stattfand, ist unklar.

April 2010
Ludger Griese, der Mann, der seit 2007 von der Budapest-Reise wusste und keinerlei Konsequenzen zog, steigt zum Vorstand der Ergo Lebensversicherung AG auf.

Mai 2010
Ergo befindet sich im Rechtsstreit mit mehreren ehemaligen Vertretern der Hamburg-Mannheimer. Während dieses Streits wird der Ergo-Chefjustiziar Holger Schmelzer von einem Anwalt der Vertreter auf die Exzesse in Budapest angesprochen. Schmelzer kann mit dem Thema nichts anfangen und fragt im Vertrieb nach.

2. Juni 2010
Ludger Griese schreibt eine Notiz für den Ergo-Vorstand Jürgen Vetter. Sie beinhaltet, dass für die Budapest-Reise 2007 auf Konzernkosten Prostituierte gebucht wurden. Kurz danach erhält auch Ergo-Chef Torsten Oletzky Kenntnis von der Lust-Reise. Nach eigenen Angaben lässt er sich versichern, dass eine solche Reise nicht noch einmal vorkommen könne. Personelle Konsequenzen für die Organisatoren der Reise bleiben aus.

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