
DÜSSELDORF. Norbert Reithofer hat Grund zum Jubeln. Ein Jahr nach der schwersten Autokrise in der Nachkriegsgeschichte fährt der Vorstandschef des deutschen Autobauers BMW wieder Milliardengewinne ein. Auf die margenträchtigen 5er- und 7er-Limousinen müssen die Kunden Monate warten. Die Börse honoriert den Erfolg: In nur einem Jahr hat BMW seinen Börsenwert auf 37,5 Milliarden Euro fast verdoppelt.
So wie die Münchener frohlocken zum Jahreswechsel fast alle deutschen Industriefirmen. Denn dank ihrer Exportstärke profitieren sie vom Boom in Südamerika, Osteuropa und Asien mehr als ihre Wettbewerber in anderen Ländern.
Der Lohn: Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer, der Dax, legte im Jahr 2010 mit 16 Prozent stärker zu als alle großen Börsenindizes der Welt. In einem Jahr steigerten die 30 größten deutschen Konzerne ihren Börsenwert um 112 Milliarden Euro. Damit ließen sich die Großkonzerne Daimler und BASF auf einen Schlag kaufen.
Doch die Aufholjagd an den Weltfinanzmärkten gestaltet sich mühsam. Von den 100 Konzernen mit dem höchsten Börsenwert kommen mit Siemens, BASF, Volkswagen und Daimler nur vier aus Deutschland, wie eine Analyse des Handelsblatts belegt. Zwar verbesserte sich Siemens um 25 Plätze, BMW fehlt aber in der Rangliste - ebenso wie Henkel, Linde oder SAP, obwohl sie 2010 so viel verdient haben wie nie zuvor.
Der Grund: "Deutschland fehlen die starken Konzerne in den Schlüsselbranchen Technologie und Rohstoffe", sagt Berndt Fernow, Marktstratege von der Landesbank Baden-Württemberg. Denn genau diese Branchen sind die großen Gewinner: Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen fördern Öl und andere Bodenschätze oder treiben das Internetzeitalter voran. Neue Nummer eins ist der US-Ölriese Exxon mit einem Börsenwert von 276 Milliarden Euro, gefolgt vom letztjährigen Spitzenreiter und Wettbewerber, Petrochina.
Investoren der weltweiten Finanzmärkte honorieren die Spezialisierung deutscher Konzerne auf Industrie und Handel oft nicht ausreichend. Obwohl die Unternehmen in diesen Branchen relativ starke Gewinne erwirtschaften, liegen die Umsatzrenditen aufgrund des scharfen Wettbewerbs selbst in Boomzeiten nur zwischen fünf und zehn Prozent. Die weltweit größten Firmen, die oft in Märkten mit relativen Knappheiten oder monopolartigen Strukturen zu Hause sind, erzielen dagegen Renditen von bis zu 26 Prozent. Anleger honorierten das: Exxon verteuerten sich 2010 um 22 Prozent, Apple gar um 69 Prozent.
Wiederaufstieg der Amerikaner
Aufsteiger des Jahres ist Apple. Der US-Hersteller von Computerelektronik verbesserte sich in der Rangliste der 100 wertvollsten Unternehmen der Welt um zehn Plätze auf Rang drei. Das Gespür, Technik mit Design zu verbinden, ließ 2010 nicht nur die Kunden, sondern auch die Aktionäre zugreifen. Die Apple-Aktie stieg um fast 70 Prozent. Mit dem Börsenwert des Konzerns von 221 Milliarden Euro ließe sich der deutsche Softwarespezialist SAP ganze viereinhalbmal kaufen.
Apple steht symbolhaft für den Wiederaufstieg der Amerikaner. 38 der 100 wertvollsten Unternehmen kommen aus den USA - mehr als jedes dritte. Auf dem Höhepunkt des Wirtschafts- und Börsenbooms im Jahr 2007 waren es nur 32, vor einem Jahr 36 Unternehmen. Verantwortlich ist eine Mischung aus Firmen, wie sie Anleger in und nach der Krise lieben: Rohstoffe, Technologie, aber auch von der Konjunktur unabhängige Großtanker, deren Geschäftsmodell jeder durchschaut.
