
FRANKFURT. Die viel gescholtene Aktienkultur in Deutschland - sie lebt. Nahezu jeder Mensch im Land besitzt Aktien. Vielen ist dies nur nicht bewusst, weil sie nicht direkt Dividendentitel im Depot halten, sondern über Fonds, Versicherungen oder bestimmte Formen der betrieblichen Altersvorsorge am Aktienmarkt beteiligt sind. Das ergibt eine Auswertung des Handelsblatts, die sich auf zugängliche Zahlen sowie Schätzungen von Experten stützt.
Die seit langem kursierenden Aussagen, die Deutschen wären kein Volk der Aktionäre, woran die mangelnde Förderung der Altersvorsorge schuld sei, sind damit Vergangenheit. Vor allem Lebensversicherungen und die betriebliche Altersvorsorge machen die Menschen indirekt zu Aktionären. Die betriebliche Altersvorsorge (bAV) sieht Thomas Jasper, Vorstand bei der Unternehmensberatung Towers Watson "als wichtiges Element der Aktienkultur in Deutschland".
Nach einer Studie von TNS Infratest Sozialforschung im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales mit aktuellsten Angaben per Ende 2007 haben knapp zwei Drittel der sozialversichungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland einen Anspruch auf eine betriebliche oder öffentliche Zusatzrente. Von diesen 17,5 Millionen Arbeitnehmern dürften die meisten indirekt Aktionäre sein, schätzen Berater. Denn viele Arbeitnehmer wandeln Teile ihres Gehaltes in Beiträge für die betriebliche Altersvorsorge um.
Altersvorsorge investiert in Aktien
Das Kapital fließt meist in Direktversicherungen, Pensionsfonds oder an Pensionskassen. Pensionsfonds investieren ihr Kapital nach Schätzungen mindestens zu einem Viertel in Aktien, Versicherungen im Durchschnitt zu rund fünf Prozent. Da jeder erwachsene Deutsche statistisch mindestens eine Lebensversicherung hält, trägt auch jede Police zur Aktienkultur bei.
Auch zu den indirekten Aktionären zählen die knapp 14 Millionen Inhaber einer staatlich geförderten Riester-Rente für die private Altersvorsorge, von denen wiederum rund 10 Millionen in eine Lebensversicherung und 2,7 Millionen in einen Fonds sparen. Der ist in der Regel so angelegt, dass in jungen Jahren der Aktienanteil sehr hoch ist und dieser mit zunehmendem Lebensalter immer mehr in festverzinsliche Papiere getauscht wird.
Relativ gering ist die Zahl der Aktienfondssparer und reinen Aktionäre in Deutschland mit insgesamt nur noch 8,6 Millionen. Lediglich 3,9 Millionen davon halten direkt Aktien im Depot. "Vor allem niedrige und mittlere Einkommensschichten haben sich in den vergangenen Jahren stark aus der Aktienanlage zurück gezogen", sagt Rüdiger von Rosen, Leiter des bankennahen Deutschen Aktieninstituts.
Zu wenig Ersparnisse für Aktien
Die vermeintliche Abkehr von der Aktie greift indes zu kurz, berücksichtigt man die Riester-Sparer. Seit knapp zehn Jahren gibt es diese Sparform. Im ersten Halbjahr wurden laut Bundesarbeitsministerium 600 000 neue Verträge unterzeichnet. Zu den typischen Riester-Sparern zählen vor allem Bezieher mittlerer und geringerer Einkommen. Wenn aber immer mehr "riestern", dürften sie vielfach kaum Geld für andere Anlagen übrig haben. Das zeigt ein einfaches Beispiel: Bei einer Förder-Obergrenze von 2100 Euro pro Jahr steuert der Staat 154 Euro bei. Die verbleibenden 1946 Euro ergeben einen Monatsbeitrag von 162 Euro.
Die Deutschen sind somit durchaus ein Volk der Aktionäre. Tatsächlich ist fast jeder der rund 50 Millionen Erwachsenen im Land Aktionär. Er weiß es nur nicht, weil er nicht weiß, in welche Papiere seine Lebensversicherung, Riester-Rente oder betriebliche Altersvorsorge investiert. Einziger Unterschied zu den angelsächsischen Ländern: Hier setzt die betriebliche Altersvorsorge noch viel stärker auf den Aktienmarkt. Letztlich braucht sich aber auch hierzulande niemand davon verrückt machen lassen, wenn der Finanzberater beklagt, man investiere zu wenig in Aktien.
Vorsorge
Verbandszahlen Laut Branchenverband DAI haben nur noch 8,6 Millionen Deutsche ihr Geld direkt in Aktien oder indirekt in Aktienfonds investiert.
Altersvorsorge Insgesamt 1,3 Billionen Euro haben die rund 50 Millionen Deutschen bei Lebensversicherungen, Pensionskassen und Pensionskassen angelegt. Laut Börsenaufsicht Bafin entfallen 15,4 Mrd. Euro oder 1,2 Prozent davon auf börsennotierte Aktien.
Lebensversicherung Sie haben ihr Engagement in Aktien in den vergangenen zehn Jahren massiv reduziert. Branchenprimus Allianz Leben hatte einst 25 Prozent der Anlagen in Aktien und ist heute bei acht Prozent.
Risiko Es ist trotz Aktienanlage bei den Versicherer gewöhnlich gering. Klassische Lebensversicherungen bieten eine Garantie.
ich finde, dass diejenigen, die eine Altersvorsorge -zwangsweise durch das Riester Gesetz des Herrn Schröder- treffen müssen, leider über Möglichkeiten guter Aktienanlagen zu wenig aufgeklärt sind.
