
Herr Müller, Griechenland steht vor der Pleite. Davon sind reihenweise europäische Banken betroffen. Sollten die Wackelkandidaten im Notfall gestützt werden?
Dirk Müller: Das grenzt aus meiner Sicht an Veruntreuung von Steuergeldern. Man versucht, zu lavieren, zu verschleppen und das Unabwendbare hinauszuzögern. Der Leidensweg wird dadurch immer länger. Bereits vor anderthalb Jahren hätte man Griechenland in die geordnete Insolvenz gehen lassen müssen. Das wäre mit Sicherheit billiger geworden, als Milliarden und Abermilliarden nach Griechenland zu schieben und am Ende doch den Schuldenschnitt zu machen und die Banken zu stützen.
Wollen Sie, dass Banken pleitegehen?
Was ist daran so dramatisch? Die Banken wussten doch, auf was sie sich einlassen. Die haben griechische Bonds gekauft, weil sie dabei etwas mehr Rendite als bei Bundesanleihen bekamen.
Wenn die Banken wackeln, stünden Tausende Sparer vor den Filialen, um ihr Geld abzuheben. Das hätte katastrophale Folgen.
Der Staat kann sich an den Banken beteiligen, aber nur an dem Teil, der für die Realwirtschaft wichtig ist und wo die Konten der Bürger liegen, also der Geschäftsbank. Die Zockerabteilung der Banken, die soll ruhig den Bach runtergehen. Und wenn sich der Staat an den Banken beteiligt, dann soll er bitteschön auch hinterher am Gewinn beteiligt werden; nicht wie bei der Commerzbank, wo sich der Staat über den Tisch ziehen lassen hat. Die Commerzbank sorgt mit Bilanztricks dafür, dass sie von ihren Gewinnen nichts an den Steuerzahler zahlen muss.
Dirk Müller: „Dass sich die Politiker gerne mal die Hucke voll lügen, dürfte hinlänglich bekannt sein. [...] Ich darf daran erinnern, dass der damalige Finanzminister Steinbrück noch im Sommer 2008 eine deutsche Rezession für vollkommen ausgeschlossen hielt und diesbezügliche Meinungen als 'typisch deutsche Schwarzmalerei' abtat? Wohl dem, der seine Investitionen nicht darauf gebaut hat...“
Dirk Müller: „Die Wirtschaftsweisen müssen es doch wissen, sollte man meinen. Immerhin beraten sie die Regierung. [...] Weit gefehlt. Unsere führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben noch im Herbst 2008 eine Rezession für Deutschland und die USA für unwahrscheinlich erklärt. Wir wissen heute, dass die Rezession in den USA offiziell vom Dezember 2007 bis Juni 2009 dauerte. Das bedeutet: Unsere führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erkennen eine Rezession noch nicht einmal dann, wenn sie bereits seit einem halben Jahr tobt.“
Dirk Müller: „Ja, es macht Sinn, sie zu lesen, aber bleiben Sie kritisch. Glauben Sie nichts, was nicht mit Ihrer Wahrnehmung der Dinge übereinstimmt, und hinterfragen Sie alles. Stellen Sie sich vor allem die Frage: Von wem kommt diese Information und wem nützt sie.“
Dirk Müller: „Es gibt einige gute, fundierte und seriöse Börsenbriefe, aber die Mehrzahl ist reine Geldmacherei. Besonders vorsichtig sollten Sie sein, wenn Sie kostenlose Börsenbriefe im Briefkasten oder im Maileingang finden. Was glauben Sie, warum sich der Herausgeber diese Mühe macht? Er sucht Dumme.“
Dirk Müller: „Der Bankverkäufer ist keineswegs der neutrale Notar, oder gar ihr guter Freund, der nur Ihr Wohl vor Augen hat. [...] Warum das so ist, erkennen wir, wenn wir uns mit seinem Arbeitgeber, der Bank, beschäftigen. Welche Aufgabe hat diese Bank? Ihre einzige Aufgabe besteht darin, Gewinn zu erwirtschaften. Gewinn für ihre Eigentümer und Aktionäre. Sie hat weder die Aufgabe, Gutes für die Gesellschaft zu tun, noch ist sie eine neutrale und staatlich finanzierte Beratungsgesellschaft für Leute, die keinen Plan von Finanzen haben. [...] Begegnen Sie ihm [dem Bankverkäufer] genauso, wie sie einem Autoverkäufer begegnen würden. Freundlich, informiert und in dem Bewusstsein, dass der nette Kerle, der Ihnen einen Kaffee anbietet, Ihnen im nächsten Moment verkauft, was vom Hof muss.“
„... sind Sie selbst und Ihr Bauchgefühl. Kaufen Sie nichts, was Sie nicht wirklich verstanden haben. Hinterfragen Sie stets alles, und vertrauen Sie auf Ihre Lebenserfahrung und Ihren gesunden Menschenverstand, dann sind Sie besser dran als mit allen Expertentipps.“
Dirk Müller, „Cashkurs: So machen Sie das Beste aus Ihrem Geld: Aktien, Versicherungen, Immobilien“, erschienen am 12. September 2011 bei Droemer.
