Zinsskandal
US-Ministerium hält Libor für anfällig

Wie anfällig ist der Referenzzinssatz Libor? Ein Bericht des US-Finanzministeriums schätzt ihn als beeinflussbar und damit gefährlich ein. Unterdessen macht die britische Bankenlobby der Notenbank Vorwürfe.
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Washington/LondonDie Festlegung des Referenzzinssatzes Libor im Interbankengeschäft ist nach Auffassung des US-Finanzministeriums manipulationsanfällig und gefährdet die Finanzmarktstabilität. Banken seien in der Lage den Zinssatz zu beeinflussen, heißt es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht.

Ein britischer Bankenverband holt jeden Morgen bei internationalen Kreditinstituten Informationen über deren Krediterwartungen ein und legt den Libor dementsprechend fest. Er dient als Basis für Finanztransaktionen im Volumen von mehr als 500 Billionen Dollar - von Hypotheken über Kreditkarten bis hin zu Derivaten. Mit falschen Angaben konnten die Banken ihre wahren Refinanzierungskosten verschleiern und Handelsgewinne einstreichen.

Vor drei Wochen hatte die britische Bank Barclays eingeräumt, falsche Angaben gemacht zu haben, um den Zinssatz niedrig zu halten. Derzeit wird wegen Manipulationsverdachts gegen weitere Großbanken ermittelt.

Unterdessen werfen britische Geldhäuser ihrer Notenbank vor, frühere Reformversuche abgeblockt zu haben. Die Bank of England (BoE) habe im Jahr 2008 die Chance vertan, den Referenz-Zinssatz Libor neu mitzugestalten, kritisierte der zuständige Bankenverband BBA am Freitag.

"Wir wollten, dass sie sich am Prozess beteiligen, aber das lehnten sie ab", sagte BBA-Chefin Angela Knight der Nachrichtenagentur Reuters. Ein Engagement der Zentralbank hätte das Vertrauen der Finanzmärkte in den Libor gestärkt, betonte die Bankerin.

Die BoE verteidigte ihre Rolle und veröffentlichte E-Mails von 2008. Daraus geht hervor, dass die Notenbanker zwar auf eine Reform des Zinssatzes drängten, BoE-Gouverneur Mervyn King die Vorschläge der BBA aber als "völlig unzureichend" ablehnte.

Nachdem die US-Notenbank Federal Reserve Druck ausübte, wurden Ende 2008 einige kleinere Änderungen vereinbart, wie aus den Mails zwischen King, seinem Stellvertreter Paul Tucker und Knight hervorgeht. Als Folge des Skandals bringen die ersten Regulierer nun sogar eine Abschaffung des Libor ins Spiel.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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