Während andere unter den Kursstürzen an den Börsen leiden, schlagen viele Hedgefonds daraus Kapital. Mit starkem „Short“-Engagement und dank vollautomatisierter Computerprogramme sind sie quasi rezessions-resistent. Ihre Geschäfte verstärken die Talfahrt sogar.
Matthias Schellenberg von ING Investment Managers sieht die aktuelle Baisse als ideales Umfeld für viele Hedgefonds-Manager.
FRANKFURT. Bereits seit geraumer Zeit spekulieren eine Reihe von Hedge-Fonds auf ein rezessives konjunkturelles Szenario in der Welt. Die aktuelle Sorge um die Konjunktur, die sich in der aktuellen Baisse an den Aktienbörsen widerspiegelt, spielt ihnen nun in die Karten. „Hedge-Fonds lieben solche volatilen Märkte“, sagt der Dachfonds-Manager Bernardino Branca, der als einer der europäischen Hedge-Fonds-Pioniere gilt. Und auch Peter Clarke, Vorstandsvorsitzender der Man Group, äußerte sich vor kurzem im Handelsblatt-Gespräch ausgesprochen negativ zur künftigen konjunkturellen Entwicklung.
Die Strategen der weltgrößten Hedge-Fonds-Gruppe dürften dementsprechend „rezessions-resistent“ ausgerichtet sein. Zahlreiche Hedge-Fonds werden aber vor allem dann aktiv, wenn es an den Märkten hoch her geht. Eine der beliebtesten Spielarten: Sie gehen „short“, indem sie Leerverkäufe tätigen, also Aktien verkaufen, die sie gar nicht besitzen, sondern sich leihen und später günstig wieder zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben.
Bis vor einer Woche waren viele Hedge-Fonds, die in den Aktienmärkten engagiert waren „netto long“, das heißt, sie haben auf steigende Kurse gewettet und dem entsprechenden Aktien und Derivate gekauft. Doch dann hat offenbar ein Umdenken im großen Stil eingesetzt. „Viele Fonds haben während der aktuellen Turbulenzen ihre Short-Engagements verstärkt“, bestätigen mehrere Hedge-Fonds-Manager in Großbritannien und der Schweiz. Mit fatalen Folgen: Die Aktivitäten dieser Investoren haben die ausgeprägte Kurstalfahrt an den Weltbörsen vielleicht nicht ausgelöst, mit Sicherheit aber beschleunigt. Und ein Ende ist nicht in Sicht, denn die derzeitige Baisse bietet nach Meinung von Matthias Schellenberg, Chef von ING Investment Managers, Frankfurt, Hedge-Fonds-Managern, die auf weiter sinkende Kurse setzen, ein ideales Umfeld.
Ein wichtiger Faktor sind dabei die vollautomatisierten Computerprogramme, die diese Strategie in Praxis umsetzen und in den vergangenen Tagen den Abwärtsrutsch mit ausgelöst haben. „Wir sind durch Signale unserer Computerprogramme aktuell in den meisten, jedoch noch nicht in allen, Aktienmärkten short“, sagt Christian Baha, Gründer der Hedge-Fonds-Gruppe Superfund.
Die Baisse am Aktienmarkt, so ING-Banker Schellenberg, wird zudem durch Hedge-Fonds, die ihre spekulativen Strategien mit Krediten finanzieren, um so eine hohe Hebelwirkung zu erzielen. Diese Investoren geraten nun in Bedrängnis, weil die Banken immer weniger bereit sind, neue oder sogar bestehende Kredite weiter zur Verfügung zu stellen. „Dies kann die Talfahrt kurzfristig weiter verstärken“, erklärt Schellenberg.
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Dies gelte im Übrigen auch für Hedge-Fonds, die stark mit Futures arbeiten; denn im Prinzip sind Futures als Kreditinstrumente einzustufen. Investoren, die über Futures auf steigende Aktienkurse und Indizes setzen, erhalten von ihren Banken und Brokern einen sogenannten „margin call“, wenn sich die Märkte entgegen den Erwartungen entwickeln. Sie werden aufgefordert, einen Nachschuss auf ihre anfängliche Sicherheitsleistung zu leisten, um ihre Gesamtposition auf einem bestimmten Wertniveau zu halten. Sind sie dazu nicht in der Lage etwa, weil ihnen die Bank keinen Kredit mehr zur Verfügung stellt, werden bestehende Positionen zwangsweise liquidiert. Oder aber – dies ist eine zweite Variante – sie lösen ihre in der Gewinnzone befindlichen Positionen in anderen Märkten auf – zum Beispiel indem sie ihre Rohstoff-, Anleihen- und Deviseninvestments verkaufen. Auf diese Weise beschaffen sie sich die notwendigen Finanzmittel, um ihren margin-call-Verpflichtungen nachkommen zu können. Beide Varianten sorgen für neuen Abwärtsdruck – und zwar nicht nur am Aktien-, sondern auch an andere Finanzmärkten. Und davon profitieren wiederum die Hedge-Fonds-Kollegen, die short gehen. Überspitzt formuliert, sorgt die Branche auf diese Weise selbst für ihre Existenzgrundlage.
Die Frage nach den künftigen Gewinnstrategien an den Aktienbörsen beantworten Hedge-Fonds-Manager unterschiedlich. Die aktuelle Schwäche bietet über kurz oder lang auf der Long-Seite wieder Chancen, blickt ING-Mann Schellenberg positiv nach vorne. Dabei werden vor allem diejenigen Investoren zu den Gewinnern, zählen, die in den derzeit chaotischen Märkten die Nerven bewahren und bei der Schnäppchenjagd auf die richtigen Werte setzen. „Das ist eine Kaufgelegenheit für jene Anleger, die in der Lage sind, kurzfristig Volatilität und damit Risiko in Kauf zu nehmen“, beschreibt auch Paul Niven von F&C Investments, London, das Erfolgsrezept.
Ein eher düsteres Bild malt dagegen Bernd Berg von der britischen Hedge-Fonds-Consultinggesellschaft First Avenue Partners: „Viele Optimisten übersehen, dass die aktuelle Entwicklungen in den USA nicht mit den Crashs 1997/1998 oder 1987 vergleichbar ist, sondern eher mit dem Kurssturz japanischer Aktien in den Jahren 1989 und 1990.“