Dieses ist ausschließlich den banken zuzuschreiben, die ihre Angestellten-Verkäufer verpflichten bankenprodukte zu verkaufen.
ich fordere die Journalisten auf, diesen Missstand immer und immer wieder bloß zu stellen.
Die Journalisten haben eine große verantwortung darüber, den Anleger aufzuklären.
Leider ist das Gegenteil der Fall. ich erlebe tägliche Kommentare in den Tageszeitungen, dass alle möglichen Zertifikate besprochen werden und so indirekt zum Kauf diese gfährlichen Papiere animiert wird.
Aktien von soliden deutschen Großunternehmen zahlen gute Dividenden, sodass man kontinuierlich unnd zusätzlich mit dem laufendem Sparkapital sein Kapital vermehren kann.
Warum also den banken und Versicherungen den Wertzuwachs überlassen?
Günter1
Nicht nur haben wir zuwenig Aktionaere, die meisten Aktionaere ueben auch nicht ihr Stimmrecht im Sinne langfristiger Vermoegenserhaltung und -mehrung aus. Stattdessen wird alle wirtschaftliche Macht von einer neuen Herrschaftselite ausgeuebt, die der Volksmund gern „gierige Manager“ nennt. Ueber Gewerkschaften und inlaendische und auslaendische Kapitalsammelstellen (Pensionsfonds, Versicherungen, Hedgefonds etc.) uebt die neue Herrschaftselite auch die klassischen Rechte der Anteilseigner aus. Aufsichtsraete und Vorstaende gehoeren der gleichen Klasse bestellter Manager an und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die neue Herrschaftselite sich weitgehend selbst kontrolliert. Abgeschirmt vom Mainstream der Gesellschaft pflegt diese Elite in ihren gesellschaftlichen Enklaven (Golfklub) Vertrauensverhaeltnisse und Geschaeftsbeziehungen. Das ist ein durchaus nachvollziehbarer soziologischer Vorgang und es ist letztendlich voellig unerheblich ob sich die neue Herrschaftselite dieser Erscheinungen bewusst sind oder gar mit Absicht verfolgen. Die Machtverschiebung hin zur neuen Herrschaftselite wirkt jedenfalls nachhaltiger wirtschaftlicher Prosperitaet entgegen.
Paradoxerweise sprechen weite Teile unserer Oeffentlichkeit von einem Versagen der freien Marktwirtschaft obwohl viele unerwuenschte Phenomene wie zum beispiel die kurzfristige Gewinnmaximierung und die boni eher der Aushoehlung der freien Marktwirtschaft geschuldet sind. Eine wichtige Form der Aushoehlung der Marktwirtschaft ist, dass Kapitalismus inzwischen weitgehend ohne Kapitalisten stattfindet. Man koennte auch etwas freundlicher von der Abwesenheit dem langfristigen Unternehmensinteresse verpflichteter Gesellchafter sprechen. Welcher bankteilhaber wuerde schon tatenlos mitansehen, wie sein Vermoegen durch immer hoehere Risiken gefaehrdet und letztendlich vernichtet wird, damit seine bank fuer wenige Jahre einen hohen Gewinn ausweisen kann? Welcher Autobaron wuerde seinen technologischen Vorsprung an die Chinesen verschenken, nur damit er durch billige Arbeitskraefte fuer kurze Zeit einen hohen zeitweiligen Gewinn erzielen kann? Dabei ist es fuer einen bezahlten Manager durchaus rational, sein Einkommen ueber seine erwartetete Verweildauer im Unternehmen zu maximieren.
Man sollte hoffen, dass die Politik sich dieser Erscheiningen und Trends bewusst waere. Eine Staerkung der Kapitaleigner waere im Sinne einer nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung. Stattdessen wird versucht durch gesetzliche Regelung Misstaende zu beheben, die der Markt viel besser beheben koennte. Von Politikern ist auch kaum auf Abhilfe zu hoffen. Die verstehen sich selbst als Angehoerige derselben Klasse. Je hoeher die Mobilitaet zwischen Wirtschaft und Politik, desto mehr muss man von einer Verseilschaftung der Wirtschaft und der Politik ausgehen. im interesse einer freien Marktwirtschaft ist das nicht.
Man sollte buerger dazu ermutigen Anteile am Produktivkapital zu erwerben und per Stimmrechtsausuebung aktiv am Unternehmensgeschick teilzuhaben. Mit jedem neuen Finanzmarktprodukt entfernen wir uns aber weiter von der freien Marktwirtschaft. Wenn wir indexzertifikate kaufen, wohin fliesst dann unser Geld? Wer bestimmt die Geschicke unserer Unternehmen? Die neue Herrschaftselite!
@blabla
Schon, aber:
Wie sieht es denn mit Geld auf dem Konto aus - letzlich sagt die auch nur wieviel die bank einem schuldet, nicht wieviel er dort verwahrt hat. Keiner kommt aber auf die idee denjenigen nicht als Geldbesitzer zu sehen.
Wie man Aktienbesitz (oder -eigentum?) nun definiert (reine Aktienfonds gehören für mich klar dazu)spielt hier auch keine Rolle. Der Artikel will doch nur darauf hinweisen das viele am Aktienmarkt - oder wenn sie es korrekter wollen: an der Entwicklung der Kurse - beteiligt sind und ahnen garnichts davon.
Ob man das dann allerdings als größere "Aktienkultur" bezeichnen will - darüber ließe sich eher streiten.





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