Versicherungsexperte Dieter Wemmer: „Die deutsche Lebensversicherung wird unattraktiver“

Versicherungsexperte Dieter Wemmer
„Die deutsche Lebensversicherung wird unattraktiver“

Das deutsche Erfolgsmodell "Lebensversicherung mit Garantiezins" ist unter Druck. Niedrige Zinsen und härtere Aufsicht treiben Anbieter in die Enge. Dieter Wemmer, Zurich-Finanzvorstand und Sprecher großer Versicherer in Europa, warnt die Lebensversicherer im Handelsblatt-Gespräch vor Spekulation auf höhere Zinsen und erklärt, warum er einen Trend zu Fondslösungen sieht.
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Handelsblatt: Herr Wemmer, erschweren niedrige Zinsen die Geschäfte der Versicherer?

Dieter Wemmer: Das Versicherungsgeschäft wird schwieriger, wenn die Zinsen niedrig sind. Das liegt in der Natur unserer Branche. Die Zinsen spielen in der Preiskalkulation eine große Rolle, das ist in der Lebens- und in der Sachversicherung so. In der Schaden- und Unfallversicherung geben die Versicherer die Prämie ja meist vollumfänglich für Schäden und Kosten wieder aus. Gewinne erwirtschaften sie oft nur mit den Zinseinnahmen. Über den Zyklus hinweg sind die Zinsen also oft die wichtigste Einnahmequelle.

Ist es sinnvoll, sich auf Zinseinnahmen zu verlassen?

Nein, als Versicherer müssen wir das Geschäft so betreiben, dass wir in jeder Lage des Zinsmarktes Geschäfte machen und Gewinne erzielen können. Kein Kunde hat etwas von einem Unternehmen, das in jeder Phase tiefer Zinsen Verluste schreibt.

So agieren aber nicht alle?

Darum ist die Gewinnorientierung auch im Sinne der Sicherheit und Stabilität des Unternehmens für uns sehr wichtig. Als Versicherungskonzern überlebt man 140 Jahre nur dann, wenn das Unternehmen konsequent auf eine dauerhafte Profitabilität ausgerichtet ist. Ansonsten wird man von den Risiken überlaufen. Die Hoffnung mancher, die Zinsen würden schon wieder steigen, und dann werde alles wunderbar, ist trügerisch. So kann man kein Geschäft betreiben. Man muss einen Versicherer so ausrichten, dass das Geschäft bei jeder Zinslage funktioniert.

Das ist aber schwierig bei Verträgen, die wie in der Lebensversicherung über Jahrzehnte laufen?



Wenn man einen langfristigen Vertrag eingeht, muss man dafür sorgen, dass man seine Verpflichtungen auch langfristig abgedeckt hat. Da muss man weit in die Zukunft denken. Und in der allgemeinen Versicherung muss die Schaden- und Kostenquote besser werden, wenn die Zinsen fallen. Wenn die Zinsen fallen, gibt es nur eins: Der Versicherer muss Schäden und Kosten senken, also in seinem Kerngeschäft besser und effizienter werden.

Das klingt banal?

Ist aber entscheidend. Wir kalkulieren unsere Verträge immer mit dem aktuellen Zins. Vermögenswerte und Verpflichtungen müssen sich entsprechen. Wir machen keine langfristigen Annahmen über Durchschnitte. Wenn die Zinsen heute gut zwei Prozent sind für eine zehnjährige Bundesanleihe, dann fließt das in die Kalkulation ein - wobei in vielen Bereichen der Sachversicherung fünfjährige Laufzeiten wohl realistischer sind.

Zinsen sind in der Schaden- und Unfallversicherung weniger wichtig als in der Lebensversicherung?

Nein, sie sind genauso wichtig. Der Unterschied ist: In der Lebensversicherung fliessen die Zinsen in Form von Beteiligungen überwiegend an den Kunden zurück, in der Sachversicherung sind sie die wichtigste Gewinnquelle für das Versicherungsunternehmen.

Wie lange halten Sie denn eine Niedrigzinsphase von weniger als zwei Prozent durch?

In der Lebensversicherung mehr als zehn Jahre, und in der Sachversicherung passen wir unsere Zinsen jährlich an - oder sogar in kürzeren Abständen.

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