
Herr Müller, die Finanzkrise begann mit einer Immobilienkrise, dann kam die Bankenkrise, jetzt haben wir die Staatsschuldenkrise – wie kommen wir da wieder raus?
Indem wir ganz von vorn anfangen. Unser Finanzsystem ist am Ende. In den USA beträgt die Gesamtverschuldung der Bürger, des Staates und der Industrie bereits 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das ist historisch einmalig. Das führt dazu, dass ein großer Teil dessen, was die Bürger erwirtschaften, für Zinsdienste abfließt. Diese Zinsen werden in der Regel nicht wieder in die Wirtschaft investiert, sondern stapeln sich bei denjenigen, die bereits sehr viel besitzen. Das soll nicht klassenkämpferisch klingen – ich gehöre keiner Partei an. Ich erkläre nur, wie das System funktioniert beziehungsweise dass es nicht ewig funktioniert.
Sie meinen, der Fehler liegt im System?
Unser Finanzsystem ist so beschaffen, dass es alle paar Jahrzehnte neu gestartet werden muss. Der grundlegende Fehler ist folgender: Alles Geld, was wir erzeugen, ist Schuldgeld. Das heißt: Geld entsteht, indem jemand einen Kredit aufnimmt. Allem Geld, das im Umlauf ist, steht auf der anderen Seite Kredit gegenüber. Wenn die Staaten extrem hohe Schulden haben, dann muss auf der anderen Seite jemand sein, der genau diese Summe an Vermögen hat. Wenn die Bundesrepublik jährlich 40 Milliarden an Zinsen für ihre Schulden zahlt, dann muss irgendjemand 40 Milliarden an Zinsen kassieren.
Dirk Müller: „Dass sich die Politiker gerne mal die Hucke voll lügen, dürfte hinlänglich bekannt sein. [...] Ich darf daran erinnern, dass der damalige Finanzminister Steinbrück noch im Sommer 2008 eine deutsche Rezession für vollkommen ausgeschlossen hielt und diesbezügliche Meinungen als 'typisch deutsche Schwarzmalerei' abtat? Wohl dem, der seine Investitionen nicht darauf gebaut hat...“
Dirk Müller: „Die Wirtschaftsweisen müssen es doch wissen, sollte man meinen. Immerhin beraten sie die Regierung. [...] Weit gefehlt. Unsere führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben noch im Herbst 2008 eine Rezession für Deutschland und die USA für unwahrscheinlich erklärt. Wir wissen heute, dass die Rezession in den USA offiziell vom Dezember 2007 bis Juni 2009 dauerte. Das bedeutet: Unsere führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erkennen eine Rezession noch nicht einmal dann, wenn sie bereits seit einem halben Jahr tobt.“
Dirk Müller: „Ja, es macht Sinn, sie zu lesen, aber bleiben Sie kritisch. Glauben Sie nichts, was nicht mit Ihrer Wahrnehmung der Dinge übereinstimmt, und hinterfragen Sie alles. Stellen Sie sich vor allem die Frage: Von wem kommt diese Information und wem nützt sie.“
Dirk Müller: „Es gibt einige gute, fundierte und seriöse Börsenbriefe, aber die Mehrzahl ist reine Geldmacherei. Besonders vorsichtig sollten Sie sein, wenn Sie kostenlose Börsenbriefe im Briefkasten oder im Maileingang finden. Was glauben Sie, warum sich der Herausgeber diese Mühe macht? Er sucht Dumme.“
Dirk Müller: „Der Bankverkäufer ist keineswegs der neutrale Notar, oder gar ihr guter Freund, der nur Ihr Wohl vor Augen hat. [...] Warum das so ist, erkennen wir, wenn wir uns mit seinem Arbeitgeber, der Bank, beschäftigen. Welche Aufgabe hat diese Bank? Ihre einzige Aufgabe besteht darin, Gewinn zu erwirtschaften. Gewinn für ihre Eigentümer und Aktionäre. Sie hat weder die Aufgabe, Gutes für die Gesellschaft zu tun, noch ist sie eine neutrale und staatlich finanzierte Beratungsgesellschaft für Leute, die keinen Plan von Finanzen haben. [...] Begegnen Sie ihm [dem Bankverkäufer] genauso, wie sie einem Autoverkäufer begegnen würden. Freundlich, informiert und in dem Bewusstsein, dass der nette Kerle, der Ihnen einen Kaffee anbietet, Ihnen im nächsten Moment verkauft, was vom Hof muss.“
„... sind Sie selbst und Ihr Bauchgefühl. Kaufen Sie nichts, was Sie nicht wirklich verstanden haben. Hinterfragen Sie stets alles, und vertrauen Sie auf Ihre Lebenserfahrung und Ihren gesunden Menschenverstand, dann sind Sie besser dran als mit allen Expertentipps.“
Dirk Müller, „Cashkurs: So machen Sie das Beste aus Ihrem Geld: Aktien, Versicherungen, Immobilien“, erschienen am 12. September 2011 bei Droemer.
