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01.12.2006 
Entwicklung spricht für LSE

London bläst zum Angriff auf die Wall Street

von Michael Maisch

Die Londoner Finanzgemeinde ist so selbstbewusst wie schon lange nicht mehr. Längst ist die City das unangefochtene Finanzzentrum in Europa. Inzwischen fühlt sich London aber so stark, dass man den großen Konkurrenten New York im Handel mit Wertpapieren überholen will.

LONDON. "Wenn man sich das internationale Geschäft ansieht, dann sind wir bereits die Nummer eins", sagt Michael Snyder, Chairman des mächtigen Komitees für Politik und Ressourcen der City of London. An der Themse werden jeden Tag mehr als 1,2 Bill. Dollar im Devisenhandel umgesetzt. Soviel schaffen Frankfurt, Tokio und New York nicht einmal gemeinsam. Auch im Handel mit internationalen Anleihen und Aktien führt London die Weltrangliste an.

Betrachtet man allerdings nicht nur das internationale Geschäft, sondern auch den Handel mit heimischen Wertpapieren, dann hat New York auf Grund des riesigen Binnenmarktes, den die größte Volkswirtschaft der Welt bietet, noch immer einen deutlichen Vorsprung. "Die Dynamik der Entwicklung spricht aber für London", gibt sich Snyder optimistisch.

"Vor 20 Jahren hätten wir kaum zu denken gewagt, dass London New York einmal in den Schatten stellen könnte", sagte Sir Win Bischoff, Europa-Chef der US-Bank Citigroup vor wenigen Wochen. Heute nimmt die Wall Street die Herausforderung sehr ernst. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg gab erst jüngst eine Studie in Auftrag, die Stärken und Schwächen des US-Finanzplatzes im Vergleich zur Konkurrenz analysieren soll. Tatsächlich erwarten viele Investmentbanken, dass sich Europa, Asien und der Nahe Osten dynamischer entwickeln werden als der US-Markt. In diesem Jahr haben die Investmentbanken in den USA bei 8 000 Übernahmen im Wert von 1,4 Bill. Dollar beraten. Die Vergleichszahl für Europa, Asien und Fernost liegt bei 19 000 Transaktionen mit einem Wert von 1,8 Bill. Dollar. "Von diesem Trend profitiert London als Standort zwischen den verschiedenen Zeitzonen", sagt ein Londoner Banker. Zuletzt kündigte Goldman Sachs an, die Kapazitäten an der Themse massiv aufzustocken. Auch Lehman Brothers hat seine Europa-Präsenz deutlich ausgebaut. Nach Einschätzung von Jonathan Chevenix-Trench, dem Chairman von Morgan Stanley International, hat sich London als gleichwertiger Partner neben New York etabliert. Bei Börsengängen haben die Briten den großen Rivalen sogar bereits überholt. 2006 gingen in London fast doppelt so viele Unternehmen an die Börse wie in New York. Den Rückschlag für die Wall Street führt die Branche auf die strengen Börsenregeln in den USA zurück. Vor allem das nach den großen Unternehmensskandalen wie Enron und Worldcom verabschiedete Sarbanes-Oxley-Gesetz schreckt viele Emittenten ab. Die neuen Regeln greifen so tief in Führung und Kontrolle der Unternehmen ein, dass die Klagen über hohe Kosten und bürokratischen Aufwand immer lauter werden. Die Londoner Börse (LSE) nutzte die Angst vor Sarbanes-Oxley, um internationale Unternehmen vor allem aus den boomenden Emerging Markets, Russland, Indien und China an die Themse zu locken.

Am Londoner Optimismus ändert auch die Tatsache nichts, dass die New Yorker Technologiebörse Nasdaq gerade versucht, die LSE zu kaufen (siehe "Bürgermeister will LSE schützen"). "Für uns ist es nicht so wichtig, wem die Börse gehört, wichtig ist, wer sie reguliert", betont City-Manager Snyder. Um zu verhindern, dass die US-Regeln mit einem Verkauf der LSE auch in London Einzug halten, hat die britische Regierung ein eigenes Gesetz auf den Weg gebracht, das 2007 in Kraft treten soll.

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