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17.06.2008 
Ein Jahr Kreditkrise: Die Lehren aus dem Desaster

Sturm über Wall Street

von Torsten Riecke

Alles begann mit einer winzigen Meldung: Vor einem Jahr brach die Subprime-Krise an den Finanzmärkten aus. Zwölf Monate später zieht sich eine Spur der Verwüstung durch die Branche. Eine Chronologie des einzigartigen Desasters.

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Der Mechanismus der Finanzkrise im Detail.

NEW YORK. Die schwerste Finanzkrise seit der großen Depression in den 20er-Jahren begann mit einer kleinen Meldung im "Wall Street Journal". Am 12. Juni 2007 berichtete die US-Wirtschaftszeitung in 90 dürftigen Worten, dass zwei Hedge-Fonds der Investmentbank Bear Stearns unerwartet hohe Verluste durch Hypothekengeschäfte minderer Qualität (Subprime) erlitten hatten. Die Ertragskraft von Bear Stearns werde davon vermutlich nicht beeinträchtigt, schrieb das "Journal" damals.

Das muss offenbar auch Bear-Stearns-Chef James Cayne gedacht haben, der sich durch die beunruhigenden Nachrichten nicht vom Bridge- und Golfspiel abhalten ließ. Ein Jahr später sind Bear Stearns und auch Cayne Geschichte - hinweggefegt von einem Sturm, der die Finanzmärkte noch immer in Atem hält.

Kurz zuvor hatte der damalige UBS-Chef Peter Wuffli den hauseigenen Hedge-Fonds Dillon Read wegen hoher Verluste im Subprime-Geschäft geschlossen. Auch Wuffli überstand das Debakel seiner Bank nicht. Er wurde gefeuert und UBS hat seitdem etwa 37 Mrd. Dollar auf komplexe Finanzprodukte abgeschrieben. Die meisten davon waren Kreationen aus dem Hypothekengeschäft in den USA.

Nach zwölf Monaten hat die Kreditkrise eine Spur der Verwüstung in der Finanzwelt hinterlassen. Weltweit haben Finanzinstitutionen etwa 390 Mrd. Dollar auf riskante Kreditprodukte abgeschrieben. Die sieben größten Finanzinstitute in den USA haben nahezu die Hälfte aller Gewinne verloren, die sie in den Boomjahren seit 2004 eingefahren hatten. Allein an der Wall Street haben mehr als 50 000 Banker ihren Job verloren - darunter Top-Manager wie Stanley O?Neal (Merrill Lynch), Charles Prince (Citigroup) oder Martin Sullivan (AIG). Die US-Wirtschaft taumelt einer Rezession entgegen. Und die Notenbanken versuchen mit billigem Geld, das Schlimmste zu verhindern.

Obwohl das Hedge-Fonds-Debakel von Bear Stearns im Juni 2007 häufig als Beginn der Subprime-Krise gesehen wird, reichen die Ursachen viel weiter zurück. Gelegt wurde die Saat bereits 2001, nachdem die Technologieblase an den Weltbörsen geplatzt war. Der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan drückte die Leitzinsen in den Folgejahren bis auf ein Prozent hinunter, um die wirtschaftlichen Schäden des Dotcom-Desasters zu mildern. Zugleich überschwemmte eine Flut von Ersparnissen die Kreditmärkte mit billigem Geld. Beides zusammen setzte das Risikobewusstsein in der Finanzwelt außer Kraft. Selbst für die riskantesten Investments schmolzen die Aufschläge auf ein nie dagewesenes Niveau zusammen.

Dieses explosive Gemisch wirkte wie Raketentreibstoff für den Immobilienmarkt. Ausgestattet mit billigen Krediten verhalfen skrupellose Baufinanzierer finanzschwachen Amerikanern mit windigen Hypothekenangeboten zum Traum vom eigenen Heim. Daraus wurde für die Schuldner und später auch für ihre Gläubiger ein Alptraum. "Betrügerische Machenschaften haben viel zur Suprime-Krise beigetragen", berichtet ein ehemaliger Immobilienbroker. Während die Kreditgeber auf eine genaue Einkommensprüfung verzichteten, überlasen die gutgläubigen Darlehensnehmer das Kleingedruckte ihrer Verträge. Dort stand unter anderem, dass die niedrigen Lockzinsen sprunghaft ansteigen würden, sobald die Notenbank ihre Zügel wieder anziehen würde.