"Amerika war als erstes Land aus der Krise herausgekommen. Es verfügt über viele große, defensiv aufgestellte Konzerne, in die vorsichtige Anleger nach einer großen Krise zunächst gern investieren", begründet Matthias Jörss, Aktienstratege von der australischen Bankengruppe Macquarie.
Neben Apple machten der SAP-Konkurrent Oracle sowie Traditionskonzerne wie Coca-Cola, General Electric und Warren Buffetts Imperium Berkshire Hathaway Sprünge nach vorn. Mit elf Billionen Euro erreichen US-Aktien einen Weltmarktanteil von einem Drittel.
Vor allem große Traditionsfirmen profitieren von der Nullzinspolitik in den USA. Denn professionelle Investoren entdecken das beinahe risikolose Geschäft; es funktioniert bis heute. Dabei leihen sich Banken bei den Zentralbanken für weniger als ein halbes Prozent Geld und legen es in Staatsanleihen an. Diese werfen je nach Laufzeit zwei bis drei Prozent Zinsen ab. Angesichts solch üppiger Margen bleibt Geld übrig, um es in etwas riskantere Anlagen zu stecken. Dazu zählen Aktien wie Coca-Cola und General Electric, deren regelmäßige und gemessen am Aktienkurs hohe Dividenden vor großen Kursverlusten schützen. Das macht solche Aktien als konservative Anlage attraktiv.
Verlierer sind die Europäer
Als Verlierer des letzten Akts der Banken-, Wirtschafts- und Verschuldungskrise dagegen entpuppen sich die Europäer. Sie stellen nur noch 34 anstatt wie vor einem Jahr 36 Unternehmen. Der Grund dafür liegt vor allem in der unterdurchschnittlichen Kursentwicklung. Europaweit traten die Kurse im Schnitt nur auf der Stelle. In Italien und Spanien verloren sie sogar durchschnittlich 15 Prozent
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Daran gemessen, schlägt sich Deutschland mit einem Dax-Gewinn von 16 Prozent beachtlich. Der hohe Exportanteil lässt fast alle deutschen Firmen vom Boom in den Schwellenländern profitieren. 2010 steigerten die Dax-Konzerne ihre Nettogewinne um mehr als 70 Prozent und damit rasanter als die Unternehmen in allen anderen Ländern.
Viele deutsche Firmen überzeugen mit einer starken Kursentwicklung. So schlagen auf Sicht von mehreren Jahren die Aktien des Mischkonzerns Siemens die des Wettbewerbers General Electric um Längen. Dasselbe gilt für die Anteilsscheine von Henkel gegenüber Dupont, des Pharmakonzerns Bayer im Vergleich mit Pfizer und des Versicherungsriesen Allianz gegenüber dem angeschlagenen Konkurrenten AIG. Anleger honorieren die steigende Profitabilität bei sinkender Verschuldung, höherem Eigenkapital und einer strategischen Konzentration auf das Kerngeschäft.
Doch all das reicht nicht, um unter den 100 Top-Adressen eine größere Rolle zu spielen. Insgesamt kosten alle 7000 börsennotierten Unternehmen in Deutschland derzeit gerade einmal 1,2 Billionen Euro - so viel wie die fünf wertvollsten Unternehmen auf der Welt.
Um im Konzert der ganz Großen eine nennenswerte Rolle zu spielen, fehlen Deutschland die zwei Top-Branchen Rohstoffe und Technologie. Sie dominieren die Kurszettel zwischen New York, London, Frankfurt, Tokio und Schanghai.
Öl- und Bergbaukonzerne wie Petrochina und BHP Billiton und IT-Giganten wie Apple und Microsoft erwirtschaften dank knapper werdender Rohstoffe beziehungsweise fast monopolartiger Strukturen Netto-Umsatzrenditen von weit über zehn Prozent. Das macht die Unternehmen für Investoren attraktiv und lässt die Kurse kräftig steigen. Gazprom, Microsoft und Apple erreichen sogar eine Nettomarge von mehr als 20 Prozent. Von solchen Traumrenditen bleiben die deutschen Autobauer wie Volkswagen, Daimler und BMW, Industriekonzerne wie Siemens und Markenartikler wie Henkel selbst in Rekordjahren meilenweit entfernt.
