
Frankfurt, DüsseldorfNiemand mag daran denken, treffen kann es jeden: eine Krankheit, die von heute auf morgen das Leben verändert. Schnell wieder auf die Beine kommen, ist der erste Wunsch. Aber auch weitere Fragen drängen sich auf: Bin ich finanziell abgesichert? Und ist die Familie versorgt, wenn ich längere Zeit krank bin oder nicht mehr in meinem Beruf arbeiten kann?
Wer nicht versichert ist, riskiert bei Berufsunfähigkeit seine Existenz. Die Unterstützung vom Staat reicht nicht aus, im Schnitt erhalten nach 1961 geborene Männer eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente von 800 Euro pro Monat, Frauen knapp 700 Euro. Viel zu wenig, um den gewohnten Lebensstandard halten zu können. Dabei ereilt das Risiko Berufsunfähigkeit nicht nur einige Wenige – rund 1,5 Millionen Deutsche sind betroffen. Doch selbst wer eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit abgeschlossen hat, ist nicht immer auf der sicheren Seite. Die Tücken stecken im Detail.
Das Handelsblatt hat in Zusammenarbeit mit dem Financial Planning Standard Board Deutschlands (FPSB) ausgerechnet, wie sich solche Schicksalsschläge auf die Finanzplanung auswirken. Die Ergebnisse stellen wir anhand eines Fallbeispiels – Familie Mustermann – in einer wöchentlichen Serie vor. Peter Mustermann ist 47 Jahre alt. Als Bereichsleiter bei einer mittelständischen AG in Baden-Württemberg liegt sein Bruttojahresgehalt bei 175.000 Euro. Die drei Jahre jüngere Ehefrau arbeitet halbtags als Lehrerin an einer Realschule. Rechnet man ihren Verdienst hinzu, kommt die Familie auf ein Jahreseinkommen von 197.000 Euro. Im Haushalt leben außerdem zwei Kinder, die noch zur Schule gehen.
Für den Fall, dass er eines Tages nicht mehr arbeiten kann, hat Mustermann schon früh eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen – die würde im Ernstfall mit 1.500 Euro monatlich einspringen. Hinzu kommt eine Kapitallebensversicherung, die auch einen Schutz gegen Berufsunfähigkeit enthält – diese brächte Mustermann noch einmal 1.000 Euro im Monat. Auf den ersten Blick scheint Mustermann abgesichert zu sein.
Versicherung ist nicht gleich Versicherung. Bei der Suche nach dem optimalen Schutz hilft ein Marktvergleich, wie ihn etwa das Analysehaus Morgen & Morgen einmal im Jahr veröffentlicht. Im Detail können sich die Policen enorm unterscheiden. Die Koppelung an eine Kapitallebensversicherung halten Verbraucherschützer nicht für empfehlenswert. Doch auch die als reine Berufsunfähigkeitsversicherungen angebotenen Verträge weisen mitunter gefährliche Lücken auf. Im Leistungsfall verweigern manche Gesellschaften die Zahlung und springen beispielsweise nur dann ein, wenn der Versicherte in keinem anderen Beruf mehr arbeiten kann. Die sogenannte „Abstrakte Verweisung“ sorgt dafür, dass Versicherer nicht zahlen, wenn beispielsweise Handwerker noch als Verkäufer in einem Baumarkt arbeiten können.
Da es für die Gesellschaften um viel Geld geht, steht die Branche im Ruf, bei der Prüfung der Anträge besonders genau hinzuschauen. „Mehr als jeder vierte Antrag auf Berufsunfähigkeit wird von den Gesellschaften abgelehnt“, sagt Martin Zsohar, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. In solchen Fällen bleibt dem Kunden häufig nur der Gang vors Gericht. Die Statistik zeigt: Ein Gros der Ablehnungen ist nicht eindeutig rechtens. In jedem dritten Fall geht der Versicherer zwar als Sieger hervor. Die Kläger gewinnen aber in fast zehn Prozent der Fälle, und mehr als die Hälfte der Auseinandersetzungen endet mit einer Einigung. Die Gerichte forcieren aktuell solche Vergleiche.
Von entscheidender Bedeutung ist im Leistungsfall ein verkürzter Prognosezeitraum des Arztes. „Viele Mediziner tun sich schwer, eine Berufsunfähigkeit für die nächsten Jahre zu prognostizieren“, sagt Georg Pitzl, Versicherungsberater der River Vorsorge- und Versicherungsberatung in Mering. Der Patient könnte ja nach einigen Monaten wieder arbeitsfähig sein. Faire Versicherer zahlen die Rente daher schon, wenn der Arzt eine entsprechende Prognose für mindestens sechs Monate stellt.
Doch im Verhältnis zu den Rechnungen, die er begleichen muss, reicht der Schutz nicht aus. In unserem Musterbeispiel gehen wir von monatlichen Ausgaben in Höhe von über 6.000 Euro für Miete, Lebenshaltung und andere laufende Kosten aus. Zwar würde Mustermann im Fall der Berufsunfähigkeit seinen Konsum reduzieren, dafür könnten dann aber Pflegekosten voll zuschlagen. Sollte Mustermann seinen Beruf eines Tages nicht mehr ausüben können, wäre das für die Familie fatal. Sie würde nach Berechnungen des FPSB rund 50.000 Euro mehr ausgeben, als sie zur Verfügung hat – und zwar Jahr für Jahr.
