Und wie lässt sich das System ändern?
Alle Dax-Firmen sollten sich sofort vom deutschen Corporate-Governance-Kodex und der Idee des Shareholder-Values verabschieden. Zweitens muss man die Bonussysteme ändern. Nicht abschaffen - gute Manager sollten gut verdienen. Die Boni müssen für die besten Manager möglicherweise höher sein als heute. Aber sie müssen vollkommen abgekoppelt sein von Finanzkennzahlen und Börsenkursen.
Die eigentliche Idee der Börse ist doch, dass sich jeder am Kapital und dem Erfolg eines Unternehmens beteiligen kann. Gleichzeitig kann man mitbestimmen. Ist diese Idee überholt?
Den klassischen Shareholder gibt es heute gar nicht mehr, es gibt nur noch Shareturner. Die meisten sind professionelle Investoren, die überhaupt nicht an einem Unternehmen interessiert sind. Sie kommen auf die Hauptversammlung, stimmen ab und wählen natürlich Leute ihres Geistes. Wenige Wochen danach verkaufen sie die Papiere.
Was wäre denn die Alternative?
Mein Vorschlag ist seit langem, eine gesetzliche Haltefrist vorzuschlagen. Wer bei der Wahl des Aufsichtsrates mitbestimmt, muss mindestens für die Amtszeit des Aufsichtsrates seine Aktien halten. Wer das nicht will, kann trotzdem gerne Aktien kaufen oder verkaufen, soll aber gefälligst keinen Einfluss auf die Führung des Unternehmens haben.
Was werden wir aus dieser Krise lernen?
Der Kapitalismus ist genauso gescheitert wie der Sozialismus. Diese Krise ist das Symptom eines fundamentalen Wandels, es sind die Geburtswehen für eine neue Welt. So etwas hat in der Geschichte möglicherweise noch nie stattgefunden. Die Lösungen werden nicht aus der Ökonomie, auch nicht von den Regierungen kommen. Die Menschen werden lernen, sich gegenseitig zu helfen. Ich denke, wir werden eine neue Menschlichkeit erleben. Das neue Kapital ist Wissen, während Geld an Bedeutung verlieren wird. Der krasse Egoismus der letzten Jahre wird sozial geächtet sein. Menschen Sinn zu ermöglichen wird wichtiger.
Wissenschaftler, streitbarer Querdenker und Bestseller-Autor
Fredmund F. Malik gilt als Experte für Management und Unternehmensführung. Er lehrt als Professor an der Universität St. Gallen. Daneben hat sich der 65-Jährige als Berater und selbstständiger Unternehmer einen Namen gemacht. Er ist seit 1984 Chef des von ihm gegründeten Malik Management Zentrums St. Gallen mit derzeit rund 300 Mitarbeitern. Malik stammt aus Lustenau in Österreich. Er studierte in Innsbruck und St. Gallen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Logik und Wissenschaftsphilosophie. Das Studium schloss er mit Promotion ab, 1978 folgte dort die Habilitation für Betriebswirtschaftslehre. Thema seiner Habilitationsschrift: "Strategie des Managements komplexer Systeme".
Malik setzt sich von der Masse der Ratgeber ab. Mit amerikanischer Managementlehre kann er nichts anfangen. Insbesondere die Idee des Shareholder- Values, also die einseitig auf die Interessen der Aktionäre ausgerichtete Unternehmensführung, kritisiert er scharf. Er sieht darin eine Ursache für die weltweite Finanzkrise. Auch die bisher übliche Ausbildung von Managern an MBA-Schulen hält er für falsch. Ein Grundproblem der Wirtschaft sieht er in der wachsenden Komplexität von Unternehmen. Sein Ansatz, diese Strukturen zu analysieren, wird in der Wissenschaft als Management-Kybernetik bezeichnet. Malik ist Autor zahlreicher Schriften und Kolumnen. In den Bestsellerlisten steht etwa sein Buch "Führen, leisten, leben". Auf die Gefahr einer drohenden Finanz- und Wirtschaftskrise hat er schon früh hingewiesen.