Die Baufinanzierer reichten die Hypotheken meist an Investmentbanken weiter, die daraus ominöse Finanzpakete wie die inzwischen berüchtigten "Collateralized Debt Obligations" (CDOs) schnürten. Die daran gebundenen Anleihen wurden an Investoren in aller Welt verkauft. Weitergereicht wurden damit oft auch die inhärenten Risiken der Papiere. So fanden sich später in den Bankdepots deutscher Zahnärzte jene Risikopapiere, deren Wert von den dubiosen Machenschaften auf dem US-Immobilienmarkt abhing. Es entstand eine verhängnisvolle Kette der Leichtsinnigkeit, zusammengehalten von der Gier aller Beteiligten und dem unerschütterlichen Glauben an steigende Hauspreise. Dank des Finanzturbos stieg das Volumen der Subprime-Hypotheken in Amerika innerhalb von zehn Jahren um das 20-Fache. Trotz der erkennbaren Spekulationsblase versicherte US-Notenbank-Chef Ben Bernanke noch im Juni 2007, dass keine Gefahr für die Wirtschaft oder das Finanzsystem bestehe.

Viel zu spät erkannte der Fed-Chef, dass sich aus den Erschütterungen auf dem US-Immobilienmarkt ein Finanz-Tsunami entwickelt hatte. Offenbar wurde das erst, als finanzschwachen Hausbesitzern das Geld ausging und sie in Zahlungsverzug gerieten. Die Blase platzte und seitdem purzeln die Hauspreise. Es folgte eine negative Kettenreaktion zurück bis zu den Investoren, deren Anleiheprodukte massiv an Wert verloren.

Auf breiter Front setzte nun eine Gegenbewegung ein, die sich wie ein Flächenbrand auf fast alle Kreditmärkte ausdehnte. Banken begannen aus Furcht vor eigenen Verlusten Geld zu horten. Ratingagenturen degradierten eben noch erstklassige Finanzprodukte über Nacht zu Schrottanleihen. Ob Übernahmefinanzierungen, Hypothekenanleihen, Kommunaldarlehen oder kurzfristige Kredite unter den Banken - überall grassierte Misstrauen und die Risikoaufschläge schnellten in die Höhe. Investoren entdeckten, dass sie für die eingegangenen Risiken einen zu geringen Zins verlangt hatten. Quasi über Nacht war das billige Geld verschwunden. Auf die Gier folgte die Panik.

Die Finanzbranche hat diesen Schock bis heute nicht verdaut. Bei einzelnen Häusern wie Merrill Lynch sind durch die Krise innerhalb von zwölf Monaten nicht nur die gesamten Gewinne der Boomjahre verschwunden. Auch die Geldmaschine an der Wall Street ist ins Stottern geraten. "Die Banken müssen ein neues Geschäftsmodell entwickeln", sagt Richard Bove, Analyst beim Investmenthaus Ladenburg Thalmann & Co. Die Verbriefung von Risiken durch Kreditderivate fällt für die nächsten Jahre als Gewinnträger aus. Der von kreditfinanzierten Buy-outs angetriebene Markt für Fusionen und Übernahmen (M&A) ist auf einen Bruchteil der Vorjahre zusammengeschmolzen. Den Investmentbanken sind damit schlagartig zwei Ertragsmotoren abhanden gekommen.

Selbst die Absicherungsstrategien erfahrener Broker wie Lehman Brothers haben dem Sturm nicht standgehalten. Und inzwischen zweifeln viele Investoren daran, dass die Banken ihrer wichtigsten Aufgabe gewachsen sind - nämlich Risiken zu managen.

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