Wertpapierkauf Schleichendes Ende der Bankberatung?

Seit dem Jahreswechsel gelten strengere Regeln für den Kauf von Wertpapieren. Der Aufwand für Berater ist seither deutlich höher. Experten erwarten bereits Konsequenzen für die ohnehin schwache Aktienkultur im Land.
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Bankenverbände beklagen hohe bürokratische Hürden. Quelle: picture alliance/dpa
Anlageberatung in der Bank

Bankenverbände beklagen hohe bürokratische Hürden.

(Foto: picture alliance/dpa)

MünchenDie Briefe gingen in den vergangenen Wochen zu Tausenden an Kunden von Banken und Sparkassen. Die europäischen Regeln für Wertpapiergeschäfte, um die die Branche seit Jahren mit Politik und Aufsicht ringt, werden ab dem Jahreswechsel in deutsches Recht umgesetzt, heißt es da. So richtig verstanden, geschweige denn bis zum Ende gelesen, haben wohl die Wenigsten die seitenlangen Schreiben.

Die Konsequenzen sind seit dem ersten Werktag des Jahres spüren. Seither erklärt der Berater beispielsweise bei einer telefonischen Order, dass er das Gespräch nun aufzeichnen müsse. Ansonsten müsse der Kunde persönlich vorbeikommen. Lässt er sich darauf ein, dann bekommt er zudem eine Aufstellung aller Kosten des Wertpapierkaufs und ebenfalls eine Übersicht darüber, was ein späterer Verkauf kostet. Hat er dies alles zur Kenntnis genommen, dann darf er endlich seine Order unterschreiben.

Zusätzlich erhält er die neue „Geeignetkeitserklärung“, in der genau steht, warum die Bank oder Sparkasse eben dieses Produkt dem Kunden empfohlen hat und diese Anlage im Hinblick auf seine Risikoneigung und Erfahrung in Gelddingen für richtig hält.

Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) hat dazu herausgefunden, dass die neuen Regelungen schon vorher eine signifikante Zahl insbesondere kleiner und mittlerer Kreditinstitute dazu veranlasst hat, das individuelle Beratungsangebot für bestimmte Produkte wie zum Beispiel Aktien einzuschränken oder ganz einzustellen.

Der ehemalige Vize der Bundesbank übt Kritik an den neuen Regeln zur Bankberatung. Quelle: PR
Franz Christoph Zeitler

Der ehemalige Vize der Bundesbank übt Kritik an den neuen Regeln zur Bankberatung.

(Foto: PR)

Franz-Christoph Zeitler, der bis ins Jahr 2011 Vizepräsident der Deutschen Bundesbank und Vertreter des Präsidenten im EZB-Rat war, setzt sogar noch eins drauf. „Weitere Institute werden folgen“, ist er sicher. Die bürokratischen Hürden, finanziellen Belastungen und Haftungsrisiken würden dazu führen, dass sich mehr und mehr Häuser aus der individuellen Beratung zurückziehen, kritisiert er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Schon in den vergangenen Jahren ging der Aufschwung am Aktienmarkt an den meisten deutschen Anlegern vorbei. Trotz Niedrigzinsen sind die Deutschen weiter Aktienmuffel. Sie verfügen zwar über ein Geldvermögen von fünf Billionen Euro. Davon sind allerdings weniger als ein Zehntel am Aktienmarkt angelegt. Das hat ebenfalls das Deutsche Aktieninstitut (DAI) errechnet. Schon lange lautet deswegen die Forderung des Verbandes, dass dieses immense Vermögen mehr für den Aktienmarkt gehoben werden müsse.

Mit den neuen Regeln zur Beratung könnte die Entwicklung aber eher in die gegenteilige Richtung gehen. „Der Trend geht dahin, gerade hier das Risiko auf den Verbraucher zurückzuverlagern und ihn auf Online-Investments ohne jegliche Beratung zu verweisen“, befürchtet Zeitler. Wer sich für eine Aktienanlage interessiere, der müsse sich so wohl selbst die nötige Expertise in diesen Fragen aneignen. Auf kompetente Beratung könne er nur noch selten hoffen.

Dafür wäre aber eine solide Finanzbildung bei den Verbrauchern essentiell. Hier besagt aber eine jüngst veröffentlichte Studie des Bankenverbandes, dass 60 Prozent der Bundesbürger über schlechte Finanzkenntnisse verfügen. Demnach wissen auch sechs von zehn erwachsenen Deutschen nicht, was ein Investmentfonds ist. Unter den Jugendlichen haben zwei Drittel nach eigener Einschätzung keine Ahnung davon, was an den Börsen geschieht. Zeitler fordert deswegen wie mittlerweile viele Personen aus Banken und Unternehmen ein verpflichtendes Schulfach Wirtschaft. „Die ökonomische Bildung an den Schulen muss deutlich verstärkt werden.“

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2 Kommentare zu "Wertpapierkauf: Schleichendes Ende der Bankberatung?"

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  • Mein Dackel Teckel berät mich in Sachen Geld, menschliche Berater kann ich mir nicht leisten.

  • Sehr geehrter Herr Schnell,

    was stellen Sie sich denn eigentlich vor, wenn Sie von "Bankberatung" schreiben? Ich habe diese "Beratung" rund 10 Jahre lang durch eine im DAX gelistete Großbank erlebt. Nicht in Buxtehude, sondern in der regionalen Zentrale einer Großstadt mit 600 000 Einwohnern.

    Was glauben Sie wohl, was Ihnen der Bankberater empfiehlt? Nun der gute Mann muß verkaufen, seine Zentrale sitzt ihm im Nacken. Und die sagt ihm auch, was er verkaufen soll, woran die Bank am meisten verdient. Herrlich, so eine "Bankberatung", jedenfalls für die Bank.

    Nun gibt es aber noch einen zweiten Fall. Sie haben selbst eine Anlageidee und präsentieren Ihre Idee dem Berater. Aus der Sicht des guten Mannes ist diese Idee brandgefährlich. Sie könnte ja schief gehen und dann wird er für die Verluste vielleicht haftbar gemacht. Darum wird er nie eine eigene Meinung äußern. Stattdessen blättert er in einer Liste, die ihm seine Zentrale zur Verfügung gestellt hat. Die Liste ist überschrieben mit "Empfehlungen". Ob die Jungs in Frankfurt mit ihren "Empfehlungen" schon jemals einen Treffer gelandet haben, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Meinem Eindruck nach befassen sie sich nur damit, Fahrkarten zu schießen.

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