Gesetzlich womöglich gerade noch legal, agieren die Verbände in derartigen Fällen zumindest moralisch bedenklich. Bieten sie den oft ohne Kenntnisse des Aktienrechts ausgestatteten Kleinaktionären doch an, deren Interessen in den Hauptversammlungen zu vertreten. Insofern leisten die Anlegerschützer einen wichtigen Beitrag für eine lebendige Aktienkultur in Deutschland. Das Vermischen eigener Interessen mit diesem quasi-öffentlichen Auftrag ist deshalb in besonderem Maße dazu geeignet, das Vertrauen in ihre Kontrollfunktion zu erschüttern.
Im Fall SdK/Wirecard betont Straub, nur auf Basis öffentlich zugänglicher Daten gehandelt zu haben. Für den drastischen Kursverfall der Wirecard
-Aktien - der Börsenwert der Firma sank seit Mai um 700 Mill. Euro - übernehme er keine Verantwortung. Er verwies vielmehr auf die fehlende Transparenz des TecDax-Unternehmens.
In einer im Internet kursierenden Mail, die angeblich von Straub stammt, heißt es: "Der Rücktritt ermöglicht mir nun viele zusätzliche Freiheitsgrade. Statt wie in den letzten Jahren im Januar im Büro zu sitzen, um das Schwarzbuch Börse zu schreiben, werde ich Ski fahren gehen, auf einer Hütte ein paar Bier trinken und dann wahrscheinlich irgendwo in den Schnee pissen."
Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts, ebenfalls ein führender Vertreter der Aktienlobby, sagte: "Wer eine gute Corporate Governance einfordert, sollte sich selbst nachhaltig daran messen lassen. Zuweilen kann der Eindruck entstehen, dass der Ruf danach mehr den eigenen Zwecken dient als dem Wohl aller Aktionäre."
Bei der SdK-Konkurrenzorganisation DSW hieß es: "Der Schritt ist konsequent. Wir wünschen uns vor allem für Privatanleger, dass die Sache sehr schnell aufgelöst wird", sagte Geschäftsführer Marc Tüngler. Neue Regeln, wonach Anlegerschützer künftig keine Aktien mehr halten dürfen, lehnt Tüngler indes ab: "Wir dürfen alles sein, nur keine Trockenschwimmer", sagte er.
Die SdK betonte gestern, die Vereinigung wolle gleichwohl Lehren aus der Affäre ziehen. SdK-Sprecher Gries sagte: "Wir haben eine Kanzlei beauftragt, neue umfassende Compliancerichtlinien zu entwerfen, die wir kurzfristig implementieren werden."