Teil 4 von 4
Grundsätzlich halte ich aber die genannten BU-Fälle, die es geben soll (teilweise wird jeder 4. oder 5. behauptet) für viel zu hoch bzw. für so nicht richtig. Man sollte dabei auch immer erwähnen, wie lange die durchschnittliche BU-Zeit ist und ab welchem Alter. Auch sollte man sich die Fälle für seinen eigenen Beruf anschauen, um sich ein Bild vom tatsächlichen Risiko zu machen. Ebenso sollte man z. B. seine tatsächliche Einstellung zu seiner Arbeit und zu gesunden Leben berücksichtigen. Wer gerne arbeitet und ansonsten eher gesund lebt, ist mit einer „Dread-Desease-Versicherung“ oder „Multirente“ m. E. besser versichert. Ansonsten sollte man eher eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen und wohl auch über eine entsprechende Rechtsschutzversicherung nachdenken. Letzteres gilt, wie gesagt, nicht unbedingt für alle Versicherungen am Markt, aber m. E. für die Mehrzahl der Anbieter.
Niels Greulich
Unabhängiger Versicherungsmakler
PS: Da bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung erheblich mehr verdient wird als z. B. bei einer „Multirente“ (= i. d. R. eine Sachversicherung ohne gezillmerte Provision), wird diese m. E. seltener empfohlen. Ebenso gibt es m. E. viele Falschangaben bei den Gesundheitsangaben, weil der Vermittler dem Kunden nicht ausreichend darauf hinweist, dass dort wirklich alles angegeben gehört. Ein Vermittler möchte ja möglichst eine Ablehnung des Antrages vermeiden und eine Provision erhalten.
D. Ein weiteres nicht wirklich erwähntes Problem bei einer BU-Verischerung ist, ob der Versicherer im möglichen Leistungsfall auch bereit ist zu zahlen. Da es keine richtigen objektive Kriterien gibt (im Gegensatz zu „Multirenten“ oder „Dread-Desease“ Versicherungen), sind die Streitfälle nicht nur vorprogrammiert, sondern schon Realität. Einige Versicherungen veröffentlichen schon seit Jahren keine Klagequoten mehr und selbst die Versicherungen, die vor ein paar Jahren noch geringe Klagequoten hatten, haben eine Tendenz zu schlechter werdenden Klagequoten. Aktuelle Klagequoten finden sie kaum bzw. ich gar nicht. Auch muss man erwähnen, dass die Klagequoten noch nichts über die tatsächliche Regulierung aussagen. Einige Betroffene klagen bei Ablehnung sicher auch erst gar nicht. Zur Verteidigung der Versicherung muss man aber auch sagen, dass es sicherlich einige Fälle mit falschen Gesundheitsangaben gibt und auch einige Fälle bei denen der Kunde einfach keine Lust auf seine Arbeit mehr hat und über seine BU sich den Vorruhestand leisten möchte. Aber die Unterschiede bei der Regulierung sind bei den Versicherern so groß, dass es sicher nicht nur an den letzten beiden Möglichkeiten liegt. Auch gibt es natürlich erhebliche Unterschiede in den Bedingungen.
Teil 2 von 3
C. Das Problem der Bezahlbarkeit wird in Ihrem Artikel nicht wirklich angesprochen. Oft werden BU-Versicherungen nämlich nur bis 60 Jahre abgeschlossen und so, dass zwar der Lebensunterhalt bezahlt werden kann, aber eben nicht noch Geld für das Ansparen einer ausreichenden Rente vorhanden ist. Auch auf eine sichere Dynamisierung im Leistungsfall als Inflationsschutz wird häufig verzichtet, weil er recht teuer ist. Versichert man sich vollständig mit einer BU, also z. B. ein heute 30 Jähriger Mann mit einer Leistung von 2500 Euro (netto) bis 67 Jahre und einer sicheren Dynamik im Leistungsfall von 2% und schließt zusätzlich eine Rentenversicherung mit besonderer Dynamisierung im BU-Fall ab, damit er ggf. auch eine ausreichende Rente erhält, muss er selbst als Akademiker (i.d.R. Risikoklasse 1) bereits weit über 300 Euro pro Monat investieren. Davon sind dann ca. 150 nur für die BU-Absicherung. Wenn man dabei eine steueroptimierte Variante (z. B. Basisrente mit BUZ) wählt, muss man für den Leistungsfall ca. 3000 brutto absichern, um netto ca. 2500 Euro zu erhalten. Die genannten Werte sind für die Besserverdiener durchaus bezahlbar, aber für die Berufe, die sich in Risikoklasse 2 oder schlechter befinden und bei denen nicht gerade pro Monat 3000 Euro netto verdient wird, ist einer ausreichenden Absicherung oft nicht oder kaum bezahlbar. Auch gibt es eine große Anzahl an über 30 Jährigen, die sich versichern müssten und für die die Beiträge aufgrund ihres Alters auch kaum bezahlbar sind.
Ich empfehle sich eher eingeschränkt (=keine Zahlung in allen Eintrittsfällen) aber dann ausreichend abzusichern, statt „uneingeschränkt“ (=Zahlung in vielen Krankheitsfällen) und dafür nicht ausreichend, also z. B. „zu kurz“ oder „zu gering“. Und im letzteren Fall ist m. E. „zu kurz“ noch besser als „zu gering“. Denn wer sich zu gering versichert hat von Anfang an seiner Berufsunfähigkeit ein finanzielles Problem, welches er in der Regel nicht lösen kann.





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