Was haben Sie eigentlich gegen die Banken?
Die Banken sind offenkundig gar nicht mehr in der Lage, ihre Funktion für die Realwirtschaft zu erfüllen. Wir hören von EADS, dass die französischen Banken nicht mehr in der Lage sind, Flugzeuge zu finanzieren, weil sie sich auf allen möglichen Märkten verzockt haben. Mittlerweile hat der Großteil des Geschäfts gar nichts mehr mit der Realwirtschaft zu tun, sondern liegt im spekulativen Bereich. Damit haben die Banken lange extrem gut verdient. Aber jetzt, wo es schiefgeht, da soll bitteschön der Steuerzahler einspringen. Das ist nicht in Ordnung.
Sind Banker nicht lernfähig?
Wir haben nichts aus dem ersten Teil der Finanzkrise gelernt, es geht so weiter wie vorher. Niemand sollte darauf hoffen, dass die Finanzwelt eine Selbstregulierung einführt. Das wäre ja schlecht für das Geschäft. Die Politik ist in der Verantwortung, Grenzen zu ziehen.
Unsere Politiker sind so sehr damit beschäftigt, es den Märkten recht zu machen, dass ihnen kein Gedanke mehr an die Menschen bleibt. Wenn man das logisch zuende denkt, dedeutet es, die Märkte sichern unser Gemeinwesen und nicht die Menschen mit ihren Leistungen. Ist das so richtig, müssen Politiker sich zu Zwecke ihres Machterhaltes in der Tat eher um Märkte als um Menschen kümmern. Kommt die Euro-Diktatur braucht eh keiner mehr das Wahlvolk.
Herr Müller halten Sie es wirklich für ratsam den Leuten locker vom Hocker zu raten jetzt Aktien zu kaufen mit dem Hinweis man erhielte schließlich Realwerte. Ist Ihnen wirklich nicht bekannt, dass das was sie als Realwerte auf der Aktivseite der Bilanz selbst großer Aktiengesellschaften zu erkennen glauben Milliarden von Fiktionen sind. Die Bereinigung dieser Fiktionen überstiege die Liquidität der meisten Konzerne. Das wissen Sie doch. Und warten sie erst einmal ab, wenn demnächst die Konjunktur in den Keller geht. Spätestens dann werden sich die Fiktionen in den Anlagevermögen der Bilanzen sprunghaft erhöhen ohne dass sie mangels Masse wertberichtigt werden können. Das ist nämlich der wahre Kern der jetzigen Weltwirtschaftkrise.
Glauben sie wirklich, dass die Zahl, die in der Bilanz hinter den Anlagevermögen großer Konzerne steht eine Art göttliches Expose sei, das der Markt im Verkaufsfall des Unternehmens zu diesem Wert realisiert. Erst dann können sie nämlich im Brustton der Überzeugung von einem Realwert sprechen? Der Ausfall eines einzigen Großkunden kann ihre sogenannten Realwerte zur Makulatur werden lassen. Realwert hat immer etwas mit seiner tatsächlichen Realisierbarkeit zu tun. In welchen Wert auch immer. Und das sehe ich bei den im Anlagevermögen der Konzerne nur so wimmelnden Fiktionen nicht. Also bitte, tun sie nicht so als gäbe es eine Müller-Seriösität.
Das sehe ich überhaupt nicht so. Lässt sich doch leicht ausrechnen, wie sich das bei einer 90/10 Streunung rechnen kann (90% Aktien/ 10% Optionen, Bsp: 5000€ Kapital, 4500€ in die Aktie, 500€ in die Put Option zur Absicherung). Tatsächlich könnte man die Put-Option am Ende sogar ziehen, man muss sie ja nicht handeln. Also, ich habe das Gefühl das sie beide sich noch gar nicht intensiv mit Optionsscheinen beschäftigt haben - da ist es mir zu einfach diese Anlagestrategie (ja genau! es geht hier um Strategie!) zu verteufeln...
Leibe Grüße, Joelunda





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