0 Bewertungen
06.04.2008 
Volatile Woche erwartet

Dax-Ausblick: Markt ohne Richtung

Die aktuellen Arbeitsmarktdaten aus den USA und die Reaktion der Börsen darauf geben den Trend für die kommende Woche vor: Die Kurse dürften weiter kräftig schwanken. Dem Markt fehle eine klare Richtung, klagen Aktienstrategen. Allerdings stehen wieder einige Konjunktur-Nachrichten an.

HB FRANKFURT. In der abgelaufenen Börsenwoche hat der Dax zunächst gut drei Prozent zugelegt und sich damit auf das Niveau von Ende Februar hochgearbeitet. Doch die überraschend schwache US- Arbeitslosenquote im März und die unerwartet stark gesunkene Beschäftigtenzahl ließen den deutschen Leitindex wieder absacken - vor allem, nachdem auch die US-Börsen fielen. "Wir stehen nun vor einer eher datenarmen Woche. Aber zum Wochenausklang könnte es spannend werden, wenn Konjunktur- und Inflationsrisiken in den Blickpunkt rücken", prognostiziert Aktienstratege Michael Köhler von der LBBW.

Im Mittelpunkt des Interesses dürfte das von der Universität Michigan ermittelte Verbrauchervertrauen in den USA stehen, das am kommenden Freitag bekanntgegeben werden soll. "Alles andere als eine weitere Eintrübung der Stimmung wäre eine Überraschung", prognostizieren die Analysten der Commerzbank. Eine weitere Verschlechterung würde als zusätzliches Zeichen für einen Wirtschaftsabschwung gewertet - vor allem, nachdem US-Notenbankpräsident Ben Bernanke in der abgelaufenen Woche eine Rezession in der weltgrößten Volkswirtschaft nicht mehr ausgeschlossen hatte.


» Aktien im Fokus: Einzelwerte, die auffallen - jeden Tag neu.


"Viel hängt für den Aktienmarkt davon ob, wie es mit der US-Wirtschaft weitergeht", sagt Strategin Anne-Kristin Yasuda von der Landesbank Berlin. Daten zu den ausstehenden Hausverkäufen liefern am Dienstag neue Details zum US-Immobilienmarkt, daneben wird das Protokoll der Offenmarktsitzung der Federal Reserve vom 18. März veröffentlicht. Die Woche endet mit den US-Import- und Exportpreisen für den Monat März sowie der Bekanntgabe des genannten Index der Verbraucherstimmung.

Neue Erkenntnisse über den konjunkturellen Zustand Europas erwarten Marktteilnehmer von Daten zur Industrieproduktion aus mehreren Ländern, darunter auch Deutschland. Der Zwiespalt zwischen Konjunktur und Inflation wird wohl auch den Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag prägen. Angesichts der bestehenden Inflationsgefahren wird allgemein davon ausgegangen, dass die EZB das Zinsniveau bei vier Prozent bestätigen wird, während in den USA die Zeichen auf weitere Zinssenkungen stehen. "Wir hätten zwar von der konjunkturellen Lage her einen Lockerungsschritt bei den Zinsen nötig, aber die Inflationsseite lässt dies derzeit nicht zu", erklärt LBBW -Aktienstratege Köhler.


Gut für Anleger: Täglich eine neue Investmentidee auf Handelsblatt.com !

Für die Entwicklung der Aktienkurse wird nach Experteneinschätzung wichtig sein, ob sich die deutschen Unternehmen weiterhin gegen einen europaweiten konjunkturellen Abwärtstrend stemmen können. "Für die nächsten Monate deuten die gut gefüllten Auftragsbücher sowie die soliden Stimmungswerte auf einen positiven Produktionstrend in der Industrie hin", erwarten die Analysten der Postbank.

Am Mittwoch lädt Daimler zur Hauptversammlung ein. Ansonsten erwarten Analysten von den Unternehmen in Deutschland zunächst wenig Impulse, da nur einige Firmen aus der zweiten und dritten Reihe Zahlen vorlegen. Allerdings befürchten Börsianer, dass im Vorlauf zur Berichtssaison einige Unternehmen mit Gewinnwarnungen für negative Überraschungen sorgen. Die Blicke der Investoren dürften sich zudem auf die beginnende Berichtssaison in den USA richten. Einen ersten Hinweis für die Gewinnentwicklung bei US-Firmen dürfte der Aluminiumkonzern Alcoa geben, der am Montag traditionell die Bilanzsaison eröffnet.