Dann gleicht sich doch alles wieder aus.
Das könnte man meinen. Das Problem ist nur: Über die Jahrzehnte sammelt sich das Geld bei immer weniger Menschen an, während die Masse immer weniger davon hat. Für den Bürger spielt es am Ende gar keine Rolle, wo in diesem System die Schulden liegen – er zahlt am Ende immer; er zahlt seine eigenen Schulden sowieso, die des Staates über die Steuern, und die der Unternehmen über die Produkte, die er kauft, weil da die Zinsen in die Preise eingerechnet sind.
Die privaten Haushalte in Deutschland sind vermögend.
Die privaten Haushalte in Deutschland haben fünf Billionen Euro an Vermögen. Aber das Geld ist sehr ungleich verteilt. Die Hälfte der Bevölkerung hat davon nur vier Prozent. Und die obersten zehn Prozent besitzen fast zwei Drittel dieses Vermögens. Das geht so lange gut, bis die Masse die Zinslast nicht mehr tragen kann, bis sie den Gürtel nicht mehr enger schnallen und der Staat keine Leistungen mehr streichen kann.
@ ursularenner:
Sofern man nicht sehr reich ist (etwa 1 Million) bezahlt man INSGESAMT immer mehr Zinsen, als man selbst für das angelegt Geld erhält.
Pro Jahr erhalte ich dann vielleicht 900 Euro (das sind 3 % Zinsen für 30.000 Euro). Aber in der gleichen Zeit bezahle ich ein Vielfaches davon - z. B. in Form von Steuern, welche zur Rückzahlung des Zinslasten des Staates gebraucht werden - an diejenigen, die ihre Zinsansprüche an den Staat stellen (z. B. Banken).
Die relativ mickrigen Zinsen, die der Normalbürger für sein Geld erhält stehen in keinem Verhältnis zu den Zinsen, die er bezahlen muss (entweder die Zinsen für Kredite, die er selbst aufgenommen hat - oder die Zinsen, welche auf die Produkte draufgerechnet werden, die man kauft [das Unternehmen muss schließlich auch seine Kredite + Zinsen zurückzahlen] - oder über Steuern: Der deutsche Staat bezahlt bereits heute jährlich 40 Milliarden Euro an Zinsen an die Banken zurück, welche natürlich über die Steuern den Bürgern weggenommen werden müssen).
Etwas salopper formuliert dafür unterhaltsam zu lesen, aus der Sicht eines Betroffenen aus dem Bereich der Guthabenkrise: „Schuldenkrise eskaliert - jetzt auch noch Guthabenkrise“
http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/
Was Herr Müller da äußert, insbesondere über die "Vorteile" des Euro als Gemeinschaftswährung, weiß jeder Student der Wirtschaftswissenschaften im ersten Semester. Es war auch schon 1997 bekannt bzw. hätte allen bekannt sein müssen, als die Gruppe von Ökonomen um den Währungsexperten Wilhelm Hankel vor dem BVerfG gegen den Euro als Gemeinschaftswährung klagte. Waren die Verfassungsrichter damals auch schon auf diesem Wissensstand und haben deshalb die KLage als unzulässig zurückgewiesen, aus lauter Feigheit oder Angst vor den Politikern, die doch ihre Laufbahn bestimmen?: Das wäre schlimm, nimmt man lieber Fachidiotie an. Aber jetzt können sie ihr schlechtes Image aufwerten, denn die Gruppe "pro europa" des Herrn Hankel strengt zwei neue Klagen auf Verfassungsverstoß bei Entscheidung für eine TransferUnion an. Bin gespannt, was da diesmal rauskommt.





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