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23.06.2008 
Neue Handelsblatt-Serie

Der Dax – ein Mythos wird 20

von Ralf Drescher und Christian Schnell

Dass sie Greis und Ur-Ur-Enkel sein könnten, wissen die wenigsten: In den deutschen Wirtschaftsmedien stehen der Deutsche Aktienindex (Dax) und der amerikanische Leitindex Dow Jones Industrial stets einträchtig nebeneinander.

FRANKFURT. Jedoch hat der "Dow" - weltweit der Inbegriff des Börsenbarometers - inzwischen satte 112 Jahre auf dem Buckel. Der Dax wird dagegen gerade mal 20 Jahre alt. Am 1. Juli 1988 startete der Index mit einem Stand von 1 163 Punkten. So unterschiedlich die Traditionen sind, so vernachlässigt das Thema Börse damit über Jahrzehnte in Deutschland erscheint - in Sachen Dynamik braucht sich der Dax gegenüber seinem US-Pendant nicht zu verstecken. Während sich die Zusammensetzung des Dow in den vergangenen Jahren kaum geändert hat und der US-Index deshalb in der Finanzwelt oft als etwas verstaubt gilt, bildet der Dax seit seiner Einführung verlässlich das Who is who der deutschen Wirtschaft ab. Den regelmäßigen Indexanpassungen fielen Dutzende Unternehmen zum Opfer. Insgesamt konnten sich in den vergangenen 20 Jahren 54 Firmen mit der Mitgliedschaft im deutschen Leitindex schmücken.

Mancher Name, der in der Gründungsphase zu den Top-30 gehört hat, wirkt 20 Jahre später wie aus dem Buch der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Ob Feldmühle Nobel, Deutsche Babcock, Hoechst oder die Bayerische Vereinsbank - im Jahr 1988 waren sie alle Top-Adressen, heute fällt manchen Anlegern schon die Antwort auf die Frage schwer, in welchem Großkonzern ihr Name aufgegangen ist.

Der Dax brachte der deutschen Börsenlandschaft vor allem zwei Dinge: Dynamik und ein Gesicht. Genau das hatten sich die Börsianer davor viele Jahre gewünscht: "Etwas wie den Dow bräuchte man, nur auf deutsch", hieß es immer wieder. Also einen einprägsamen Namen, der gut im Ohr klingt und nicht mit einer Zeitung oder einer Bank als Initiator oder Sponsor in Verbindung steht.

Die Deutschen waren sich ihres Dilemmas bewusst. Seit 1959 hatten sie den nicht eben dynamischen Hardy-Index, benannt nach der Frankfurter Privatbank Hardy & Co. Mit deren Ende folgte 20 Jahre später das Aus für den Hardy-Index. An dessen Stelle trat ab 1981 der BZ-Index der Börsen-Zeitung, der allerdings bestenfalls eine Notlösung darstellte. Deswegen war er unter Börsianern kaum von Bedeutung.

Die nutzten stattdessen den FAZ-Index der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der die Jahre des Vakuums Anfang der Achtziger geschickt genutzt hatte, um sich als Platzhirsch zu etablieren. Der FAZ-Index hatte jedoch einen entscheidenden Fehler: Er war träge; größere Bewegungen, die für Börsianer das tägliche Brot sind, gab es kaum.

Den entscheidenden Anstoß für einen allgemein akzeptierten Leitindex gab dann Frank Mella, damals Redakteur bei der Börsen-Zeitung.

Er schaffte es, die entscheidende Dynamik in den Index zu bringen und gilt deswegen heute als "Vater des Dax". Mella bediente sich eines einfachen Tricks: Der Dax ignoriert - anders als der Dow Jones - die jährlichen Dividendenabschläge und geht stattdessen davon aus, dass diese nicht ausgeschüttet, sondern wieder investiert werden. Diese Konzeption als "Performance-Index" hat zur Folge, dass die Dax-Entwicklung stets besser aussieht als die der Konkurrenz-Produkte. Mella bekam dafür 1995 das Bundesverdienstkreuz.

Neben der Berücksichtigung von Dividenden hat der Dax noch eine weitere Besonderheit, die wesentlich zu seinem Mythos beiträgt: Der Auf- und Abstieg ist noch immer einem Geheimbund namens "Arbeitskreis Aktienindizes" vorbehalten. Während man bei den darunter angesiedelten Indizes wie MDax oder TecDax nur die reinen Zahlen von Börsenumsatz und Marktwert zur Entscheidungsfindung heranzieht, haben beim Dax immer noch die elf Vertreter von Banken, Börse und Vermögensverwaltern das letzte Wort. Deren Namen sind geheim, das Abstimmungsergebnis ebenfalls. Erst wenn eine Entscheidung gefallen ist, öffnet sich die Tür. Der Vergleich zur Papst-Wahl wird deshalb immer wieder bemüht.

Dass der Dax heute hauptsächlich aus süd- und westdeutschen Unternehmen besteht, liegt aber weniger am Arbeitskreis Aktienindizes als an der unterschiedlichen Wirtschaftskraft der deutschen Regionen. Mit Allianz, BMW, Hypo Real Estate, Infineon, Münchener Rück und Siemens stellt München ein Fünftel der Dax-Werte, aus Düsseldorf, Bonn und Frankfurt kommen immerhin je drei Mitglieder. Dagegen stammt kein einziges der 30 Top-Unternehmen aus Ostdeutschland. Und auch nördlich von Wolfsburg sucht man vergeblich nach einem Dax-Konzern.

Wenn der Arbeitskreis Aktienindizes im September das nächste Mal über Auf- und Abstieg entscheidet, könnte sich das Nord-Süd-Gefälle im Dax noch weiter verschärfen. Denn der Hannoveraner Touristikkonzern Tui gilt als stark abstiegsgefährdet. Im Gegenzug werden dem Düngemittelproduzenten K+S die besten Aufstiegschancen zugerechnet. Und der hat seine Zentrale rund 100 Kilometer südlich von Hannover in Kassel.

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