NEU: Die aktuelle Stimmungslage an den Börsen im
» Dax-Sentiment auf Handelsblatt.com.
Hier können Sie sich für die » Erinnerungsmail eintragen,
wenn Sie bei der Umfrage mitmachen wollen.


Lesen Sie weiter auf Seite 2: Finanzsektor beeinflusst die Börsen auch in der kommenden Woche

Auch in der kommenden Woche dürfte der Finanzsektor das Börsengeschehen wesentlich mitbestimmen. Unsicherheit herrscht darüber, ob die Banken im Zuge der Finanzkrise tatsächlich schon reinen Tisch gemacht haben. "Wir sehen das Ende noch nicht gekommen und rechnen damit, dass scheibchenweise weitere Abschreibungen bekanntgegeben werden", prognostiziert Yasuda. Nachdem zuletzt die BayernLB hohe Belastungen aus der Subprime-Krise eingeräumt hatte, dürfte am Mittwoch die Bilanz-Pressekonferenz der HSH Nordbank einen weiteren Einblick in die Lage der deutschen Landesbanken geben.

In der abgelaufenen Woche waren Milliardenabschreibungen der Schweizer Großbank UBS und der Deutschen Bank vom Markt als Zeichen gewertet worden, dass bei den Belastungen aus der Finanzkrise alle Karten auf dem Tisch liegen. Die internationalen Börsenplätze reagierten mit einem Kursprung. "Wir sehen gute Chancen, dass an den Aktienmärkten der Anfang vom Ende der Finanzkrise eingeläutet ist", urteilen die Experten der Commerzbank. Analyst Achim Matze erwartet deshalb in den nächsten Wochen eine Erholungsrally, die den Dax wieder an 7 000 Punkte heranführen könnte.


Wie Sie auch vom Auf und Ab der Märkte mit Zertifikaten profitieren, lesen Sie alle 14 Tage im Zertifikate-Newsletter von Handelsblatt.com.

» Hier geht's zur Anmeldung.



Der Dax setzte zunächst auch zu einer deutlichen Erholungsbewegung an und notierte gar wieder über 500 Punkte über den Jahrestiefstständen. Noch kräftigere Aufschläge konnte der gebeutelte Finanzsektor für sich verbuchen. Was die Notierungen in die Höhe zog, waren natürlich nicht die hohen Verluste der Banken, sondern die Hoffnung der Anleger, dass sich die Abschreibungs-Welle nach der jüngsten Runde in den kommenden Quartalen deutlich abflachen wird. Zuvor stabilisierten sich die Finanzmärkte bereits durch die von der Federal Reserve eingefädelten Rettung der Investmentbank Bear Stearns. Damit hat die US -Notenbank klar gemacht, dass sie mit allen Mitteln einen Zusammenbruch des Finanzsystems mit möglicherweise katastrophalen Folgen für die Wirtschaft verhindern will.

Die Risikoprämien an den Kreditmärkten reagierten denn auch prompt in der Folge. Der vielbeachtete iTraxx Main ist in der Zwischenzeit unter die Schwelle von 100 Basispunkten gefallen und notiert damit weit unter der für Hegde Fonds als kritisch erachteten Schwelle von 150. Damit ist die Gefahr von Zwangsverkäufen aufgrund von höheren Margin-Forderungen, die ganze Asset-Klassen belasten können, deutlich gesunken. Auch hat die Branche ihr Leverage in den vergangenen Wochen zurückgefahren, was ebenfalls für Erleichterung an den Finanzmärkten sorgte.



Lesen Sie weiter auf Seite 3: Unsichere Zeiten halten an

Ist damit die Gefahr gebannt? Einige Marktteilnehmer äußern sich weiter sehr vorsichtig und glauben lediglich an eine Bärenmarktrally. Dafür spreche vor allem die Tatsache, dass auf die Erleichterungsrally nach den Nachrichten um die UBS Anschlusskäufe an den Börsen ausgeblieben seien. Denn auch nach den Aktionen der Federal Reserve bleiben die zu Grunde liegenden Probleme - der Verfall der Häuserpreise und die steigende Zahl von Zwangsversteigerungen - ungelöst. Und ein Ende der Abwärtsspirale ist hier nicht in Sicht.