Unsicherheiten drücken die Kurse
Immerhin, Deutschlands teuerstes Unternehmen Siemens schob sich im Jahresvergleich um 25 Plätze auf Rang 42 nach vorne. Und mit BASF, VW und Daimler schafften gleich drei Unternehmen den Aufstieg in die Top 100. Doch die Deutsche Telekom, der Pharmaspezialist Bayer und der Energieriese Eon mussten sich gleichzeitig aus der Rangliste verabschieden.
Eon etwa setzt die neue Brennelementesteuer zu. Das Unternehmen ist 13 Milliarden Euro weniger beziehungsweise 22 Prozent weniger wert als noch vor einem Jahr. Abgesehen vom Wettbewerber RWE entwickelte sich kein anderer Dax-Wert schlechter. Die T-Aktie stagniert angesichts schlechter Margen und miserabler Perspektiven seit Jahren.
Besserung ist für Deutschlands Börsengewicht in Sicht - zumindest langfristig. Im historischen Vergleich sind die Aktien niedrig bewertet. Seit dem Börsentief im Februar 2009, als die Unternehmen nur halb so viel wert waren wie heute, sind die Firmengewinne - immer noch die maßgebliche Kennzahl an den Finanzmärkten - schneller als die Kurse gestiegen. Durchschnittlich bezahlen Anleger die Dax-Werte derzeit mit dem zwölffachen Jahresnettogewinn. Das ist rund ein Viertel weniger als im Mittel der vergangenen 50 Jahre. Um "fair", also durchschnittlich bewertet zu sein, müsste der Dax demnach bei 8.750 Punkten notieren.
Davon gehen mit Blick auf 2011 zwar selbst die optimistischsten Analysten nicht aus. Denn trotz starker Unternehmenserträge, gesunder Bilanzen und guter Prognosen für die kommenden Quartale drücken viele Unsicherheiten die Kurse. Die Verschuldungskrise in Euro-Land und in der größten Volkswirtschaft USA droht künftige Investitionen der öffentlichen Hand zu schmälern. Sparanstrengungen und Steuererhöhungen einschließlich neuer Abgaben wie der Brennelementesteuer gehen zulasten künftiger Unternehmensgewinne.
Doch die niedrige Bewertung zeigt das immense Potenzial deutscher Aktien und des Börsenwerts deutscher Unternehmen. Wesentlich niedriger sind nur die Anteilsscheine in den Krisenstaaten Südeuropas und vor allem in Russland bewertet. An der Moskauer Börse zahlen Anleger nur den sechsfachen Jahresgewinn - halb so viel wie in Deutschland. Viele Anleger misstrauen dem Staat, fürchten Rechtsunsicherheit bis hin zur Verstaatlichung. Anlass für solche Spekulationen gibt es immer wieder, wie kurz vor dem Jahreswechsel die lange Haftstrafe für den regierungskritischen Öl-Magnaten Michail Chodorkowskij zeigte.
Das heißt im Umkehrschluss: Russische Aktien wie Gazprom haben das größte Potenzial. Doch Siemens, BASF, BMW und Co. werden ihren Börsenwert weiter steigern, wenn Anleger die starken Firmengewinne honorieren und den Ausblicken vertrauen.
Kommentar 6 "DAX blase" zeugt leider von völliger Ahnungslosigkeit des Verfassers. Grade Aktien schaffen Mehrwert. Es handelt sich hier schließlich um Unternehmensbeteiligungen. Mit einem blatt Papier hat das nichts zu tun. Früher nicht, und heute erst recht nicht. informieren Sie sich bitte, bevor Sie wieder solchen inkompenten Schwachsinn auf "bild"-Niveau von sich geben. Danke.
"Die 100 wertvollsten Unternehmen..."
Der Artikel ist insoweit irreführend, das heutzutage die wertvollsten (und mächtigsten) Unternehmen der Welt gar nicht mehr an der börse gehandelt werden, sondern sich in besitz von strategischen Staatsfonds oder direkt in Staatsbesitz befinden...
Mir schaut das nach einer blase aus. Schnell mal noch Geld parken beim Exportweltmeister Deutschland und erhoffte Dividenden mitnehmen. Das ist aber noch lange kein indiz für eine neue Stabilität, da das Geld eh nur noch sich selber zu maximieren denkt. Aber was nichts Wert in sich (Papier), kann auch keinen richtigen Wert schaffen...





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