Auch kann mit Blick auf andere Konjunkturdaten aus den USA keine Entwarnung gegeben werden. Die ISM-Indizes notieren weiter unter der Kontraktionsschwelle von 50; die Stimmungsindikatoren sind rückläufig und der für die US-Wirtschaft so wichtige Konsum neigt zunehmend zur Schwäche. Der nun zum dritten Mal in Folge deutlich unter den Erwartungen ausgefallene Arbeitsmarktbericht spricht ebenfalls eine deutliche Sprache. Beim Thema Neueinstellungen herrscht bei den US-Unternehmen offenbar absolute Zurückhaltung. Selbst Fed-Chairman Ben Bernanke will nun die Möglichkeit einer Rezession nicht mehr ausschließen.


Bildergalerie Chronik: Die schwärzesten Börsentage für den Dax seit 1987


Beobachter der UniCredit verweist darauf, dass die Spillovereffekte aus der Finanzkrise in der Zwischenzeit die Realwirtschaft erreicht haben. Das spiegele sich auch in den jüngsten Daten zu Konsumentenkrediten wider. Der Zahlungsverzug bei Kreditkarten und Hypothekenkrediten habe im 4. Quartal 2007 den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht; der Ausfallzyklus sei damit voll im Gange. Der Bankensektor habe damit nicht nur die direkten Subprime-Verluste sondern auch mögliche Verluste aus anderen Sektoren zu verdauen. Bislang seien weltweit 235 Mrd. US-Dollar abgeschrieben worden, die jüngsten Schätzungen der Analysten lägen aber weit über dieser Summe.

Die Strategen der Landesbank Berlin halten gar einen Rückfall in die Nähe der Jahrestiefs für möglich. Die Erholung der vergangenen Wochen stehe auf sehr wackeligen Beinen. Die bevorstehende Berichtsssaison für das erste Quartal dürfte noch einmal enorme Abschreibungen zu Tage bringen. Des Weiteren sei das Ausmaß der US-Konjunkturschwäche sowie deren Auswirkungen für die Weltwirtschaft noch ungewiss, zumal die heimischen Konzerne unter der Euro-Stärke litten. Die Börsenexperten des Stuttgarter Bankhauses Ellwanger & Geiger gehen nicht von einem "langen Durchhaltevermögen" der jüngsten Aufwärtsbewegung aus; sie sehen "keinen Anlass, begeistert mitzumachen".

Für die Anleger heißt das konkret, dass ein Einstieg in den Aktienmarkt zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch mit erheblichen Risiken verbunden ist. Dafür ist die Transparenz einfach noch zu gering. Zwar kann sich die Erholung am deutschen Aktienmarkt durchaus noch eine Weile fortsetzen, bei Niveaus über 7 000 Punkten dürfte die Luft aber sehr schnell sehr dünn werden.



Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Handelsblatt Experten + Meinungen

Markt-Monitor

Börse und Politik: Das Tempo passt nicht!  Artikel in Merkliste

17.11.2008 von Ralf Drescher

Was hat der G20-Gipfel den Märkten gebracht? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Warum Anleger von der Politik keine Unterstützung erhoffen dürfen. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Weiche Südflanke  Artikel in Merkliste

06.11.2008 von Gerd Höhler

Griechenland und Italien werden im gefolge der Finanzmarktkrise abgestraft: Beide Länder müssen für Staatsanleihen deutlich höhere Zinsen zahlen als die Mitgliedstaaten, die bei der Verschuldung vorsichtiger agiert haben. Kommentar

Handelsblatt Börsenradio 21.11.2008 (Abendausgabe) 

21.11.2008Börsenradio

Bundespräsident Horst Köhler übt scharfe Kritik an Bankern - LBBW und BayernLB werden über Fusion verhandeln - Citigroup-Topmanager denken über Verkauf nach - Hypo Real Estate erhält Garantien über 20 Milliarden Euro aus Rettungsfonds - Dax bricht im Wochenverlauf um mehr als 12 Prozent ein Anhören


Anzeige